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Wie besorgniserregend sind Impfdurchbrüche?

Geimpft und trotzdem an Covid-19 erkrankt: Wenn sich vollständig Geimpfte trotzdem mit dem Coronavirus anstecken, bezeichnen Experten dies als Impfdurchbruch – das Virus durchbricht den Impfschutz. Seit sich die Deltavariante weltweit ausbreitet, kommen solche Fälle häufiger vor. Aber wie bedenklich ist dies? Und wie gut schützt uns die Corona-Impfung noch? Und wer sollte sich mit einer dritten Dosis Impfstoff schützen?

Die Impfungen gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 sollen uns vor Covid-19 und vor allem vor schweren Verläufen der Infektion schützen. Für die ursprünglichen Virenvarianten lag dieser Schutz für die mRNA-Impfstoffe von BioNTech/Pfizer und Moderna laut Zulassungsstudien bei rund 95 Prozent. Bei den Vektor-Impfstoffen AstraZeneca und Johnson& Johnson liegt die Wirksamkeit bei 70 bis 80 Prozent.

Wie gut schützen mich die Corona-Impfstoffe?

Alle zurzeit zugelassenen Impfstoffe gegen das Coronavirus sind nicht sterilisierend. Das bedeutet, dass sie eine Infektion mit SARS-CoV-2 nicht zuverlässig verhindern. Auch als Geimpfter kann man sich daher noch mit dem Virus anstecken. Bei den ursprünglichen Virusvariante und auch bei der Alphavariante, die sie abgelöst hat, ist das Immunsystem aber so gut gewappnet, dass das Virus sich kaum vermehren kann. Die Viruslast ist daher gering und die Betroffenen erkranken nur noch ganz selten an Covid-19. Konkret gibt die Wirksamkeit bei den Vakzinen daher an, wie hoch der Immunschutz gegen die Erkrankung ist, nicht gegen die Infektion.

Die Corona-Impfung schützt auch vor der inzwischen grassierende Deltavariante, die sich seit Dezember 2020 von Indien aus in der ganzen Welt verbreitet hat. Studien aus Großbritannien haben gezeigt, dass eine vollständige Impfung – egal ob mit AstraZeneca oder einem mRNA-Impfstoff – ähnlich gut gegen eine Erkrankung durch die Deltavariante schützt wie gegen die anderen Virentypen. Deutlich schlechter ist der Schutz allerdings bei den Menschen, die bisher nur eine Dosis dieser Impfstoffe erhalten haben: Ihr Risiko, an Covid-19 zu erkranken, ist nur um rund 35 Prozent verringert.

Was sind Impfdurchbrüche?

In jüngster Zeit häufen sich Berichte von Menschen, die sich trotz Impfung mit SARS-CoV-2 infizieren und erkranken. Mediziner bezeichnen solche Fälle als Impf-Durchbrüche – der Erreger durchbricht den Immunschutz. Das weckt bei vielen die Sorge, dass die Vakzine möglicherweise doch keinen genügenden Schutz vor dem Coronavirus bieten oder dass mutierte Formen des Virus wie die Delta-Variante den Impfschutz umgehen können.

Doch der Anteil solcher Fälle ist bisher relativ gering: Laut Robert-Koch-Institut sind seit Februar 2021 rund 7.000 Fälle von infizierten Geimpften in Deutschland erfasst. Im Vergleich zu 44 Millionen vollständig geimpften und etwa einer Million seither neu diagnostizierten Coronafällen ist dies sehr wenig. Weil keiner der Impfstoffe zu 100 Prozent schützt, entspricht dies in etwa dem, was man aufgrund der Wirksamkeit der Vakzinen erwarten würde. Schwere Verläufe und Todesfälle sind zudem bei den Impfdurchbrüchen extrem selten: Sie betreffen fast nur sehr alte oder stark vorerkrankte Menschen.

Wie häufig sind Impfdurchbrüche?

Zur Häufigkeit von Impfdurchbrüchen lieferte eine Studie aus Israel vor kurzem noch genauere Zahlen: Dort hatten Forscher bei doppelt mit BioNTech/Pfizer geimpften Pflegekräften von Krankhäusern nachverfolgt, wie viele sich trotzdem angesteckt haben. Das Ergebnis: Von 1.497 vollständig geimpften Personen infizierten sich 39 Personen – das entspricht einem Anteil an Durchbruchs-Infektionen von 2,6 Prozent. Diese Patienten hatten aber nur niedrige Viruslasten und fast alle einen asymptomatischen oder milden Verlauf.

Interessant auch: Bei vielen dieser Pflegekräfte hatten die Mediziner in der Woche vor der Ansteckung die Zahl der Antikörper bestimmt. Dadurch konnte sie ermitteln, wie gut ihr Immunschutz noch war und welche Rolle dafür die Antikörper spielen. Es zeigte sich, dass

sich vor allem geimpfte Personen mit relativ niedrigen Antikörper-Werten angesteckt hatten. "Die Titer der neutralisierenden Antikörper waren bei den infizierten Geimpften niedriger als bei den nicht-infizierten", berichten Moriah Bergwerk von der Universität Tel Aviv und seine Kollegen.

Hilft eine dritte Impfdosis?

Das deutet darauf hin, dass solche Impfdurchbrüche häufiger bei den Menschen vorkommen, deren Immunsystem schwächer auf die Impfung reagiert hat oder deren Immunschutz schon wieder nachgelassen hat. Unter anderem deshalb bieten die Behörden in Israel inzwischen allen Über-60-Jährigen eine zusätzliche, dritte Impfdosis an: Weil Impfungen vor allem bei älteren Menschen bekanntermaßen weniger gut wirken, können sie am meisten von diesem zusätzlichen "Schub" profitieren.

Auch in Deutschland hat die Bundesregierung bereits angekündigt, dass für Menschen höheren Alters und mit besonderen Risikofaktoren möglicherweise ab September eine dritte Impfung in Betracht gezogen wird. Die Hersteller der mRNA-Impfstoffe haben bereits angekündigt, dass sie die Zulassung für eine dritte Dosis bei der US-Arzneimittelbehörde FDA und der europäischen Arzneimittelbehörde EMA beantragen wollen. Nach Angaben von BioNTech zeigen erste Studiendaten, dass eine solche dritte Dosis die Menge an Antikörpern um das Fünf- bis Zehnfache erhöht.

Und die Deltavariante?

Es mehren sich die Berichte darüber, dass es bei der Deltavarianten mehr Impfdurchbrüche gibt als bei den früheren Formen des Coronavirus. So steckten sich bei Sommerfesten in einem Landkreis des US-Bundesstaats Massachusetts 469 Personen mit SARS-CoV-2 an, davon waren 346 Personen vollständig mit einem mRNA-Impfstoff geimpft. Ein Großteil dieser Fälle ging auf die Deltavariante zurück. Das legt nahe, dass das Ansteckungsrisiko für Geimpfte bei dieser Variante höher ist.

Allerdings: Gegen schwere Verläufe von Covid-19 schützen die Impfstoffe auch bei der Deltavariante. Zwar entwickelten drei Viertel der infizierten Geimpften in Massachusetts leichte Symptome. Aber fast immer blieb es bei einer Art Erkältung mit Husten, Kopfschmerzen, Halsschmerzen, Erschöpfung und Fieber. Nur vier Patienten mussten im Krankenhaus behandelt werden, keiner von ihnen starb.

Anders als frühere Coronavirus.-Varianten scheint sich die Deltavariante aber trotz Impfung besser im Körper vermehren zu können. Darauf deuten die mittels PCR ermittelten Viruslasten der infizierten Geimpften hin. Diese wiesen eine ähnlich hohe Viruslast auf wie die ungeimpften oder erst teilgeimpften Patienten. Das bedeutet auch, dass jemand, der sich trotz Impfung mit dem Deltavariante ansteckt, das Virus leichter an andere Weitergeben kann als bei bisherigen Virentypen.

Masketragen – auch nach der Impfung

In den USA nahm die Seuchenbehörde CDC diese Daten zum Anlass, auch allen Geimpften erneut das Maskentragen in geschlossenen Räume zu empfehlen. "Die Daten sprechen dafür, dass die Infektion mit der Deltavariante bei geimpften Menschen ähnlich hohe Viruslasten hervorruft wie bei ungeimpften", sagte CDC-Direktorin Rochelle Walensky am 30. Juli. "Hohe Viruslasten deuten darauf hin, dass auch Geimpfte nach Infektion mit der Deltavariante dieses Virus übertragen können." In den USA empfiehlt das CDC deshalb auch allen Geimpften, die Schutzmaßnahmen gegen Corona weiterhin einzuhalten.

NPO, 05.08.2021
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