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Jedes Silvester wieder – „Dinner for One“

Es ist wieder so weit: Das Jahr 2020 neigt sich dem Ende zu und wir steuern 2021 entgegen. Aufgrund der Corona-Pandemie kann der Jahreswechsel zwar nicht im großen Rahmen und mit Silvesterraketen und Böllern stattfinden, aber eine weit verbreitete Tradition ist auch dieses Jahr ohne Probleme möglich: den Kult-Sketch „Dinner for One“ anzuschauen. Aber warum ist der Film überhaupt so beliebt in Deutschland? Was macht ihn so besonders?

Freddie Frinton und May Warden als Butler James und Miss Sophie.
Freddie Frinton und May Warden als Butler James und Miss Sophie.

Der Sketch „Dinner for One“ oder auch „Der 90. Geburtstag“ wurde vom Briten Lauri Wylie um 1920 geschrieben und zunächst auf englischen Bühnen als Theaterstück aufgeführt. Populär wurde er in der Besetzung mit dem englischen Komiker Freddie Frinton und seiner Partnerin May Warden. Heinz Dunkhase führte dabei Regie, obwohl Frinton der eigentliche Schöpfer der Inszenierung war. Der Schauspieler hatte mit dem Stück großen Erfolg und tourte durch ganz Großbritannien.

Von englischem Stück zum deutschen Film

Im deutschen Fernsehen lief der Sketch das erste Mal 1961 in der Livesendung des Norddeutschen Rundfunks „Lassen Sie sich unterhalten“, die von der Sängerin Evelyn Künneke moderiert wurde. Ein Jahr später entdeckte der deutsche Entertainer Peter Frankenfeld das Stück in England und brachte es schließlich als Filmproduktion nach Deutschland.

Für seine Sendung „Guten Abend, Peter Frankenfeld“ wurde der 18-minütige Sketch 1963 im Hamburger Theater am Besenbinderhof vor Livepublikum aufgeführt und als Schwarz-Weiß-Aufnahme aufgezeichnet. Sie wird von Heinz Piper auf Deutsch eingeleitet, aber ansonsten wie im Original auf Englisch gesprochen, weil sich Frinton aufgrund seiner Kriegserfahrungen weigerte, Deutsch zu sprechen.

Was am 90. Geburtstag passierte

Aber was macht den Sketch aus? Der Rahmen der Handlung ist der 90. Geburtstag der Protagonistin Miss Sophie, die wie jedes Jahr ihren Geburtstag mit ihren vier liebsten Freunden - Sir Toby, Admiral von Schneider, Mister Pommeroy und Mister Winterbottom - feiern möchte. Daraus wird aber diesmal nur das „Dinner for One“, denn die Gäste sind alle bereits verstorben.

Allerdings kann sich die alte Dame nicht damit abfinden, dass die Eingeladenen nicht da sind, und möchte, dass alles so wie immer ist. Ihr altgedienter Butler James erfüllt ihr diesen Wunsch und hat von nun an die Aufgabe, nicht nur das Essen und die Getränke für alle zu servieren, sondern jeweils auch für die eingeladenen, aber nicht anwesenden Freunde mitzutrinken und zu essen. So findet der Sketch in einem einzigen Raum statt und hat insgesamt nur zwei Protagonisten.

Szenenbild von "Dinner for One" aus der Vogelperspektive
Szenenbild von "Dinner for One" aus der Vogelperspektive

Die Running-Gangs machen es aus

Wieder und wieder: Im Verlauf des feierlichen Abendessen serviert Butler James für Miss Sophie und die vier nicht anwesenden Gäste das alljährliche Geburtstagsmenü, denn Miss Sophie möchte auch bei diesem Geburtstag “The same procedure as every year, James!“.  Die vier Gänge bestehen aus der sogenannten Mulligatawny-Suppe – einer scharfen indischen Currysuppe-, aus Nordsee-Schellfisch, aus Hühnchen und als Nachspeise aus Obst.

Dabei muss James bei jedem Gang die Getränke der geladenen Herren trinken und ihre Trinksprüche dazu imitieren. Durch die alkoholischen Drinks, die von Sherry über Weißwein bis hin zu Champagner und Portwein reichen, wird er im Laufe des Abends immer angeheiterter und schwankt beim Kellnern. Beim Servieren stolpert James schließlich sichtlich bemüht wieder und wieder über den Kopf des Tigerfells, das auf dem Boden liegt. Letztendlich völlig betrunken nimmt er sogar einen Schluck aus der Blumenvase.

Butler James streichelt den Kopf des anstößigen Tiigerfells
Spielt eine tragende Rolle in einem der Running Gags: der Kopf eines Tigerfells.

Klassiker zu Silvester

Dank dieser Running-Gags begeistert der Sketch die deutschen Fernsehzuschauer und wurde immer wieder als Pausenfüller in der ARD gesendet. Bis Henri Regnier vom Norddeutschen Rundfunk die Aufnahme schließlich am 31. Dezember 1972 aus dem Archiv hervorholte und sie daraufhin einen festen Sendeplatz im deutschen TV-Silvester bekam. Und das, obwohl sie ursprünglich gar nicht als Silvester-Unterhaltung diente. Zur Wahl als Silvestersketch hat vermutlich der Spruch “Happy New year, Miss Sophie” beigetragen, den der Butler als Trinkspruch für Mister Pommeroy ausspricht.

Seither gehört der Kult-Sketch noch immer zu einer der wenigen Sendungen im deutschen Fernsehen, die unsynchronisiert auf Englisch gezeigt werden. An Silvester 1999 strahlte der Norddeutsche Rundfunk aber noch weitere Versionen von „Dinner for One“ aus: Präsentiert wurden eine Version auf Plattdeutsch und eine nachkolorierte Version. Seitdem gibt es weitere Nachproduktionen, darunter mittlerweile eine deutschsprachig kommentierte Fassung für Sehbehinderte oder die Parodien "Dinner for Chon" und "Döner for One".

Typisch deutsch

In Deutschland ist der Sketch somit zum festen Bestandteil des Silvester-Fernsehprogramms des öffentlich-rechtlichen Fernsehens geworden. Mittlerweile ist er bei uns die am häufigsten wiederholte Sendung und wurde 1988 im Guinness-Buch der Rekorde als „weltweit am häufigsten wiederholte Fernsehproduktion“ aufgeführt. Im Rekordjahr 2004 verfolgten insgesamt über 15 Millionen Deutsche den Sketch.

So jährt sich „Dinner for One“ dieses Jahr nun zum 58. Mal im deutschen Fernsehen, denn auch an Silvester 2020 wird der 90. Geburtstag von Miss Sophie gezeigt. Einige Sender präsentieren den Sketch ab Mittag des 31. Dezembers bis zum Morgen des Neujahrstag. Mittlerweile kann der Klassiker aber nicht nur pünktlich zu Silvester im Fernsehen, sondern auch täglich in den Fernsehmediatheken angeschaut werden.

Das Erstaunliche: Während das ursprünglich englische Theaterstück in Deutschland und unter anderem auch in Finnland, Dänemark, Schweden, der Schweiz, Österreich und Australien ein Klassiker ist, wurde es erst vor zwei Jahren - an Silvester 2018 - zum ersten Mal im britischen Fernsehen gezeigt.

ABO, 30.12.2020
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