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Was steckt hinter dem Placebo-Effekt?

Ob Zuckerpille, eine Spritze mit Kochsalzlösung oder eine Pseudo-Operation: Placebos enthalten keine Wirkstoffe und dürften daher keinerlei medizinische Wirkung entfalten – sie tun es aber trotzdem. Diese Scheinbehandlungen sind sogar so effektiv, dass sie bei einigen Menschen selbst starke Schmerzen, die Symptome eines Reizdarms oder aber Durchblutungsstörungen bessern können. Wie aber funktioniert das?

Symbolbild Placebo-Effekt
Studie belegen, dass die Wirkung der Scheinbehandlungen nicht nur auf der subjektiven Wahrnehmung der Patienten beruht, sondern zum Beispiel auch im Gehirn nachweisbar sind.

Der Effekt ist schon seit Langem bekannt: Manche Beschwerden lassen sich selbst dann bessern, wenn Patienten nur eine Scheinbehandlung erhalten. Unbewusste Erwartungen sorgen dafür, dass auch wirkstofflose Tabletten oder eine Pseudo-Spritze Schmerzen und andere Symptome lindern. Dies kann sogar dann funktionieren, wenn scheinbar handfeste medizinische Probleme wie eine Knie-Arthrose oder eine schlechte Durchblutung der Herzkranzgefäße die Ursache sind.

Placebo und Nocebo

Diese Wirkung ohne Wirkstoff wird als Placebo-Effekt bezeichnet – abgeleitet vom lateinischen Begriff für "Ich werde gefallen". Schon vor rund 250 Jahren nutzten Mediziner dieses Prinzip in Form von Schein-Arzneien: Sie verabreichten ihren Patienten Pillen aus Brot und Zucker oder Tränke aus gefärbtem Wasser, um diese zu beruhigen, ihnen Linderung bei unheilbaren Krankheiten zu verschaffen oder schlicht, um Geld zu verdienen. Doch schon damals stellte man fest: Die Schummel-Kuren wirken.

Das Ganze funktioniert aber auch umgekehrt: Liest man im Beipackzettel die lange Beschreibung der möglichen Nebenwirkungen oder klärt uns ein Arzt über die zu erwartenden Risiken und Nebenwirkungen einer Operation auf, kann dies den Nocebo-Effekt auslösen – den negativen Zwilling des Placebo-Effekts. Er sorgt dafür, dass sich unsere Ängste und negativen Erwartungen ebenfalls erfüllen können: Erwarten wir Schmerzen oder Übelkeit, erhöht dies die Wahrscheinlichkeit, dass wir diese tatsächlich empfinden.

Die Wirkung ist nicht immer und bei jedem gleich

Wie gut der Placebo-Effekt wirkt, belegen medizinische Studien immer wieder: In Medikamententests verspüren bis zu 30 Prozent der Probanden eine deutliche Wirkung beispielsweise bei der Schmerzlinderung, auch wenn sie gar keinen Wirkstoff oder eine andere Behandlung erhalten haben. Deshalb werden neue Therapien in klinischen Studien auch immer gegen eine Placebobehandlung getestet. Nur wenn der Wirkstoff signifikant bessere Ergebnisse bringt als das Placebo, gilt das Medikament als ausreichend wirksam.

Der Placebo-Effekt wirkt aber nicht bei jedem Menschen gleich stark. So reagieren Menschen, die eher ängstlich und stressanfällig sind, schlechter auf Placebo-Schmerzmittel als gelassenere, optimistischere Personen. Frauen scheinen zudem gegenüber dem Nocebo-Effekt weniger anfällig zu sein als Männer. Einige Studien legen zudem nahe, dass es auch auf die Gene ankommen könnte, ob und in welchen Situationen der Placebo-Effekt bei uns wirkt.

Klar ist aber: Je intensiver die Scheinbehandlung ist, desto besser wirkt sie. Die Injektion eines Placebos hat stärkere Effekte als eine Tablette und eine Pseudo-Operation, bei der nur die Haut angeritzt wird, wirkt effektiver als eine Spritze. Studien zeigen zudem, dass rote Placebo-Tabletten besser wirken als weiße, und ein teures Scheinpräparat besser als ein billiges. Schmeckt eine Arznei bitter, fördert dies ebenfalls die Placebo-Wirkung. Je mehr Umstand und Aufwand bei einer Therapie getrieben wird, desto stärker kommt der Placebo-Effekt zum Tragen.

Bunter Regen aus Tabletten und Pillen
Farbe, Größe und Form des Scheinpräparats beeinflussen die Placebowirkung. Grundsätzlich gilt: Je größer und farbiger, desto wirksamer.

Mehr als nur psychisch

Wie aber kommt diese Wirkung der Placebos zustande? Lange nahm man an, dass der Placebo-Effekt ein rein psychisches Phänomen ist. Doch inzwischen haben Studie belegt, dass die Wirkung der Scheinbehandlungen nicht nur die subjektive Wahrnehmung der Patienten umfasst, sondern auch objektiv messbar ist. Unter anderem lassen sich dabei deutliche Veränderungen im Gehirn von Probanden nachweisen und auch physiologische Veränderungen treten auf.

Nachgewiesen haben dies unter anderem Karin Meißner von der Universität München und ihre Kollegen. Sie hatten Testpersonen einem visuellen Reiz ausgesetzt, der akute Übelkeit verursacht. Während eine Gruppe dabei eine echte Reizstrombehandlung an einigen gegen Übelkeit wirkenden Akupunkturpunkten erhielt, bekam die zweite Gruppe nur eine Scheinbehandlung ohne tiefenwirksamen Strom.

Es zeigte sich: Die Scheinbehandlung verringerte nicht nur die Übelkeit, die Probanden zeigten auch die gleichen Veränderungen von Botenstoffen und Proteinen im Blut, die sonst bei wirksamen Mitteln gegen Übelkeit auftreten. „Wir haben damit zum ersten Mal mittels Proteomik molekulare Signaturen entdeckt, die den Placebo-Effekt und seine Wirkung bei akuter Übelkeit reflektieren“, konstatieren die Wissenschaftler. Dies unterstreicht, dass der Placebo-Effekt mehr ist als nur Psychologie oder subjektives Empfinden.

Funktioniert sogar, wenn man es weiß

Lange Zeit dachte man, dass ein Placebo nur dann wirkt, wenn der Patient vom Schummel nichts weiß. Denn nur dann bildet er die entsprechenden Erwartungen - so die gängige Annahme. Inzwischen belegen aber zahlreiche Studien, dass das nicht stimmt: Placebos funktionieren sogar dann, wenn ein Patient genau weiß, dass er nur eine Zuckerpille bekommt. Das hat unter anderem der Placeboforscher Ted Kaptchuk von der Harvard University in Boston mehrfach festgestellt.

In einem seiner Tests bekamen Patienten mit Reizdarm-Syndrom entweder kein Medikament oder aber ein Placebo – Tabletten ohne Wirkstoffe. „Wir machten es nicht nur absolut klar, dass diese Pillen keinerlei aktive Inhaltsstoffe enthielten und aus komplett unwirksamen Substanzen bestanden - die Flasche war sogar ausdrücklich mit ‚Placebo‘ beschriftet“, berichtet Kaptchuk. Überraschenderweise wirkte der Placebo trotzdem: Nach drei Wochen war die Erfolgsrate in der Placebogruppe ähnlich hoch wie bei Studien mit echten Wirkstoffen.

Das gleiche funktioniert auch beim Volksleiden Nummer 1 - den Rückenschmerzen, wie eine Studie in Essen demonstrierte. Dabei sahen alle Teilnehmer einen Informationsfilm über den Placebo-Effekt und mögliche positive Effekte. Dann wurde eine Hälfte der Patienten weiterbehandelt wie zuvor, die andere erhielt zusätzlich zweimal täglich eine Placebo-Pille. Und auch hier wirkte die Scheinbehandlung: Die Teilnehmer der Placebogruppe stuften ihre Schmerzen nach drei Wochen als signifikant geringer ein. Sie empfanden die Wirkung des Placebo-Mittels dabei als ähnlich stark wie die eines klassischen Schmerzmittels.

Geht auch mit Kaffee

Der Placebo-Effekt erklärt übrigens auch, warum Kaffeetrinker selbst durch entkoffeinierten Kaffee wacher werden: Durch jahrelange Erfahrung haben wir unbewusst gelernt, Geruch und Geschmack des Kaffees mit seiner aufputschenden Wirkung zu verbinden. Und diese Konditionierung verursacht einen Placebo-Effekt, wenn wir dann entkoffeinierten Kaffee trinken. Als Folge schüttet das Gehirn trotzdem wachmachende Botenstoffe aus – und der entkoffeinierte Kaffee macht uns wach.

NPO, 15.07.2021
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