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Wie verlässlich ist Dr. Google?

Wenn es im Bauch zwickt, der Hals kratzt oder wir einen merkwürdigen Hautauschlag entwickeln, suchen wir oft zuerst Hilfe bei "Dr. Google" oder einer anderen Internet-Suchmaschine. Der Blick ins Netz kann helfen, die Symptome einzuordnen und zu entscheiden, ob wir zum Arzt gehen sollten. Aber wie zuverlässig und wie korrekt sind die Antworten, die wir in den Suchlisten von Google, Bing, Yandex und Co finden?

Junge Frau mit Smartphone bei Internetrecherche über Krankheitssymptome
Vor dem Gang zu einem Arzt wird immer häufiger Dr. Google konsultiert. Die damit verbundene Informationsflut ist für Laien nicht immer hilfreich.

Die Ratsuche bei „Dr. Google“ ist längst Alltag: Wer unklare Krankheitssymptome entwickelt, sucht oft zuerst im Internet nach einer möglichen Ursache für die Beschwerden. Schätzungen zufolge nutzen weltweit rund 70 Prozent der Menschen mit Internetzugang Suchmaschinen, um sich über Symptome, Krankheiten und Behandlungsoptionen zu informieren. Typischerweise schauen sich viele Nutzer dabei vor allem die weit oben gelisteten Einträge an oder orientieren sich sogar nur an den Snippets – den kurzen Auszügen aus den Websites, die die Suchmaschine zu jedem Eintrag mitliefert.

Wonach fragen wir Dr. Google?

Aber wie treffend sind diese Suchergebnisse bei medizinischen Fragen? Und wie leicht wird man in die Irre geführt? Das haben nun Forscher um Alexander Bondarenko von der Universität Halle-Wittenberg näher untersucht. Im ersten Schritt wollten das Team wissen, nach welchen Gesundheitsthemen Menschen besonders oft suchen. Dafür analysierten sie rund 1,5 Milliarden Suchanfragen der russischen Suchmaschine Yandex -1,2 Millionen dieser Anfragen behandelten medizinische Themen..

Insgesamt tauchten ungefähr 4.400 Krankheiten und Symptome sowie 1.000 medizinisch genutzte Pflanzen und andere Hausmittel on den Suchanfragen auf. "Am häufigsten ging es um eher private, alltägliche Themen wie Schwangerschaft oder Intimkrankheiten. Insgesamt wurde auch häufiger nach der Behandlung von Akne oder Cellulite als nach Krebs gesucht", erklärt Bondarenko. Meist ging es um die Frage, wie man eine Krankheit oder ihre Symptome am besten behandelt, aber auch nach einer genaueren Beschreibung der Symptome bestimmter Erkrankungen wird oft gesucht.

Wirkt XX gegen die Krankheit XY?

Auffallend dabei: Bei den Fragen nach der Behandlung geht es meist schon ganz konkret um bestimmte Hausmittel oder Medikamente – beispielsweise: Hilft Kamillentee gegen Hautausschlag? Hilft Süßholz gegen Husten? Stärkt Echinacea das Immunsystem? Oder auch: Kann Knoblauch Viren abtöten? Ausgehend von dieser Beobachtung machten die Forscher einen weiteren Test: Sie wollten wissen, wie oft die Suchmaschinen Google und Yandex gängige Fragen nach solchen Hausmitteln korrekt beantworten.

Dafür stellten die Wissenschaftler den beiden Suchmaschinen 30 gängige Fragen. Davon repräsentierten 15 Fragen eine Krankheits-Mittel-Kombination, die korrekt war und die die Suchmaschinen daher mit "Ja" beantworten müssten. Dazu gehört zum Beispiel: Hilft Ingwer gegen Husten? Die restlichen 15 Fragen basierten dagegen auf Mythen und waren medizinisch falsch, wie beispielsweise: Hilft Knoblauch gegen Zahnschmerzen oder kann Mariendistel eine Hepatitis heilen?

44 Prozent falsche oder irreführende Antworten

Es zeigte sich: Vor allem die Yandex-Suchmaschine listete in den Suchergebnisse primär Einträge, die die Frage positiv beantworteten - unabhängig davon, ob dies medizinisch korrekt ist oder nicht. Als Folge gaben die Snippets der Suchliste in 44 Prozent der Fälle fälschlicherweise an, dass ein Mittel gegen eine bestimmte Krankheit wirkt, obwohl dafür keine wissenschaftliche Grundlage existiert. Bei Google waren immerhin noch 32 Prozent der Ergebniseinträge falsch positiv.

"Die Angaben aus den Snippets tendieren dazu, bereits vorhandene Meinungen zu bestätigen und liefern viel zu selten Warnungen zu möglichen Risiken", sagt Bondarenko. Besonders problematisch sind dabei die Informationen zu Hausmitteln oder sogenannten alternativen Behandlungsmöglichkeiten, weil nach ihnen oft gesucht wird, aber die Angaben in den Suchlisten häufig fehlerhaft oder mangelhaft sind.  Dass kann Menschen darin bestärken, an die Wirkung bestimmter Mittel zu glauben, auch wenn es dafür keine wissenschaftliche Grundlage gibt.

Vorsicht ist geboten

Das aber bedeutet: Wer nach der Wirksamkeit bestimmter Mittel sucht, sollte sich nicht auf die Suchliste und deren Snippets verlassen, denn sie führen oft in die Irre. Denn nur weil Dr. Google oder Dr. Yandex positive Antworten auf eine medizinische Frage als erstes anzeigen, bedeutet dies noch nicht, dass die Antwort "Ja" auch korrekt ist. Stattdessen kann das Gegenteil richtig sein. Der Grund ist einfach: Die Suchalgorithmen sind darauf programmiert, möglichst passenden Antworten zu finden – die liefern aber nicht notwendigerweise auch die korrekte Information.

Stattdessen sollte man gezielt schauen, welche seriösen Quellen unter den Sucheinträgen sind und dort dann näheres nachlesen. Hinzu kommt: Warnhinweise oder korrekte, klar negative Antworten: "Knoblauch wirkt nicht gegen Zahnschmerzen" oder: "Hepatitis ist nicht durch Hausmittel wie Mariendistel heilbar" fehlen unter den ersten Suchergebnissen oft.

 

NPO / Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 03.11.2021
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