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Wie verständlich sind die Wahlprogramme?

Bandwurmsätze, denglische Fachbegriffe und Wortungetüme – die Wahlprogramme der zur Bundestagswahl antretenden Parteien sind in diesem Jahr so lang und unverständlich wie selten zuvor. Oder verstehen Sie, was mit Begriffen wie " Agri-FoodTech-Wagniskapitalfonds", "Blue-Deal-Entwicklungsplan" oder "Life-Chain" gemeint ist? Wissenschaftler der Universität Hohenheim haben näher untersucht, wie gut die verschiedenen Partien in puncto Verständlichkeit abschneiden.

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Wie verständlich sind die Wahlprogramme der deutschen Parteien?

Eigentlich dient das Wahlprogramm dazu, die potenziellen Wählerinnen und Wähler vorab darüber zu informieren, welche Ziele und Schwerpunkte eine Partei hat und welche Maßnahmen sie im Falle einer Regierungsbeteiligung umsetzen möchte. Damit sind die Wahlprogramme eine wichtige Grundlage, um sich für eine Partei zu entscheiden – wenn man denn ihr Wahlprogramm versteht.

"Damit die Wählerinnen und Wähler eine begründete Wahlentscheidung treffen können, sollten Parteien ihre Positionen klar und verständlich darstellen. Die Wahlprogramme sind dabei ein Mittel, um die eigenen Positionen darzulegen", erklärt der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim. Er hat mit seinem Team die Wahlprogramme zur Bundestagswahl 2021 auf formale Verständlichkeit untersucht. Die Analyse ist Teil eines Langzeitprojektes, bei dem seit der Bundestagswahl 1949 alle 83 Wahlprogramme der im Deutschen Bundestag oder in drei Landtagen vertretenen Parteien analysiert werden.

Balkendiagramm Wörterzahl der Wahlprogramme zur Bundestagswahl 2021
Wörterzahl der Wahlprogramme zur Bundestagswahl 2021

Zum Vergleich; Ein durchschnittlicher Roman mit 300 Seiten enthält rund 110.000 Wörter.

Wahlprogramme werden immer länger

Das Ergebnis: Kaum jemals zuvor waren die Wahlprogramme so lang und unverständlich wie bei dieser Bundestagswahl. Im Schnitt 43.541 Wörter hat ein Wahlprogramm in diesem Jahr – das entspricht umgerechnet gut 100 DIN-A4-Seiten. Bei der ersten Bundestagswahl 1949 waren es noch im Schnitt 5.498 Wörter. Immerhin: Neben den Langfassungen bieten Parteien zahlreiche Versionen ihrer Wahlprogramme an: Kurzfassungen, Audiofassungen, Versionen in leichter Sprache, Themenschwerpunkte und Videos zur Präsentation wichtiger Aspekte in Gebärdensprache sowie Übersetzungen in andere Sprachen.

Bei der Länge der Wahlprogramme gibt es große Unterschiede zwischen den Parteien. Traditionell haben die Grünen das längste Wahlprogramm. In diesem Jahr werden sie allerdings von der Links-Partei abgelöst: Mit 68.331 Wörtern ist das Programm der Linken gut tausend Wörter länger als das Programm der Grünen. Die kürzesten Programme haben in diesem Jahr die AfD und die SPD vorgelegt: jeweils knapp 23.500 Wörter.

Graph mit der Länge der Bundestagswahlprogramme verschiedender Parteien seit 1949
Länge der Bundestagswahlprogramme seit 1949

Fremdwörter, Anglizismen und Monstersätze

Doch nicht nur die Länge ist ein Problem – noch schlimmer steht es mit der Verständlichkeit: „Die häufigsten Verstöße gegen Verständlichkeits-Regeln sind Fremdwörter und Fachwörter, zusammengesetzte Wörter und Nominalisierungen, Anglizismen sowie lange Sätze und Schachtelsätze“, sagt Claudia Thoms, Verständlichkeits-Forscherin an der Universität Hohenheim. Was beispielsweise ist gemeint, wenn die Grünen von einer „Fact-Finding-Mission“ reden? Oder die CDU/CSU von „Agri-FoodTech-Wagniskapitalfonds“, die AfD von „supranationale Remigrationsagenda“, Die Linke von „Antiziganismus“, die SPD von „Edge-Computing“ oder die FDP vom „Carbon Leakage-Schutz“?

Solche Fachbegriffe sind für die Mehrheit der Wählerinnen und Wähler genauso unverständlich wie die zahlreichen Anglizismen: „Cybergrooming“ (Grüne), „eHealth-Roadmap“ (CDU/CSU), „Gene-Drive-Organismen“ (Linke), „Network Slicing“ (FDP), „Blue-Deal-Entwicklungsplan“ (AfD) oder „Life-Chain“ (SPD). Darüber hinaus erhöhen lange, zusammengesetzte Wörter nicht gerade die Lesbarkeit der Wahlprogramme: „Quellentelekommunikationsüberwachung“ (FDP, Linke), „Hochgeschwindigkeitsschienenverkehr“ (CDU/CSU), „Schuldenstrukturierungsverfahren“ (Grüne).

In allen Wahlprogrammen finden sich Verstöße gegen Verständlichkeits-Regeln. „Neben den Fremdwörtern, Anglizismen und Fachbegriffen sind es auch die Bandwurmsätze, die die Wahlprogramme so unverständlich machen“, sagt Thoms. „Wir haben in allen Wahlprogrammen solche Satz-Ungetüme mit teilweise mehr als 40 Wörtern gefunden.“ Am längsten sei ein Satz aus dem AfD-Programm: Er besteht aus 79 Wörtern.

Balkengrafik zur Verständlichkeit der Wahlprogramme
Die formale Verständlichkeit der Bundestagswahlprogramme 2021

Zum Vergleich: Doktorarbeiten in Politikwissenschaft haben eine durchschnittliche Verständlichkeit von 4,3, bei Hörfunk-Nachrichten leigt der Wert bei 16,4.

Fast so unverständlich wie eine Doktorarbeit

Wie es mit der Verständlichkeit der verschiedenen Partei-Wahlprogramme steht, hat das  Hohenheimer Team mit Hilfe einer Analyse-Software ermittelt. Die Software zählt unter anderem überlange Sätze, Fachbegriffe und zusammengesetzte Wörter. Anhand solcher Merkmale bildet sie den „Hohenheimer Verständlichkeitsindex“ (HIX). Er reicht von 0 (schwer verständlich) bis 20 (leicht verständlich).

Das formal verständlichste Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2021 liefert demnach Die Linke mit 8,4 Punkten auf dem Verständlichkeitsindex. Den letzten Platz belegen die Grünen mit 5,6 Punkten.  Zum Vergleich: Doktorarbeiten in Politikwissenschaft haben eine durchschnittliche Verständlichkeit von 4,3 Punkten. Hörfunk-Nachrichten kommen im Schnitt auf 16,4 Punkte, Politik-Beiträge überregionaler Zeitungen wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Welt oder der Süddeutschen Zeitung auf Werte zwischen 11 und 14.

„Das ist enttäuschend“, urteilt Brettschneider. „Denn alle Parteien haben sich in den letzten Jahren Transparenz und Bürgernähe auf ihre Fahne geschrieben. Mit ihren teilweise schwer verdaulichen Wahlprogrammen schließen sie jedoch einen erheblichen Teil der Wählerinnen und Wähler aus und verpassen damit eine kommunikative Chance.“

„Alle Parteien könnten verständlicher formulieren“, ist Brettschneider überzeugt. „Das beweisen gelungene Passagen in den Einleitungen und im Schlussteil. Dort erreichen die Parteien meist mehr als 10 Punkte auf dem Hohenheimer Verständlichkeitsindex. Die Themenkapitel sind hingegen das Ergebnis innerparteilicher Expertenrunden. Diesen ist meist gar nicht bewusst, dass die Mehrheit der Wähler ihren Fachjargon nicht versteht. Wir nennen das den ‚Fluch des Wissens’.“

Verschenkte Kommunikationschance

„Die von uns gemessene formale Verständlichkeit ist natürlich nicht das einzige Kriterium, von dem die Güte eines Wahlprogramms abhängt", betont Brettschneider. "Deutlich wichtiger ist der Inhalt. Unfug wird nicht dadurch richtig, dass er formal verständlich formuliert ist. Und unverständliche Formulierungen bedeuten nicht, dass der Inhalt falsch ist. Formale Unverständlichkeit stellt aber eine Hürde für das Verständnis der Inhalte dar.“

Mit der formalen Unverständlichkeit verschenken die Parteien eine Kommunikationschance. „Obwohl nur sehr wenige Menschen die Wahlprogramme komplett und intensiv durchlesen, sollen Wahlprogramme eigentlich dazu dienen, Wählerinnen und Wähler zu gewinnen oder zu halten“, so der Forscher.

Aus den Programmen leiten sich außerdem andere Kommunikationsmittel ab, die für eine Wahl wichtig sind, wie Wahlplakate, Homepage und Broschüren. „Selbst wenn die Wählerinnen und Wähler nicht das gesamte Programm lesen, so schauen sich einige von ihnen doch zumindest die Passagen an, die sich auf Themen beziehen, die ihnen wichtig sind“, sagt Brettschneider.

Eher positive Tonalität und wenig populistische Sprache

Das Hohenheimer Sprach-Team untersucht auch die Tonalität der Sprache in den Wahlprogrammen. Sie wird durch den Anteil negativer Begriffe im Verhältnis zum Anteil positiver Begriffe bestimmt. „Die Wahlprogramme 2021 sind im Vergleich zu früheren Wahlen sprachlich eher positiver in ihrer Tonalität. Die negativste bzw. am wenigsten positive Sprache zeigt sich bei der AfD und der Linken. Das betrifft nicht nur die aktuelle Wahl, sondern gilt auch im langjährigen Vergleich“, sagt Claudia Thoms.

Außerdem haben die Hohenheimer Forscher die Verwendung populistischen Vokabulars untersucht. Demnach weisen die aktuellen Programme im Verhältnis zu früheren Wahlen einen verhältnismäßig geringen Grad an sprachlichem Populismus auf – den drittniedrigsten seit 1949. Die am wenigsten populistischen Wahlprogramme schreiben im Schnitt die Unions-Parteien. Das dürfte vor allem daran liegen, dass sie am häufigsten von allen Parteien an Regierungen beteiligt waren, so das Forschungsteam.

Sprachlich am populistischsten ist 2021 das Wahlprogramm der AfD. Sie belegt auch insgesamt den zweiten Platz im langjährigen Parteienvergleich. Den ersten Platz belegen die Grünen, was vor allem auf verhältnismäßig hohe Populismuswerte in den Anfangszeiten der Partei zurückzuführen ist. Das aktuelle Wahlprogramm der Grünen nutzt dagegen kaum noch populistische Sprachwendungen.

NPO / Universität Hohenheim, 06.09.2021
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