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Palmöl: Wie schädlich ist es?

Ob Kekse, Cremes oder Waschmittel – etwa in jedem zweiten Produkt im Supermarkt steckt Palmöl. Noch dazu kommt das Palmfett im Biosprit vor, der in den Autotanks landet. Das Problem: Der Anbau der Palmpflanzen für das Allzweck-Öl gilt als enorm umweltschädlich, weil dafür riesiger Flächen Regenwald gerodet und Lebensräume von vielen Tieren zerstört werden. Aber welche Alternativen gibt es? Und sind sie wirklich umweltfreundlicher?

Ölfrüchte
Aus dem Fruchtfleisch der Ölpalme wird Palmöl hergestellt, aus den Kernen der Ölfrüchte kann Palmkernöl gewonnen.

Ölpalmen (Elaeis guineensis) werden heute nahezu in allen Tropenregionen der Erde wie etwa in Indonesien, Malaysia oder Ecuador angepflanzt. Sobald eine Ölpalme etwa drei Jahre alt ist, produziert sie circa 15-mal im Jahr bis zu 20 Kilogramm Früchte. Die ölhaltigen Palmfrüchte sind eiförmig und drei bis fünf Zentimeter lang. Deren Fruchtfleisch besteht zu 45 bis 50 Prozent aus Öl. Daraus wird das Palmöl hergestellt. Aus dem Kern der Ölpalmfrüchte kann zudem das feste sogenannte Palmkernöl gewonnen werden.

Von der Palme ins Produkt

Um aus den Früchten die Öle zu gewinnen, werden sie geerntet und das gelblich bis orangefarbene Fruchtfleisch wird von den Samen getrennt. Für das Palmöl wird das Fruchtfleisch sterilisiert, also von Keimen befreit, und gepresst, sodass das das rohe Öl entsteht. Für das Palmkernöl werden die Samen getrocknet, zermahlen und dann gepresst. Meist werden die Rohöle zudem noch raffiniert, sodass keine Bitter- oder etwa Geruchsstoffe mehr darin sind und sie an Farbe verlieren.

Das Palmöl wird schließlich unter anderem in Margarine, Fertigprodukten, Back- oder Süßwaren sowie für die Herstellung von Kerzen, Kosmetikprodukten oder Waschmittel und auch Futtermitteln genutzt. Zudem findet es in Biodiesel oder als Schmierstoffe Anwendung. Die Vorteile: Es weist bei Zimmertemperatur eine feste Konsistenz auf, muss also nicht chemisch gehärtet werden. Darüber hinaus ist es geschmacksneutral, sehr hitzestabil und enorm haltbar und macht Lebensmittel zudem streichfähig.

Das noch festere Palmkernöl hat etwa die Konsistenz von Kokosöl, das eine hohe Schmelztemperatur von über 20 Grad Celsius hat. Es wird vor allem in Süßigkeiten genutzt, da es unter anderem ein guter Trägerstoff für Aromen ist, die man in Lebensmitteln ansonsten nicht schmecken würde. Ebenso eignet es sich für Waschmittel und für Kosmetikprodukten wie Hautcreme und Lippenstift.

Besonders beliebt sind Palm- oder Palmkernöl auch, weil sie chemisch verändert werden können. Dabei entstehen sogenannte Derivate, die beispielsweise als Tenside in Kosmetika und Reinigungsmitteln eingesetzt werden. Die Tenside bewirken, dass zwei eigentlich nicht miteinander mischbare Flüssigkeiten wie Öl und Wasser vermengt werden können. In Lebensmitteln spricht man dabei von Emulgatoren. Sie kommen unter anderem häufig in Fertigbackwaren vor.

Symbolbild Palmöl
Palmöl soll in fast jedem zweiten Supermarktprodukt stecken.

International eingesetzt

Aber das Öl ist nicht nur vielfältig einsetzbar: Auch die ertragreiche Produktion von Palmöl macht es weltweit beliebt. Denn Ölpalmen bringen im Vergleich zu allen anderen Ölpflanzen wie etwa Sesam, Raps oder Oliven den höchsten Ernteertrag überhaupt. Mit durchschnittlich über drei Tonnen Öl pro Hektar Anbaufläche bekommt man von Ölpalmen dreimal so viel Öl wie von Sojapflanzen und mindestens zweimal so viel wie von Raps. Zudem ist die Ölpalme robust und nicht sehr anfällig für Schädlinge, was sie umso beliebter und besonders kostengünstig macht.

Dadurch ist Palmöl mit weltweit über 70 Millionen Tonnen pro Jahr mittlerweile das meist produzierte Pflanzenöl. Nach Indien und China gilt die Europäische Union als einer der weltweit größten Verbraucher von Palmöl. Allein in Deutschland werden jährlich fast 2.000 Schwimmbäder des beliebten Fetts genutzt. Der Großteil wird für energetische Zwecke eingesetzt, wie vor allem für Biodiesel sowie für die Strom- und Wärmeerzeugung. Ein Grund dafür ist die noch geltende Bestimmung der Europäischen Union, dass Palmöl in Benzin und Diesel als pflanzliche Energiequelle beigemischt werden soll. Etwa ein Viertel der deutschen Palmölmenge steckt in Lebensmitteln.

Für die weltweit eingesetzten Mengen an Palmöl werden entsprechend auch große Anbauflächen benötigt: Für die etwa 70 Millionen Tonnen Palmöl sind fast 25 Millionen Hektar Fläche nötig. Die weltweit größten dieser Anbaugebiete finden sich in Indonesien und Malaysia, aber auch Thailand, Kolumbien und Nigeria bauen einige Plantagen an. Allein in Indonesien wachsen die Ölpalmen auf fast zwölf Millionen Hektar – das entspricht etwa 70 Prozent der Anbaufläche Deutschlands.

Zerstörer des Regenwalds

Da der Anbau der Ölpalmen in diesen feucht-warmen Tropen mit viel Niederschlag lukrativ ist, werden riesige Regenwaldflächen gerodet oder abgebrannt, um Platz für die Plantagen zu schaffen. 2018 waren es beispielsweise weltweit über 40 Fußballfelder Regenwald pro Minute, die zerstört wurden.

Der in den Pflanzen und im Boden der Regenwälder gespeicherte Kohlenstoff sowie unter anderem der Schwefel werden durch die Brände und Rodung in die Luft freigesetzt. Außerdem gibt es zum Beispiel in Indonesien sehr viele Torfmoore im Regenwald, die besonders viel Kohlenstoff speichern. Wenn diese für die Anbauflächen entwässert werden, entweichen pro Hektar Moor bis zu 6.000 Tonnen Kohlenstoffdioxid. Die bei der Brandrodung und beim Entwässern der Regenwaldflächen freigesetzten Treibhausgase treiben den Klimawandel weiter voran.

Statt der artenreichen Pflanzen des Regenwalds ersetzen schließlich mehrere tausend Quadratkilometer große Plantagen mit Monokulturen aus Ölpalmen die Flächen. Sie können die freigesetzten Treibhausgase nicht wieder ausgleichen, weil sie nicht so viel Kohlenstoffoxid aus der Luft binden wie die Massen an Pflanzen in Regenwäldern.

Zudem zerstört der Anbau nicht nur die pflanzliche Vielfalt, sondern rottet seltene Pflanzenarten aus und schadet auch dem Boden. Denn Monokulturen nutzen nur bestimmte Nährstoffe im Boden, sodass es mit der Zeit von einem Stoff zu wenig und von anderen noch viel gibt. Dadurch müssen die Landwirte die fehlenden Nährstoffe düngen, was den Lebewesen im Boden schadet. Bei Monokulturen sind zudem mehr Pestizide nötig, die zusätzlich dafür sorgen, dass die Organismen im Boden sterben.

Immer häufiger müssen auch Sekundärwälder Platz für Ölpalmplantagen machen. Dahinter stecken nachwachsende Wälder im Regenwald, die etwa nach dem Anbau von Gemüse gepflanzt werden, damit sich die Pflanzenwelt und der Boden nach der intensiven Landwirtschaft wieder erholen können.

Neuangelegte Palmölplantage auf Sumatra
Indonesische Konzerne roden riesige Regenwaldflächen, um wie hier auf Sumatra immer neue Plantagen anlegen zu können.

Auch eine Gefahr für Tier und Mensch

Mit den Pflanzen des Regenwalds verschwinden auch viele seltene und bereits gefährdete Tierarten wie der Orang-Utan, der Borneo-Zwergelefant, Paradiesvögel und der Sumatra-Tiger. Diese Tiere brauchen meist große zusammenhängende Waldflächen und können auf den Plantagen weder Schutz noch Nahrung finden. Die Zerstörung ihrer Habitate lässt sich nicht umkehren. Denn wenn der Wald einmal verschwunden ist, kann man ihn nicht einfach wieder kultivieren und die Tierarten zurückholen.

Der Anbau von Ölpalmen schadet aber nicht nur Pflanzen und Tieren: Durch die Brandrodung wird die Luft vielerorts so sehr verschmutzt, dass die dort lebenden Menschen an Rauchvergiftungen leiden. Zudem leben in vielen Teilen der Regewälder indigene Völker und Kleinbauern, die den Wald seit Generationen nutzen und bewohnen. Die Abholzung raubt und zerstört ihren Lebensraum – meist ohne dass sie sich wehren können. Denn immer wieder kommt es zu illegalen Brandstiftungen im Regenwald, die nicht geahndet werden. In Indonesien gibt es dadurch bereits mehrere hundert Landkonflikte.

Dazu kommen Menschenrechtsverletzungen auf den Plantagen selbst, auf denen manchmal sogar Kinder als Arbeiter eingesetzt werden. Die Arbeiter bekommen häufig wenig Lohn und arbeiten sehr lange mit wenigen Hilfsmitteln, was den Körper sehr belastet. Zudem sind sie aufgrund fehlender Ausstattung meist nur schlecht vor den Giften geschützt, die sie verteilen müssen.

Wie (un)gesund ist Palmöl?

Neben dem Anbau ist auch der Konsum von Produkten mit Palmöl für den Menschen umstritten: In verarbeiteten Lebensmitteln steckt zum Beispiel raffiniertes Palmöl, das besonders viele gesundheitsschädliche Fettsäuren enthält und gerade für Kindern ungesund sein soll. Das Palmfett kann sich zudem negativ auf die Blutfettwerte auswirken und kann dadurch Erkrankungen wie Diabetes verursachen oder Herzinfarkte und Schlaganfälle begünstigen. In kleinen Mengen gilt es aber als bedenkenlos. Solange also auf eine ausgewogene Ernährung geachtet wird, muss es nicht schädlich für die Gesundheit sein.

Sind andere Öle wirklich besser?

Um die Umwelt, das Klima sowie die Menschen in den Anbaugebieten der Ölpalmen zu schützen, scheint es demnach sinnvoll zu sein, Lebensmittel, Kosmetikprodukte oder Waschmittel zu kaufen, in denen kein Palmöl steckt. Aber bringt das was?

Einerseits ist es sehr schwer, komplett auf Palmöl zu verzichten, weil es in so vielen Produkten enthalten ist. Andererseits hat der Anbau von Ölpalmen nicht nur schlechte Auswirkungen: Für viele Menschen aus den Anbauländern wie die Kleinbauern kann der Anbau der Ölpalmen eine wichtige Lebensgrundlage sein, weil sie dadurch Arbeitsplätze finden und Geld verdienen. Und insbesondere für die Produktionsstaaten sind sie ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Noch entscheidender ist aber, dass der Anbau alternativer Pflanzenöle wie zum Beispiel Raps oder Sonnenblumenöl teilweise noch schädlicher sein kann. Denn alle alternativen Pflanzenöle benötigen im Vergleich zum Palmöl wesentlich größere Anbauflächen, um denselben Bedarf abzudecken. Zum Beispiel verbraucht man für den Anbau von Sojapflanzen rund sechsmal mehr Fläche, sodass entsprechend auch mehr Treibhausgase freigesetzt und mehr Pflanzen- und Tierarten bedroht werden. Und auch das Kokosöl, das ähnliche Eigenschaften zum Palmöl hat, benötigt rund die fünffache Fläche.

Kein Austausch, sondern Wandel

Statt also das Palmöl durch andere Pflanzenöle zu ersetzen, sollte der Anbau nachhaltiger gestaltet werden. Umweltorganisationen setzen sich zum Beispiel dafür ein, dass die Plantagen künftig nicht mehr auf dem Land von Einheimischen oder auf Torfböden erlaubt werden. Außerdem sollen beispielsweise Schutzgebiete und sogenannte „grüne Korridore“ ausgewiesen werden, in denen die Regenwaldbewohner weiterleben oder in ein geschütztes Gebiet wandern können.

Zusätzlich muss den Landwirten auf den Ölplantagen beigebracht werden, wie sie ihr Öl nachhaltiger produzieren können. Dazu gehört beispielsweise, dass sie lernen, wie sie auf gefährliche Pestizide verzichten können. Ihre nachhaltigere Anbaumethoden müssen dafür aber auch entsprechend bezahlt werden, damit sich der Wechsel lohnt und die Landwirte davon leben können.

Um das umsetzen zu können, müssen auch die Unternehmen sich dazu entschließen, bestimmte Mindeststandards für den Anbau von Palmöl einzuhalten. Dazu hat der sogenannte „Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO) eine Zertifizierung entwickelt, die Maßnahmen für einen nachhaltigeren Ölpalmenanbau vorgeben. Zudem zertifiziert die sogenannte „Rainforest Alliance“ unter anderem bereits Schokolade und Kaffee. Die „International Sustainability and Carbon Certification“ soll zudem helfen, nachhaltiger Futtermittel oder chemische Stoffe herzustellen.

Und obwohl es bereits diese und weitere Zertifizierungssysteme mit bestimmten Mindeststandards für nachhaltig angebautes Palmöl gibt, sind sie noch lange nicht ausgereift und können nicht ausschließen, dass die Umwelt zerstört wird. Unter anderem verbieten manche Standards zum Beispiel nur die Rodung „besonders schützenswerter“ Wälder oder „hochgefährlicher“ Pestizide. Außerdem werden mangelnde Kontrollen der Organisationen kritisiert.

Was wir tun können

Aber nicht nur der Palmölanbau muss sich ändern, sondern auch der weltweite Konsum. Zunächst sollte man beim Kauf von Produkten mit Palmöl auf die verschiedenen Zertifizierungen achten. Zudem kann der Kauf von Bioprodukte zumindest sicherstellen, dass etwa keine Pestizide beim Anbau genutzt wurden und der Boden permanent bewachsen ist.

Da bei uns seit 2014 Palmöl generell auf Lebensmitteln gekennzeichnet werden muss, ist es zudem heute leichter, den Kauf von Produkten mit viel Palmöl zu reduzieren. Zum Beispiel sollte man Lebensmittel wie Schokolade, Fertiggerichte, Süß- und Knabberwaren bewusster kaufen und öfter selbst kochen. Außerdem wird zu einem Verzicht auf tierische Produkte wie Fleisch und Milch geraten, da in dem Tierfutter der industriell gehaltenen Tiere häufig viel billiges Palmöl enthalten ist.

Bei Kosmetik-, Putz- und Waschmitteln kann man meist nicht sofort erkennen, ob Palmöl enthalten ist, weil es in zahlreichen chemischen Stoffen steckt. So verbirgt es sich zum Beispiel hinter den Namen „Sodium Palmitate“, „Palm Kernel Alcohol“ oder „Pamamide DEA“. Palmölfreie Alternativen kann man aber über das Internet oder über spezielle Apps finden. Auch öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, spart Palmöl, weil weniger Sprit verbraucht wird.

Zusätzlich gilt, dass man Organisationen unterstützen oder mit Petitionen Druck auf die Politik und auf die Unternehmen machen kann, die viel Palmöl aus nicht nachhaltigem Anbau nutzen. Alle diese Maßnahmen können aber nur dann die Umwelt und die Lebewesen schützen, wenn sie global umgesetzt werden.

ABO, 01.03.2021
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