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Wie gefährlich sind Kopfhörer im Straßenverkehr?

Ob Musik beim Joggen, der Podcast beim Spaziergang oder die Nachrichten beim Radfahren auf dem Weg zur Arbeit – per Kopfhörer können wir auch unterwegs all dem bequem lauschen. Im Straßenverkehr jedoch kann das Tragen von Ohrstöpseln uns aber ablenken – und schlimmstenfalls Unfälle fördern. Aber wie gefährlich ist das Tragen von Kopfhörern?

Fußgängerin mit Earbud-Ohrhörer
Unter Fußgängern und Radfahrern ist das Tragen von Kopfhörern oder Earbuds weit verbreitet.

Ob für Musik, einen Podcast, eine Audionachricht des besten Freundes oder den Lieblingsradiosender – mit Kopfhörern können wir auch unterwegs all dem lauschen, ohne andere Menschen damit zu stören. Heutzutage bieten die Knöpfe im Ohr zudem meist einen exzellenten Klang und lassen uns ganz in das Gehörte abtauchen, weil Hintergrundgeräusche und sonstige Ablenkungen ausgeblendet werden. Dadurch können sich manche Menschen etwa beim Arbeiten in einem großen Büro besser konzentrieren oder sich auf dem Heimweg schneller entspannen. Und manchmal helfen sie auch dabei, unsere Stimmung zu verbessern und uns zu motivieren.

Ohren auf im Straßenverehr

Das Tragen von Kopfhörern kann jedoch auch gefährlich sein. Weil sie die meisten Geräusche der Außenwelt ausschalten, blockieren sie wichtige Informationen, die unser Gehirn zur Orientierung und Reizwahrnehmung braucht: Während wir beim Sehen nur die Dinge wahrnehmen, die sich gerade in unserem Blickfeld befinden, können wir über unseren Hörsinn beispielsweise auch Geräusche und Ereignisse hinter oder neben uns wahrnehmen und entsprechend schnell reagieren.

Das spielt insbesondere im Straßenverkehr eine wichtige Rolle. Denn im Auto, auf dem Fahrrad, dem E-Scooter oder City-Roller sowie zu Fuß auf dem Gehsteig müssen wir aufmerksam sein, um weder uns noch andere Verkehrsteilnehmer zu gefährden. Dazu gehört zum Beispiel, dass wir das Klingeln eines Radfahrers, Hupen von Autos oder das Bimmeln einer Straßenbahn sowie die Sirene eines Rettungsfahrzeugs oder der Polizei wahrnehmen.

„Gerade Fußgänger und Radfahrer sind im Gegensatz zu Autofahrern ungeschützt und daher ist volle Konzentration besonders wichtig“, erklärt Johannes Boos vom ADAC. In Zukunft könnte das aufmerksame Hören im Straßenverkehr zudem noch bedeutsamer werden, da immer häufiger Elektrofahrzeuge gekauft werden und diese deutlich leiser fahren als Benziner oder Diesel-Fahrzeuge.

Teenager mit geschlossenem Kopfhörer und Smartphone in den Händen
Am gefährlichsten im Straßenverkehr sind große Muschelkopfhörer, die das Ohr komplett abdecken.

Was ist erlaubt – und was nicht?

In einigen Ländern, wie etwa Frankreich, ist das Tragen von Kopfhörern im Straßenverkehr deshalb grundsätzlich verboten. In Deutschland hingegen nicht. Bei uns sind Ohrstöpsel nur dann nicht mehr erlaubt, wenn man dadurch die Umgebungsgeräusche nicht mehr hört.  Das kann beispielsweise schon der Fall sein, wenn die Musik relativ laut ist, aber auch, wenn es sich um Kopfhörer handelt, die Umgebungsgeräusche gezielt abdämpfen.

Dieses Verbot hält viele aber nicht vom Tragen der Kopfhörer ab. In Deutschland nimmt die Zahl der Verkehrsteilnehmer mit Knopf im Ohr sogar stetig zu: Nach einer Befragung des Deutschen Verkehrssicherheitsrates waren 2015 rund 22 Prozent der Fußgänger und 19 Prozent der Radfahrer zumindest hin und wieder mit Ohrstöpseln im Straßenverkehr unterwegs. Bei den Jüngeren bis 34 Jahre war es sogar rund jeder zweite. 2017 gab der ADAC an, dass fast jeder zehnte Schüler oder Student mit Kopfhörern auf dem Fahrrad unterwegs war. Und eine Studie der Allianz-Versicherung von 2019 zeigte, dass jeder dritte befragte Fußgänger beim Gehen Musik hört.

Experiment testet die Beeinträchtigung

Aber wie gefährlich ist das Tragen von Kopfhörern im Straßenverkehr wirklich? Dem sind nun Forscher in einer von den Ford-Werken durchgeführten Studie mit 2.000 Probanden aus Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und Großbritannien auf den Grund gegangen. Dazu befragten die Experten die Teilnehmer zunächst nach ihren Gewohnheiten im Straßenverkehr und nach ihrer Einstellung zum Risiko des Kopfhörer-Tragens während der Fahrt mit dem Fahrrad oder dem Roller sowie beim Zufußgehen.

Es zeigte sich: Ein Großteil der Probanden gab an, dass sie schon mal mit aufgesetztem Kopfhörer im Straßenverkehr unterwegs waren. Nur rund 44 Prozent der Befragten sagten, dass sie unterwegs grundsätzlich keine Ohrstöpsel tragen würden. Zudem erfuhren die Wissenschaftler, dass 56 Prozent der befragten Personen bereits in einen Beinahe-Unfall oder einen tatsächlichen Unfall verwickelt waren und davon 27 Prozent zum Zeitpunkt des Vorfalls einen Kopfhörer getragen hatten.

Verzögerte Reaktion

Im Anschluss an die Befragung prüfte das Forscherteam die Reaktionsfähigkeit der Testpersonen in gefährlichen Verkehrssituationen mithilfe der App "Share The Road: Safe And Sound". Mit dieser konnten die Probanden eine virtuelle Verkehrssituation in einer Stadt erleben und bekamen durch eine spezielle Audiotechnologie auch die dazugehörigen Geräusche im Straßenverkehr, wie beispielsweise ein sich von hinten näherndes Einsatzfahrzeug, eingespielt. Die Reaktion der Teilnehmer auf Gefahren wie diese wurde in verschiedenen Szenarien gemessen, sowohl ohne Musik als auch beim Hören von Musik über Kopfhörer.

Das Ergebnis: Das Tragen von Kopfhörern beeinflusste die Reaktionsfähigkeit der Verkehrsteilnehmer stark. Die Probanden, die im Experiment Musik über Ohrstöpsel hörten, benötigten im Durchschnitt über vier Sekunden länger, um potenzielle Gefahren im Straßenverkehr zu erkennen und darauf zu reagieren.

"Schallereignisse spielen eine entscheidende Rolle bei der Erfassung unserer direkten Umwelt - wir hören sehr oft wichtige Dinge um uns herum, bevor wir sie sehen“, erklärt Maria Chait vom University College London. „Während Kopfhörer für uns in vielen Situationen von Vorteil sein können, blockieren sie auf der Straße aber wichtige akustische Warnhinweise. Dies bedeutet, dass wir möglicherweise nicht in der Lage sind, Fahrzeuge oder Verkehrsteilnehmer in der Nähe wahrzunehmen, was sie und uns möglicherweise in Gefahr bringt", so die Expertin.

Gefahrenpotenzial verdeutlicht

Interessant dabei: Die Erfahrungen der Studienteilnehmer in dem Experiment regten einige von ihnen zum Umdenken an. 58 Prozent der Teilnehmer gaben bei einer Nachbefragung an, dass sich ihre Einstellung zur Verkehrssicherheit verändert hatte und dass sie nie wieder Kopfhörer im Straßenverkehr tragen würden. 64 Prozent der Probanden äußerten in der Nachbetrachtung, dass sie insgesamt seltener Musik über Ohrstöpsel hören würden, während sie unterwegs sind, weil es ihnen grundsätzlich zu riskant sei.

Die Forscher hoffen, dass das Experiment mit der App auch anderen Menschen helfen kann, sich das Gefahrenpotenzial von Kopfhörern im Straßenverkehr zu vergegenwärtigen. "Mit diesem Forschungsprojekt heben wir ein oftmals unterschätztes Problem der Straßenverkehrssicherheit hervor", sagte Emmanuel Lubrani von Ford Europe. "Für jeden, der ein Smartphone besitzt, hoffen wir, dass unsere "Share The Road - Safe And Sound"-App das Bewusstsein für die Realität beim Tragen von Kopfhörern im Straßenverkehr schärfen wird". Die "Share The Road: Safe and Sound"-App für das Smartphone ist frei verfügbar.

Wenn schon Kopfhörer, dann durchlässige

Wer dennoch auf das Musikhören beim Radfahren oder Zufußgehen im Straßenverkehr nicht ganz verzichten möchte, sollte zumindest Kopfhörer tragen, die noch Außengeräusche durchlassen, empfiehlt etwa der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR). „Am gefährlichsten sind große Muschelkopfhörer, die das Ohr komplett abdecken“, erklärt auch Günther Rötter von der Technischen Universität Dortmund. „Für sogenannte Earbud-Hörer gilt dasselbe. Sie werden direkt in den Gehörgang eingeführt und dichten alles ab.“

Statt diese zu tragen, raten Experten eher zu Muschelkopfhörer mit einem schalldurchlässigen Ohrkissen und Half In-ear Kopfhörer, die nur locker in die Ohrmuschel eingehängt werden.

Quelle: Ford-Werke GmbH

ABO, 21.05.2021
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