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Nach der Pandemie: Wenn das Coronavirus endemisch wird

Schon vier Coronaviren haben es vorgemacht: Sie haben sich so an uns Menschen angepasst, dass sie nur noch eine leichte Erkältung auslösen, dafür aber immer wiederkehren. Schon länger vermuten Virologen, dass auch SARS-CoV-2 nicht mehr aus unserer Population verschwinden wird. Stattdessen könnte sich auch dieser Erreger abschwächen und nach und nach endemisch werden. Was aber bedeutet dies konkret? Und wer wäre dann noch durch Covid-19 gefährdet?

Symbolbild Virusmutationen
Viren mutieren und da bildet SARS-CoV-2 keine Ausnahme.

Für ein Virus sind zwei Dinge wichtig: Ihm dürfen möglichst nie die Wirte ausgehen und es möchte sich so stark wie möglich vermehren. Dafür ist es vorteilhaft, wenn ein viraler Erreger beispielsweise uns Menschen nach der Infektion lange genug überleben lässt, damit wir weitere Menschen anstecken können. Ideal wäre es sogar, wenn sich das Virus in uns vermehrt, wir aber ganz normal weiterleben und den Erreger auf alle unsere Kontakte übertragen – so die Theorie.

Trend zu immer ansteckenderen Varianten

Das weckt die Frage, warum es trotzdem so tödliche Erreger wie das Ebolavirus gibt, das bei 50 bis 90 Prozent der mit ihm Infizierten zum Tode führt. Eine Erklärung dafür: Diese Viren stammen, wie auch das Coronavirus SARS-CoV-2 ursprünglich aus dem Tierreich und sind daher noch nicht optimale an den Menschen angepasst. Das führt dazu, dass sie anfangs noch relativ stark krankmachen oder sogar zum Tode führen und meist nur mäßig ansteckend sind.

Erst im Verlauf einer Epidemie oder Pandemie kommt es durch Mutationen zu Virusvarianten, die sich immer stärker optimieren. Zu beobachten war dies beim Coronavirus beispielsweise an der Alpha- und Deltavariante: Beide Virusvarianten haben Mutationen entwickelt, die sie noch leichter übertragbar machen als ihre Vorgänger. Das hat ihnen dazu verholfen, die früheren Virusvarianten zu verdrängen und sich in rasendem Tempo in nahezu der gesamten Menschheit zu verbreiten.

Symbolbild Virusvarianten
Einige der Virusvarianten sind ansteckender als das ursprüngliche Coronavirus und haben deshalb die "Vorgängermodelle" verdrängt.

…aber abgeschwächter Pathogenität

Eine zweite, typische Anpassung ist in der aktuellen Corona-Pandemie noch nicht klar zu erkennen, zeigt sich aber in einem ihrer Vorgänger: dem Erkältungsvirus HCoV-OC43. Hinter diesem kryptischen Namen verbirgt sich ein Coronavirus, das schon seit Jahrzehnten in der menschlichen Bevölkerung kursiert. Fast jeder von uns hat sich schon einmal mit diesem Erreger angesteckt, aber davon kaum etwas bemerkt. Denn die Pathogenität dieses Virus hat sich durch eine Kombination aus Virusmutationen und einer gewissen Grundimmunität der Bevölkerung so stark abgeschwächt, dass es zu einem der harmlosen, wiederkehrenden Erkältungsviren geworden ist.

Das aber war nicht immer so: Das Coronavirus OC43 steht im Verdacht, der Erreger hinter der sogenannten Russischen Grippe zu sein, einer Pandemie im Jahr 1889/1890, an der rund eine Million Menschen starben. Einigen Studien zufolge wurde diese Pandemie vom damals neu auf den Menschen übergesprungenen HCoV-OC43 verursacht. Weil weder Virus noch Menschheit darauf vorbereitet waren, forderte dieser Artsprung zahlreiche Todesopfer. Erst im Laufe der Zeit passte sich der Erreger an und schwächte sich ab. „Dieses Virus ist inzwischen zu einem endemischen Erreger geworden, der milde, wiederkehrende Erkältungen hervorruft“, erklären Ruiyun Li von der Universität Oslo und seine Kollegen.

Wird Covid-19 zur Kinderkrankheit?

Nach Ansicht vieler Virologen könnte SARS-CoV-2 langfristig der gleichen Entwicklung folgen. Indizien dafür lieferte unter anderem eine Modellsimulation, in der Li und sein Team die Entwicklung der Covid-19-Fälle über die nächsten 20 Jahre hinweg nachvollzogen haben. Dabei berücksichtigen sie den steigenden Anteil von Geimpften und durch Genesung zumindest vor schweren Verläufen geschützten Menschen. Zudem untersuchten sie auch, ob du wie sich die das Vorkommen von Covid-19 zwischen den Altersgruppen verschiebt.

Das Ergebnis: „Unsere Modellierung deutet darauf hin, dass das Infektionsrisiko sich auf jüngere Kinder verlagern wird, wenn die Erwachsenen entweder durch Impfung oder überstandene Infektion immun geworden sind“, berichtet Lis Kollege Ottar Bjørnstad. Zwar legen Studien legen nahe, dass der Immunschutz gegen SARS-CoV-2 nicht lebenslang anhält, sondern nach einigen Monaten nachlässt. Allerdings verläuft Covid-19 dann trotzdem deutlich milder oder sogar symptomlos.

An Covid-19 erkranken würden daher in einigen Jahren vorwiegend diejenigen, die noch keinen Kontakt mit dem Virus hatten – und das sind wie beim Erkältungs-Coronavirus OC43 primär die kleinen Kinder. Das bedeutet: SARS-CoV-2 könnte im Laufe der Zeit zu einer Kinderkrankheit werden. Gleichzeitig wird eine Infektion mit diesem Coronavirus wahrscheinlich deutlich seltener zu schweren Verläufen von Covid-19 oder Todesfällen führen.

NPO, 16.08.2021
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