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Leben auf dem Wasser: das Selbstversorger-Hausboot

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Hamburger Hausboote auf dem Eilbekkanal östlich der Richardstraßenbrücke
Pilotprojekt "Wohnen auf dem Wasser" auf dem Hamburger Eilbekkanal

Die Hausboote haben am Ufer Anschluss an die Kanalisation, Stromversorgung und Müllabfuhr und weisen eine Wohnfläche von130 bis 160 Quadratmeter auf.

Kristalle im Kamin als Wärmespeicher

Für wohlige Wärme an eisigen Wintertagen sorgt ein Salzhydrat-Kamin: Oberhalb des Feuers befindet sich eine wassergefüllte Wanne mit dem kristallinen Material. Das Besondere an dem Salzhydrat: Es enthält in seinem Kristallgitter viel gebundenes Wasser, ist aber im Normalzustand fest. "Brennt das Feuer, werden die Salzhydrate flüssig und nehmen Wärme auf", erklärt Burkhard Faßauer. Sie speichern damit die Energie des Kaminfeuers. Sind sie vollständig verflüssigt, lässt sich diese Wärmeenergie zeitlich nahezu unbegrenzt speichern.

Um die Wärme bei Bedarf wieder freizusetzen, werden funkbasierte Kristallisationsauslöser verwendet. Das Prinzip kennt man von Taschenwärmern: Die Kristallisation löst ein geknicktes Metallblättchen aus, so dass der Taschenwärmer fest wird und Wärme abgibt. Erhitzt man ihn im Wasser, wird er wieder flüssig und speichert Wärme bis zum nächsten Knicken.

Allerdings reicht ein solcher Kamin allein nicht aus, um das schwimmende Haus den Winter über zu heizen. Hier hilft ein sogenannter Zeolithspeicher im Ponton weiter: Ähnlich wie die Salzhydrate binden diese Minerale ebenfalls viel Wasser, sie werden aber nicht flüssig. Stattdessen speichern sie Energie, indem ihnen durch Trocknen das Wasser entzogen wird – das passiert im schwimmenden Haus im Sommer durch die Sonnenwärme. "Und im Winter reicht feuchte Luft aus, damit der Speicher Wärme abgibt", erklärt Faßauer.

Mini-Kläranlage im schwimmenden Ponton

Auch um die Wasserversorgung im Hausboot kümmern sich die Experten. "Wir entwickeln und erproben zurzeit ein geschlossenes Kreislaufsystem für Trink- und Brauchwasser", erklärt Faßauer. Das schwimmende Domizil soll dafür eine eigene kleine Kläranlage erhalten. Dafür setzen die Wissenschaftler auf eine Kombination aus keramischen Membranen und verschiedenen Reinigungsprozessen mit Hilfe von Strom und Licht. Das Wasser strömt durch diese Anlagen hindurch und wird dabei gefiltert und von Schmutzstoffen gereinigt.

Während an Land das Abwasser immer auch biologisch behandelt wird und nützliche Bakterien dabei organische Schadstoffe abbauen, ist dieser Prozess auf einem schwimmenden Haus nicht möglich.  "Wir sind auf physikalische und chemische Methoden angewiesen. Da bietet die Keramik sehr effiziente Möglichkeiten, um Prozesse wie Photokatalyse, Elektrochemie und Filtration auf engstem Raum zusammenzubringen", erklärt Faßauer. Die gesamte Technik für das Kreislaufsystem soll im Ponton unter dem Haus untergebracht werden.

Das energieautarke Hausboot ist natürlich nicht ganz billig und sicher nicht s für die breite Masse. Aber die in ihm getesteten Systeme und Anlagen könnten dazu beitragen, künftig auch normale Häuser energiesparender und autarker zu machen. Für das Hausboot auf dem Geierswalder See könnte der Bau schon im Sommer 2016 beginnen.

NPO / Fraunhofer-Gesellschaft, 24.02.2016
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