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Pollen - der Angreifer im Frühling

Rote Augen, triefende Nase und Juckreiz: Besonders im Frühjahr plagt viele Menschen Heuschnupfen oder allergisches Asthma. Verantwortlich dafür sind winzige Pollen, die die blühenden Gräser, Sträucher und Bäume in die Luft freisetzen. Denn auf ihnen sitzen bestimmte Stoffe, auf die manche Menschen überempfindlich reagieren, sodass der Körper sich dagegen wehren möchte. Wie genau kommt es zur Pollenallergie? Und was kann man dagegen tun?

Symbolbild Pollenallergie
Mit dem Frühling kommt der Heuschnupfen.

Pollen sind nichts anderes als die männlichen Keimzellen der Blütenpflanzen. Dieser Blütenstaub wird in den Pollenständen erzeugt und bei der Blüte freigesetzt. Je nach Pflanzenart sorgen dann Insekten oder auch der Wind dafür, dass die Pollen die weiblichen Fruchtstände erreichen und eine Bestäubung stattfindet.

Millionen Pollenkörner von einer einzigen Pflanze

Da der Wind aber nicht immer gleich weht, produzieren windbestäubte Pflanzen eine Vielzahl an Samenzellen. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass genügend Pollen die Fruchtblätter anderer Pflanzen erreichen und viele Nachkommen entstehen. So erzeugen die Bäume, Sträucher, Gräser und Kräuter jedes Jahr ab Februar Millionen der verpackten männlichen Keimzellen. Zum Beispiel gibt ein Haselnussstrauch über zwei Millionen, eine einzelne Roggenähre bis zu vier Millionen und eine Roggenpflanze sogar rund 20 Millionen Pollen frei.

Und der Pollenflug nimmt bei uns immer weiter zu: Vielerorts steigt die Pollenbelastung bereits an, bevor die Pflanzen zu blühen beginnen. Ursache dafür sind bestimmte Windströmungen, die den leichten Blütenstaub aus hunderten Kilometer Entfernung zu uns wehen können. Außerdem fangen Pflanzen durch die Klimaerwärmung immer früher an zu blühen und setzen auch entsprechend länger Pollen frei. Auch die erhöhten Kohlendioxid-Werten spielen eine Rolle, da das Kohlendioxid das Wachstum der Pflanzen fördert und für eine höhere Pollenproduktion sorgt.

Hinzu kommt auch noch die Ausbreitung gebietsfremder Arten wie die aus Nordamerika eingeschleppte Beifuß-Ambrosie. Diese verstreut noch mehr Blütenstaub als die meisten bei uns heimischen Gewächse: Eine einzige Ambrosie setzt mehr als eine Milliarde Pollenkörner frei.

Beifuß-Ambrosie in Blüte
In einer einzigen Ambrosia-Staude stecken bis zu einer Milliarde Pollen, die schon in sehr geringer Konzentration Allergien und Asthma auslösen können.

Wie die Allergie entsteht

Was für die Pflanzen eine effektive Fortpflanzungsstrategie ist, ist für einige Menschen im Frühjahr ein Problem: Die winzigen Blütenstaubteilchen von Gräsern, Sträuchern und Co., die durch die Luft fliegen und sich überall verbreiten, gelangen auf die Schleimhäute der Nase und der Augen. Dort kommen die auf der Oberfläche der Pollenkörner sitzenden Proteine, Fette und Zucker in Kontakt mit unserer Körperflüssigkeit und damit auch mit den "Wächtern" unseres Immunsystems.

Bei manchen Menschen kommt es zu einer Überreaktion des Immunsystems auf die Komponenten der verschiedenen Pollen – sie sind allergisch. Die Reaktion kommt zustande, weil die Immunabwehr beim ersten Kontakt mit dem Allergen – dem allergieauslösenden Molekül auf der Pollenoberfläche  – dieses fälschlicherweise als "Feind" kennzeichnet und abspeichert.

Kommt es dann zu einem erneuten Kontakt mit dem Allergen, schlagen spezielle Immunzellen Alarm. Diese sogenannten Mastzellen tragen auf ihrer Oberfläche 100.000 bis 500.000 Immunglobulin-E-Antikörper. Sie sind in ihrer Struktur speziell an das Allergen angepasst und können dadurch wie ein Schlüssel im Schloss bei einem Kontakt mit der Pollenoberfläche andocken. Wenn das passiert, löst dies eine Kettenreaktion in der Mastzelle aus: Sie explodiert und entlässt dabei eine geballte Ladung an entzündungsfördernden Botenstoffen in das Gewebe – in diesem Fall die Schleimhaut unserer Nase oder Augen.

Die Folgen zeigen sich sofort: Betroffene bekommen meist gerötete, tränende und juckende Augen, angeschwollene und entzündete Nasenschleimhäute und Niesreiz sowie eine verstopfte oder ständig laufende Nase – den sogenannten Heuschnupfen. Zudem kann es zu Hautreaktionen wie einem Jucken am Hals kommen. Auch Kopfschmerzen oder Schlafstörungen sind möglich.

In manchen Fällen droht ein Etagenwechsel der Allergie: Statt nur die Schleimhäute der Nase und oberen Atemwege reagieren dann auch die Bronchien auf das Pollenallergen. Auch in ihnen findet nun eine Überreaktion des Immunsystems statt und das Gewebe schwillt an und zieht sich krampfhaft zusammen – es kommt zu einem Asthmaanfall. Im Laufe des Lebens kann es zudem dazu kommen, dass sich die Allergie ausweitet, man spricht dann von einer Kreuzallergie. Statt nur auf das Allergen einer Pollensorte zu reagieren, entwickelt das Immunsystem nun auf immer mehr ähnliche Allergene eine Reaktion. So können Pollenallergiker beispielsweise Lebensmittelallergien auf Erdnüsse, Äpfel, Erdbeeren oder bestimmte Gewürze entwickeln.

Was tun?

Hat man im Frühjahr Schnupfen, gereizte Augen oder Husten, liegt es in vielen Fällen an den Pollen. Mit einem Allergietest beim Arzt lässt sich leicht feststellen, ob man wirklich an der Pollenallergie leidet. In Deutschland sind rund zehn Millionen Menschen von einer solchen Allergie betroffen.

Ist ein Heuschnupfen einmal diagnostiziert, kann man zumindest die Symptome lindern. Die meisten in Apotheken erhältlichen Mittel gegen Heuschnupfen enthalten sogenannte Anti-Histaminika. Diese Wirkstoffe hemmen die wichtigsten entzündungsfördernden Botenstoffe, den die Mastzellen bei Allergieauslösung freisetzen, die Histamine. Anti-Histaminika gibt es als Sprays oder Tropfen zur lokalen Anwendung, aber auch als Tabletten.

Inzwischen sind auch einige cortisonhaltige Präparate gegen Heuschnupfen in Apotheken rezeptfrei erhältlich. Diese sollten aber nur bei starken Beschwerden eingesetzt werden und ohne Absprache mit dem Arzt auch nicht längere Zeit.

Langfristig lässt sich eine Pollenallergie auch durch eine Hyposensibilisierung behandeln. Dazu werden dem Körper Extrakte mit dem Allergen verabreicht, zum Beispiel über Spritzen, Tabletten oder Tropfen. Indem die Dosis dieses Allergens im Laufe der Zeit langsam erhöht wird, soll das Immunsystem an den Kontakt mit dem Allergieauslöser gewöhnt werden. Ziel ist es, dass die allergietypische Überreaktion allmählich schwächer wird und schließlich ganz ausbleibt. Eine solche Therapie ist vor allem bei starken Symptomen ratsam, aber langwierig  und auch nicht immer erfolgreich.

Im Alltag gegen Pollen wappnen

Eine wichtige Maßnahme ist es auch, dem Allergieauslöser möglichst aus dem Weg zu gehen. Denn das kann dazu beitragen, einen Etagenwechsel und damit ein allergisches Asthma zu vermeiden.  Um dem Pollen auszuweichen, kann man sich auf Pollenflug-Webseiten und -Apps über die aktuelle Pollenbelastung vor Ort informieren. Denn nicht jede blühende Pflanze ist für jeden Allergiker gleich belastend und auch nicht an jedem Ort gleich häufig. In ländlichen Regionen ist der Pollenflug in der Regel morgens am stärksten, in der Stadt abends. So kann man individuell kontrollieren, an welchen Tagen und zu welchen Zeiten man Medikamente dabei haben sollte.

Zudem helfen diese Vorhersagen auch, um sich im Alltag möglichst gut vor den Pollen zu schützen: So kann man seine Aktivitäten wie Spaziergänge oder Sport im Freien nach dem Pollenflug ausrichten und zu den stärksten Pollenflug-Zeiten vermeiden, in die Nähe von den blühenden Wiesen und Feldern zu gehen. Außerdem bietet es sich an, Garten- oder Balkonpflanzen zu wählen, gegen die man nicht allergisch ist, sowie regelmäßig den Rasen zu mähen, damit dort keine Gräser blühen können.

Wenn Pollenflug angesagt ist, sollten Betroffene zudem die Fenster möglichst geschlossen lassen – zu Hause wie auch beim Autofahren. Für die Fenster im Haus oder der Wohnung kann man sich auch Pollenschutzgitter besorgen und fürs Auto gibt es zudem auch Pollenfilter, die man in die Lüftung einbauen kann.

Im Haus wird auch empfohlen, möglichst häufig Teppich und Polstermöbel zu saugen. Außerdem sollte man seine Kleidung direkt waschen statt sie lange im Schlafzimmer liegen zu lassen, da Pollen gut an den Kleidungsstücken haften bleiben. Deshalb ist es auch ratsam, seine Wäsche nicht im Freien zum Trocknen aufzuhängen. Da auch in den Haaren gerne Pollen hängen bleiben, bietet es sich an, diese vor dem Zubettgehen zu waschen.

Manche planen nicht nur ihren Alltag, sondern auch ihren Urlaub nach der Pollen-Vorhersage: In der Zeit des stärksten Pollenfluges fahren sie etwa in Küstenregionen und ins Hochgebirge, da dort die Pollenbelastung grundsätzlich am geringsten ist. Zudem fliegt der Blütenstaub in der Regel in nordischen Ländern später als in Mittel- und Südeuropa.

ABO, 04.03.2021
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