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Minimalismus: Mit so wenig leben wie möglich

Weniger ist mehr: Nach diesem Motto entscheiden sich insbesondere junge Menschen in Industrieländern immer häufiger dazu, möglichst minimalistisch zu leben. Sie verzichten dabei zum Beispiel freiwillig auf Dekoration in ihrer Wohnung, besitzen nur eine Handvoll Kleidung und sammeln lieber Erinnerungen statt Möbel und technische Geräte. Woher kommt der Trend zu diesem Lebensstil? Und was bewegt Menschen dazu?

Rückenansicht eines auf dem Boden sitzenden Mannes in einem leeren Zimmer
Alles muss raus? Nicht jeder träumt von Designermöbeln und begehbaren Schränken.

Woher kommt die Idee?

Ursprünglich war Minimalismus eine Kunstrichtung der 1960-er Jahre: Im Gegensatz zu damals üblichen, aufwändigen und ausgeschmückten Gemälden begannen Künstler, Werke mit wenigen Farben und einfachen Formen zu gestalten. Die Idee, auf Ausschmückungen zu verzichten, wurde schließlich auch für den Lebensstil übernommen. Es galt damals als Gegenbewegung zum Materialismus, bei dem Menschen ihren Wohlstand in Form von Besitztümern wie Autos, Häusern oder Schmuck präsentierten.

Von der Idee inspiriert, haben sich seither verschiedene Formen des simplen Lebensstils in Amerika, Asien und Europa ausgebreitet. Dieses einfache Leben soll ein Gegenbild der heute üblichen Überflussgesellschaft sein, die viel Wert auf Materielles und etwa Geld legt. Seit etwa 2010 wurde der Minimalismus insbesondere über das Internet immer bekannter. Mittlerweile gibt es bereits Bücher, Serien und sogar Berater, die über das einfach gestaltete Leben aufklären.

Einfachheit statt Masse

Wie der Minimalismus ausgelebt wird, unterscheidet sich von Person zu Person. Allgemein verzichten Minimalisten freiwillig auf möglichst viele Besitztümer wie Kleidung und Möbel. Menschen, die so einfach leben wollen, beginnen deshalb meistens damit, ihr Lebensumfeld zu entrümpeln: Sie werfen zum Beispiel alte Papiere weg, misten nach und nach Schubladen aus, verschenken kaum benutzte Möbel, spenden ihre Kleidung und verkaufen ihr Auto.

Manche entscheiden sich schließlich dafür, in eine kleinere Wohnung zu ziehen, da sie auch zukünftig nur noch wenig kaufen wollen und ihr Wohnumfeld so auch weiterhin möglichst leer halten. Manche orientieren sich dabei daran, dass sie etwa immer nur 100 Gegenstände besitzen und nur das behalten, was sie zumindest wöchentlich brauchen.

Wiederverwerten, mehrfach nutzen und leihen

Um minimalistisch zu bleiben und nichts neues anzusammeln, fangen Minimalisten häufig an, Altes gegen Neues zu tauschen. Oft versuchen sie auch ihre Besitztümer zu reparieren oder wiederzuverwerten. So nähen sie etwa aus alten Oberteilen ein neues T-Shirt oder bauen Möbel um. Zudem nutzen Minimalisten typischerweise ihre wenigen Dinge doppelt: Beispielsweise kann ein Trinkglas auch als Blumenvase oder Gießkanne verwendet werden.

Manche Minimalisten verringern auch die Zahl an technischen Geräten wie Fernsehen oder elektrischen Werkzeuge. Brauchen sie aber doch mal beispielsweise eine Bohrmaschine, leihen sie sich diese etwa beim Nachbarn. Gleiches gilt auch fürs Auto: Vor allem in Städten gibt es oft Carsharing-Angebote und ausreichend öffentliche Verkehrsmittel, sodass man auf ein eigenes Fahrzeug verzichten kann.

Einige Minimalisten gehen noch weiter: Sie versuchen sich beispielsweise mit einem eigenen Gemüsegarten größtenteils selbstständig mit Lebensmitteln zu versorgen und etwa Hygieneartikel selbst herzustellen, um keine Produkte mehr kaufen zu müssen.

Gemeinschaftsgarten auf eiem Hausdach in Berlin
Der Anbau von Obst, Kräutern und Gemüse wird auch im städtischen Raum immer beliebter.

Ein simples Leben kann befreien

Was sind die Vorteile von diesem einfachen Leben? Hauptgedanke des Minimalismus ist es, dass man sich von Gegenständen befreit und damit wieder mehr Überblick über sein Umfeld hat. Man muss weniger putzen und aufräumen. Man kennt und findet zudem schnell alle Dinge, die man zu Hause hat. Außerdem herrscht oft mehr Ordnung und wer wenig besitzt, freut sich oft umso mehr, sich hin und wieder etwas Neues zu kaufen. Außerdem bedeutet der Verzicht auf ständig neue Gegenstände, dass man weniger wegschmeißt und so Müll spart. Dadurch kann man Ressourcen schonen und die Umwelt schützen.

Gleichzeitig versprechen sich Minimalisten auch mehr Freiheit im Leben, da man sich nicht mehr mit neuen Gegenständen, sondern zum Beispiel mit einem Spaziergang oder Begegnungen mit anderen Menschen beschäftigt. Durch den Verzicht auf Konsum kann man auch an Geld sparen und deshalb meist sogar weniger arbeiten gehen. So hat man automatisch mehr Zeit für die Familie und Freunde und kann sich zum Beispiel ehrenamtlich einsetzen oder kreativ werden.

Manche Minimalisten berichten, sich entschleunigt und selbstbestimmter zu fühlen. Menschen, die sich größtenteils selbst versorgen, sind zudem unabhängig und haben so das Gefühl mehr Kontrolle über ihr Leben zu haben.

Nicht für alle gleich umsetzbar

Trotz der Vorteile des einfachen Lebens ist es nicht unbedingt für jeden praktisch umsetzbar, minimalistisch zu leben. Zum Beispiel sind Familien mit vielen Kindern oder Menschen, die auf dem Land leben, oft auf ein Auto angewiesen. Und auch technische Geräte sind für die meisten heutzutage zum Arbeiten oder für die Schule oder Ausbildung nötig. Zudem haben immer weniger Menschen einen Garten, der groß genug ist, um eigene Lebensmittel anzubauen - wen sie den nicht ohnhin im dritten Stockwerk zur Miete wohnen.

Wie minimalistisch man also sein kann, hängt von den persönlichen Lebensumständen ab und davon, mit wem und wo man lebt. Eine Umstellung sollte man also immer schrittweise angehen, um zu testen, was wirklich zum eigenen Leben passt. Dennoch könnte die Idee, mehr Zeit mit Menschen als mit Konsum zu verbringen, gerade heutzutage immer wichtiger werden. Denn ein verringerter Konsum ist nachhaltiger und schont Ressourcen und damit den Planeten.

ABO, 19.02.2021
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