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Interview: Wie wirkt sich das fehlende Publikum aus?

Die Olympischen Spiele finden in diesem Jahr unter extrem erschwerten Bedingungen statt: Publikum ist zu den Sportwettkämpfen in Tokio gar nicht zugelassen und auch die Athletinnen und Athleten müssen wegen der Corona-Pandemie strengen Schutzvorschriften folgen. Welche Auswirkungen hat dies auf ihre Psyche und ihre Leistungen? Dies erklärt uns ein Psychologe von der Sporthochschule Köln.

Prof. Dr. Jens Kleinert,  Leiter der Abteilung Gesundheit und Sozialpsychologie des Psychologischen Instituts der Deutschen Sporthochschule Köln
Prof. Dr. Jens Kleinert, Leiter der Abteilung Gesundheit und Sozialpsychologie des Psychologischen Instituts der Deutschen Sporthochschule Köln
Ist ein Wettkampf ohne Publikum für Sportler eher eine Belastung oder eine Erleichterung? Was lösen die Unsicherheit und die verschärfen Schutzbestimmungen wegen der Corona-Pandemie bei ihnen aus? Was im Kopf von Leistungssportlern vorgeht, weiß Jens Kleinert. Er ist Leiter der Abteilung Gesundheit und Sozialpsychologie des Psychologischen Instituts der Sporthochschule. Für die Olympischen und Paralympischen Spiele beschäftigt er sich mit den psychologischen Auswirkungen der verschobenen Spiele, die nun erstmals ohne Publikum stattfinden.

Herr Kleinert, die Olympischen Spiele finden erstmals in ihrer Geschichte ohne Zuschauer statt. Wie wirkt sich das auf die mentale Verfassung der Athleten aus? Gibt es Sportler, die sich dann besser konzentrieren können oder brauchen sie diese zusätzliche Motivation, um ihre Bestleitungen zu erreichen?

Ob Zuschauer anwesend sind oder nicht, wirkt sich bei den Athletinnen und Athleten unterschiedlich aus. Das kennt man ja schon aus den Zeiten vor Corona. Der eine Hochspringer ermuntert die Zuschauer rhythmisch anzufeuern, die andere Springerin bittet alle mit dem Zeigefinger vor dem Mund um Ruhe. Das zeigt, dass die Konzentrationstechniken oder die Vorstartroutinen, wie wir sie in der Sportpsychologie kennen, sehr unterschiedlich sind. Manche Routinen sind anfällig für äußere Störungen; solche Athleten profitieren nun eher von leeren Stadien. Andere brauchen zur optimalen Aktivierung Klatschen oder Rufen; diese Sportler haben durch das Wegfallen des Publikums einen kleinen Nachteil.

Mit welchen psychologischen Faktoren müssen die Teilnehmenden bei Olympia besonders umgehen? Was ist anders als bei einem normalen Wettkampf?

Anders sind bei diesen Olympischen Spielen neben den leeren Stadien besonders die starke Isolation und die sonstigen Maßnahmen für die Verhinderung und Erkennung einer Corona-Infektion. Insbesondere die Isolation ist für einige Athleten sehr belastend. Besonders für diejenigen, die üblicherweise eng mit Trainern oder anderen Betreuungspersonen zusammenarbeiten. Manchmal kann das auch die Familie sein.

Durch die extreme Reduktion des Betreuungsstabs fallen häufig wichtige soziale Unterstützungsfaktoren weg. Das kann sich insbesondere in kritischen und schwierigen Wettkampfphasen negativ auf den Umgang mit Stress auswirken. Auch hiervon sind nicht alle Athletinnen und Athleten gleich betroffen. Einige sind es gewöhnt, für sich allein zu arbeiten und Probleme zu meistern.

Bezogen auf die COVID-Maßnahmen, zum Beispiel die vielen Testungen, sind diese Spiele zwar speziell, aber eigentlich kennen die Leistungssportler solche Dinge bereits aus vielen Vorbereitungs- oder Qualifikationswettkämpfen. Wettkämpfe in der Bubble standen ja im Vorfeld in den meisten Sportarten auf der Tagesordnung, weswegen die allermeisten sich mit dieser Situation bereits auseinandergesetzt haben und häufig auch eigene Lösungen für die Störungen durch Testungen gefunden haben.

Viele Olympiateilnehmer haben Bedenken aufgrund von Corona, einige haben ihre Teilnahme bereits abgesagt. Was macht die Angst vor dem Virus mit den Sportlerinnen und Sportlern?

Angst ist ein Produkt der Situation und der Persönlichkeit. Auf Seiten der Situation steht bei den meisten Athleten vor allem die Impfung. Ich denke, dass fast alle der geimpften Sportlern davon ausgehen, dass eine Impfung einen guten, teils sehr guten Schutz bewirkt. Und dieser Schutz scheint ja bei den meisten Impfstoffen auch gegen Mutationen wie die Delta-Variante zu wirken.

Hinzu kommen die Sicherheitsmaßnahmen, die zwar einerseits Vorbereitungsprozesse und den Wettkampfverlauf stören, andererseits aber auch ein Baustein des Schutzes sind. Daher sind die meisten Athlet*innen sicherlich überzeugt davon, das Infektionsrisiko weitgehend kontrollieren zu können. Und genau dieses situative Kontrollgefühl ist eine der größten Barrieren gegen die Entstehung von Angst.

Andererseits ist Angst ein Teil unserer Persönlichkeit und es gibt grundsätzlich eher niedrigängstliche und hochängstliche Menschen. Die letzteren neigen dazu, vor allem die Lücken im System zu fokussieren und Maßnahmen als tendenziell ineffizient zu sehen. Auch jede Impfung birgt ein Restrisiko der Ansteckung und Erkrankung, hochängstliche Menschen haben eher dieses Restrisiko im Blick und reagieren entsprechend.

Durch psychologische Arbeit kann man hier ein Stück weit regulierend helfen, sei es durch Techniken der Symptomkontrolle, also der Beruhigung oder Entspannung durch Selbstgespräche, Bilder oder durch den Versuch, den Prozess zu rationalisieren. Leider konnten aber viele Sportpsychologen, die hier potenziell helfen können, aufgrund der Einschränkung des Betreuungsstabs nicht mit nach Tokio reisen und eine Betreuung kann nur per Telefon, Videokonferenz oder Chat stattfinden. Das ist wenigstens etwas, aber nicht so effizient wie die Betreuung in Präsenz.

Im Fußball haben wir gelernt, dass Sportpsychologen heutzutage fast unabdingbar sind. Wie schaut das in Sportarten wie der Leichtathletik oder bei anderen olympischen Sportarten aus?

Man sollte eher sagen, dass der Fußball von den anderen Sportarten gelernt hat, nur wissen das die Wenigsten. Sportpsychologische Betreuung hat sich bereits in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelt und das zum Beispiel eher in den Einzelsportarten oder Rückschlagspielen. Die meisten Mannschaftsspiele sind erst später nachgezogen. Also profitieren Sportlerinnen und Sportler in der Leichtathletik, im Geräteturnen oder im Schwimmen schon seit vielen Jahren von den positiven Effekten sportpsychologischer Betreuung.

Besonders wichtig ist dabei, dass sportpsychologische Betreuung nicht nur bei Olympia oder anderen Hauptwettkämpfen stattfindet, sondern ein fester Bestandteil des alltäglichen Trainings ist, eben sportpsychologisches Training. Hierbei lernen Athleten, sich bei hohen Belastungen zu konzentrieren, motorisch schwierige Techniken zu visualisieren oder mit Wettkampfstress umzugehen. Genauso wichtig ist aber auch die Sport-Life-Balance, der Erhalt der psychischen Gesundheit oder die Entwicklung der eigenen, stabilen und resilienten Persönlichkeit. Letzteres vor allem bei sehr jungen Sportlern.

Apropos sehr jung. Mit Lilly Stoepahsius hat sich die jüngste deutsche Sportlerin aller Zeiten im Skaten qualifiziert. Sie ist gerade einmal 13 Jahre alt. Inwiefern kann eine Teenagerin unter solchen Bedingungen an ihre Bestleistungen kommen? Ist das Fehlen des Publikums in so einem Fall vielleicht sogar eine Erleichterung?

Das junge Alter von Lilly Stoepahsius geht natürlich mit einer verhältnismäßig geringeren Erfahrung in Großwettkämpfen einher, kann aber auch positiv gesehen werden. Während nämlich ältere Sportler*innen unter Umständen recht festgefahrene Routinen besitzen, die bei einer Veränderung der Wettkampfsituation vielleicht nicht umsetzbar sind, bringt die relativ geringere Erfahrung von Lilly eventuell ein hohes Maß an Flexibilität mit sich.

 Auch darf man sich nicht vom Alter täuschen lassen. Schon sehr junge Sportler besitzen viele Jahre Wettkampferfahrung. Sie haben häufig bereits erstaunliche psychologische Techniken erworben. Lilly trainierte bereits mit fünf Jahren regelmäßig und war vor drei Jahren deutsche Meisterin. Auch die Anwesenheit von Zuschauer, die johlen und klatschen, ist Lilly daher bekannt und es lässt sich von außen nicht einschätzen, ob sie von leeren Rängen profitiert. Vielleicht liebt sie das Publikum auch.

Die Athletinnen und Athleten haben jetzt über ein Jahr der Unsicherheit hinter sich: Finden die Spiele statt, für die ich mein ganzes Leben trainiere? Wann finden sie statt? Wie finden sie statt? Über die Teilnahme hinaus haben auch Lebensentwürfe und berufliche Pläne unter der Verschiebung gelitten. Was ist wichtig, um nun doch den vollen Fokus auf den einen Wettkampf zu lenken?

Die allermeisten Athleten, die in Tokio an den Start gehen, sind schlussendlich glücklich und froh, dabei zu sein. Natürlich wird die Freude durch die organisatorischen Bedingungen, das politische Drumherum, die gesellschaftlichen Einstellungen und Situationen vor Ort etwas gedämpft. Daher kann sich eine lockere Freude, wie sie sonst häufig bei Teilnehmenden vorherrscht, nicht entwickeln, eher eine gebremste Freude.

Besonders eingeschränkt sind ja das Miteinander des deutschen Teams und auch der Austausch und die sozialen Interaktionen mit den Sportlerinnen und Sportlern anderer Nationen. Man hat weder die Möglichkeit, viel früher anzureisen, noch viel länger zu bleiben. Der Austausch beschränkt sich auf die sozialen Medien. All das beschneidet viel von dem, was Olympia für Athleten ausmacht. Trotzdem ist es das Highlight, auf das viele jahrelang hingearbeitet haben und welches die meisten nur einmal im Leben erleben können. Daher steht unter dem Strich ganz sicher bei den Allermeisten die Freude, daran teilzunehmen und die eigene Leistung zeigen zu dürfen.

Quelle: Sporthochschule Köln

23.07.2021, Sporthochschule Köln / NPO
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