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Verschwörungstheorien beeinflussen uns alle

Das Coronavirus SARS-CoV-2 wurde im Genlabor erschaffen, es dient der Kontrolle aller Menschen und mit der Corona-Impfung bekommt man einen Chip eingepflanzt – das sind nur einige der skurrilen Verschwörungstheorien, die in der Covid-19-Pandemie aufgekommen sind. Vor allem im Internet und in den sozialen Medien wird über sie berichtet und diskutiert. Doch welchen Einfluss haben sie auf unser Denken und Verhalten – auch wenn wir nicht an sie glauben?

Symbolbild Corona-Pandemie-Verschwörung
In einem besonders krassen Beispiel für eine Verschwörungstheorie geht es darum, dass Microsoft-Gründer Bill Gates gefordert haben soll, Menschen unter dem Deckmantel der Pandemiebekämpfung Mikrochips unter die Haut zu implantieren.

Immer wieder gibt es Gruppen von Menschen, die ein bestimmtes Ereignis nicht mit Logik, sondern mit dem Wirken übergeordneter Mächte oder Gruppen erklären – einer Verschwörungstheorie.  

 So leugnen manche zum Beispiel den Klimawandel und unterstellen dabei den Klimaforschern Fälschungen, mit denen sie auf sich aufmerksam machen würden. Zudem wurde auch schon China dafür verantwortlich gemacht, sich den Klimawandel ausgedacht zu haben, um der Industrie der USA zu schaden. Andere behaupten, dass jüdische Gläubige die Wirtschaft kontrollieren. Oder, dass die Kondensstreifen am Himmel, die Flugzeuge hinterlassen, sogenannte "Chemtrails" sind, die die Menschen vergiften.

Pandemie lockt Verschwörungstheoretiker

Und gerade jetzt während der Covid-19-Pandemie erleben die Verschwörungstheorien einen enormen Zuwachs. Der Grund: Bei der Pandemie handelt es sich um ein sehr komplexes und globales Ereignis mit einem zuvor unbekannten Virus, das jedem Menschen gefährlich werden kann. Weil man das Virus aber nicht sehen, riechen oder hören kann und es für manche nur schwer vorstellbar ist, dass ein Virus vom Tier auf den Menschen überspringt, fühlen sich viele in dieser ungewohnte Ausnahmesituation überfordert oder verängstigt.

Um sich die krisenhafte Situation einfach zu erklären, suchen die Menschen nach einfachen Begründungen – für sie plausibel klingenden Herleitungen, die meist wenig mit Fakten, dafür aber um so mehr mit Schuldzuweisungen und einfachen Schwarz-Weiß-Malereien zu tun haben . Viele Anhänger solcher Verschwörungstheorien glauben tatsächlich, dass sie stimmen. Andere wollen hingegen bewusst provozieren und oder diese Erzählungen für ihre eigenen politischen Zwecke ausnutzen.

Obwohl es für keine einzige der oft lautstark verkündeten Theorien einen Beweis gibt, ist es oft kaum mehr möglich sie zu ignorieren. Denn sie kursieren im Fernsehen, im Radio, in Zeitungen und den sozialen Medien. Auch auf den "Querdenker"-Demos werden diese skurrilen Thesen publik gemacht. Die Zahl der Menschen, die zumindest zum Teil an solche Mythen glauben, wächst. Studien konnten belegen, dass dieser Glaube einen erheblichen Einfluss auf das Verhalten der Anhänger hat. So führt er aktuell beispielsweise zu einer geringeren Bereitschaft, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen.

Können sie auch uns beeinflussen?

Aber können die Verschwörungstheorien auch einen Einfluss auf unser Verhalten haben, wenn wir nicht an sie glauben und nur kurz damit in Kontakt gekommen sind? Dieser Frage sind jetzt Wissenschaftler um Loukas Balafoutas von der Universität Innsbruck mit einem Laborexperiment nachgegangen.

Dafür haben sie einer Hälfte von insgesamt rund 140 Studienteilnehmern ein dreiminütiges Video gezeigt, in dem die Mondlandung von 1969 als Fälschung dargestellt wurde. Die Kontrollgruppe schaute sich hingegen ein ebenso langes Video über das Space-Shuttle-Programm der NASA – bis 2011 eingesetzte  Raumfähren mit menschlicher Besatzung.

Im Anschluss nahmen dann alle Probanden am sogenannten „money request game“ teil. Dazu wurden die Spieler in Paare aufgeteilt und gebeten, gleichzeitig ein ganzzahliges Geldgebot zwischen fünf und 14 Euro abzugeben. Wer das kleinere Gebot abgab, erhielt den Betrag dieses Gebots plus zehn Euro. Wer das größere Gebot machte, erhielt lediglich den Betrag des Gebots. Bei einem Gleichstand erhielten beide Teilnehmer genau ihr Gebot.

Wenn also der andere Teilnehmer ein Gebot über fünf Euro macht, bekommt man selbst besonders viel Geld, wenn man genau einen Euro weniger bietet. Sagt der andere also beispielsweise sieben Euro und man selbst sechs, bekommt der andere die sieben und man selbst 16 Euro als Gewinn. Wenn der andere Teilnehmer fünf Euro bietet, ist es hingegen ratsam, 14 Euro zu bieten, weil der andere dann 15 Euro bekommt, man selbst aber zumindest die 14.

Einfluss auch auf Nichtgläubige

Es zeigte sich: Das Video mit der Verschwörungstheorien zur Mondlandung beeinflusste einige der Teilnehmer, die es sahen – selbst, wenn sie nicht daran glaubten. „Bei diesem Experiment konnten wir feststellen, dass Personen, die zuvor das Video der Verschwörungstheorie gesehen haben, kleinere Beträge geboten haben“, erklärt Balafoutas. „Das zeigt, dass diese Probanden strategischer handeln. Das kann zwar einerseits unter Umständen zu einem höheren Gewinn im Spiel führen, gleichzeitig birgt diese Vorgangsweise aber auch die Gefahr, einen Verlust einzufahren.“

Dieses offenbar durch die Verschwörungstheorie ausgelöste Verhalten ist demnach zwar nicht unbedingt nachteilig, aber dennoch ein Hinweis darauf, was Verschwörungstheorien mit uns machen können. „Es geht uns hier nicht darum, dieses Verhalten als besser oder schlechter zu bewerten, sondern lediglich darum, zu zeigen, dass Personen, die kurz zuvor einer Verschwörungstheorie ausgesetzt waren, in einer nachfolgenden und inhaltlich völlig anderen Situation ein anderes Verhalten an den Tag legen als die Kontrollgruppe“, so der Experte.

„Daraus schließen wir, dass die Verschwörungstheorie einen Einfluss darauf hat, wie jemand die Welt und die Menschen wahrnimmt“, folgert Balafoutas.

Auch Vertrauen beeinträchtigt?

Aber kann die Auseinandersetzung mit der Verschwörungstheorie auch unser Vertrauen gegenüber anderen Menschen beeinflussen? Das haben Balafoutas und seine Kollegen im Anschluss in einem weiteren Experiment geprüft, dem sogenannten „trust game“.

Bei diesem Spiel wurden die Teilnehmer erneut in Paare aufgeteilt. Beide Spieler aus jedem Paar erhielten fünf Euro. Einer der Probanden konnte entscheiden, nur einen Teil oder den Betrag vollständig zu investieren. Der investierte Betrag wurde verdreifacht und an den anderen Spieler weitergegeben, der dann einen Teil des Geldes an den ersten Spieler zurücküberweisen konnte – aber nicht musste. Wenn der erste Spieler also größere Beträge investierte, vertraute er seinem Mitspieler besonders stark. Bei kleinen hingegen weniger.

Das Ergebnis: Auch die Spieler, die zuvor die Verschwörungstheorie angesehen hatten, zeigten Vertrauen in ihren Mitspieler. „Es ist eine durchaus positive Botschaft, dass wir hier keinen negativen Einfluss der Verschwörungstheorie feststellen konnten. Das Vertrauen in das Gegenüber war in beiden Gruppen statistisch gesehen gleich“, so Balafoutas. „Das ist wichtig, denn in unserer Gesellschaft brauchen wir ein gewisses Maß an Vertrauen, damit sie überhaupt funktioniert.“

Wie erkenne ich die Mythen?

Auch wenn die Verschwörungstheorien also Nichtgläubige nicht unbedingt negativ beeinflussen, sind sie nicht harmlos. Oft sind gerade bildungsschwache Menschen oder Personen aus Minderheiten dafür empfänglich und es entstehen Wut, Hass und Gewalttaten. Das Problem: Nicht immer ist es einfach zu unterscheiden, welche Nachrichten  oder Videoinhalte  wahr oder skurrile Theorien sind. Und so kommt es schnell dazu, dass man den Verschwörungstheorien glaubt und sie auch noch weitererzählt.

Um sich davor zu schützen, sollte man alle Nachrichten, die man hört oder liest zunächst prüfen, bevor man sie glaubt oder weiterverbreitet. Das gilt auch bei Erzählungen von Freunden, der Familie oder Bekannten. Zuerst sollte man darauf achten, welche „Beweise“ die Menschen haben und ob sie mit ihrer Geschichte bestimmte Menschen oder Gruppen als Schuldige bezeichnen. Auffällig ist auch, wenn die Theorie die Welt in böse und gute Menschen einteilt.

Zudem ist es ratsam zu prüfen, ob der Erzähler oder Verfasser ein selbsternannter Experte ist oder zu einer bekannten Organisation oder Einrichtung gehört. Gibt derjenige weder Quellen noch Verweise auf andere Experten an, kann das auch ein Hinweis auf eine Verschwörungstheorie sein. Auch wenn der Verfasser seine Informationen als allgemeingültige Wahrheit darstellt und keine Gegenargumente entkräften kann, handelt es sich wahrscheinlich nicht um seriöse Aussagen. Zudem kann man auch einen subjektiven und emotionalen Ton sowie viele Anekdoten, die die Geschichte veranschaulichen, als nicht wissenschaftlich einstufen.

Wenn man sich dennoch nicht ganz sicher ist, ob die Information wahr oder lediglich eine ausgedachte Theorie ist, kann man zum Beispiel auf der Seite der Europäischen Kommission und der Bundeszentrale für politische Bildung weitere Tipps finden. Generell gilt, dass man die Nachricht im Zweifelsfall nicht glauben und vor allem auch nicht teilen und weiterverbreiten sollte.

Quelle: Universität Innsbruck

ABO, 26.03.2021
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