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Intersektionalität: Ein Geflecht aus Diskriminierungen

Ob in der Schule, bei der Suche nach einem Arbeitsplatz oder einfach im Alltag – Diskriminierungen gibt es in unserer Gesellschaft fast überall. Aber einige Menschen sind dabei gleich mehrfach benachteiligt: Sie werden nicht nur wegen eines einzigen Identitätsmerkmals wie ihres Geschlechts oder ihrer Herkunft diskriminiert, sondern gehören gleich in mehreren Kategorien zu benachteiligten Gruppen. In diesem Fall spricht man von einer Intersektionalität.

Mikado
Unter Intersektionalität versteht man die Verschränkung verschiedener Ungleichheit generierender Faktoren.

Diskriminiert oder privilegiert?

Überall auf der Welt gibt es in Gesellschaften soziale Ungleichheiten. Denn Menschen oder Gruppen werden aufgrund verschiedener sozialer Kategorien wie zum Beispiel ihrer Herkunft, der Religion, des Geschlechts, der Sprache oder Hautfarbe häufig unterschiedlich behandelt – manche werden benachteiligt, andere bevorteilt. So bekommen die diskriminierten Menschen beispielsweise schlechter einen Arbeitsplatz oder eine Wohnung und weniger Anerkennung für gute Leistungen, während die Privilegierten gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben und von der Gesellschaft akzeptiert sind.

Solche Diskriminierungen und Privilegierungen hängen eng damit zusammen, dass es in den meisten Gesellschaften eine Art "Norm" gibt – beispielsweise eine feste Vorstellung darüber, wie der "typische Deutsche" oder der ideale Angestellte aussieht. Diese Idealbilder sind oft von Vorurteilen geleitet, die aus dem Elternhaus oder dem sozialen Umfeld angenommen wurden. Wer der "Norm" entspricht, dem werden – oft unbewusst – Vorteile eingeräumt. Weicht man dagegen von diesem Bild ab, hat man Nachteile und wird diskriminiert.

Was ist Intersektionalität?

Doch ein Mensch ist nicht nur durch ein Merkmal wie etwa das Geschlecht gekennzeichnet. Zu unserer  Identität gehören neben dem biologischen Geschlecht auch weitere Merkmale wie die  Geschlechtszugehörigkeit, die sexuelle Orientierung, die Religion, die ethnische und kulturelle Herkunft, der soziale Status und beispielsweise die Sprache – unsere Identität ist deshalb ein Geflecht aus verschiedenen Identitätsmerkmalen.

Dadurch kann es dazu kommen, dass manche Menschen gleich aus mehreren Gründen benachteiligt und diskriminiert werden. Dann spricht man von einer Intersektionalität. Dieser Begriff kam erstmals im 19. Jahrhundert in den USA auf, als schwarze Frauen kritisierten, dass sie nicht nur aufgrund ihres Geschlechts, sondern auch ihrer Ethnizität diskriminiert wurden. Dieser doppelte Nachteil wurde  aber in der Bewegung zum Feminismus und in der antirassistischen Bewegung nur untergeordnet berücksichtigt. In den 1970er-Jahren entwickelte sich daraus die Theorie des „Black Feminism“ und mittlerweile werden auch alle anderen Formen der Mehrfachdiskriminierung zu der Intersektionalität gezählt.

Wie eine Straßenkreuzung

Dass die intersektionalen Diskriminierungen heute immer häufiger mitbeachtet werden, ist deshalb wichtig, weil Opfer mehrerer Diskriminierungen meist auch mit anderen Schwierigkeiten in der Gesellschaft zu kämpfen haben als Menschen, die für ein Identitätsmerkmal benachteiligt werden. So hat ein männlicher Schwarzer zwar oft mit Nachteilen zu kämpfen, hat aber beispielsweise im Berufsleben meist mehr Chancen auf eine höhere Position und oft mehr Privilegien als etwa eine Frau mit dunklerer Hautfarbe.

Diese Problematik vergleichen Experten wie die US-Juristin Kimberlé Crenshaw mit einer Straßenkreuzung, an der der Verkehr aus allen vier Richtungen kommt: „Wie dieser Verkehr kann auch Diskriminierung in mehreren Richtungen verlaufen“, so Crenshaw. „Wenn es an einer Kreuzung zu einem Unfall kommt, kann dieser von Autos aus jeder Richtung verursacht worden sein – manchmal sogar von Fahrzeugen aus mehreren Richtungen gleichzeitig. Ähnliches gilt für eine Schwarze, die an einer `Kreuzung´ verletzt wird, die Ursache könnte sowohl sexistische als auch rassistische Diskriminierung sein.“

Intersektionale Diskriminierung am Arbeitsmarkt

Aber wie sehen intersektionale Diskriminierungen in Deutschland aus? Ein Beispiel dafür sind Frauen mit Hidschab – einem muslimischen Kopftuch, das die Haare, Ohren und den Hals sowie meistens auch leicht die Schultern bedeckt. Sie werden einerseits aufgrund ihres Geschlechts und andererseits aufgrund ihres Glaubens diskriminiert. Diese Mehrfachdiskriminierung zeigt sich unter anderem beim Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt, denn diese Frauen haben es aufgrund dieser beiden Merkmale schwerer als andere Menschen eine Stelle zu bekommen.

Wie genau sich der Sexismus und anti-muslimischer Rassismus auswirkt, hat ein Experiment von Doris Weichselbaumer von der Universität Linz aufgedeckt. Dabei wurden rund 1.500 Bewerbungen an Unternehmen in Deutschland verschickt, die in allen Punkten identisch waren, nur nicht im Namen und dem Bewerbungsfoto. Fiktive Absender der Bewerbung waren mal eine Frau mit dem deutsch klingenden Namen Sandra Bauer mal eine Frau mit dem türkisch klingenden Namen Meyrem Öztürk. Die Fotos der  Bewerberinnen zeigten entweder das neutrale Foto einer Frau ohne Kopftuch oder aber das Portrait derselben Frau mit Hidschab.

Es zeigte sich: Die Bewerberinnen wurden in dem Experiment trotz ihrer gleichen Qualifikationen nicht alle gleich behandelt. Die erfundene Identität Sandra Bauer war dabei die erfolgreichste Kandidatin: Von rund 20 Prozent aller Unternehmen, bei denen sie sich bewarb, wurde sie zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Eine Meyrem Öztürk ohne Hidschab hingegen nur von 13,5 Prozent und eine Meyrem Öztürk, die auf dem Bewerbungsfoto ein Hidschab trägt, wurde lediglich von ungefähr vier Prozent aller Unternehmen, die sie kontaktierte, zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen.

Für eine erfolgreiche Einladung zu einem Vorstellungsgespräch müsste demnach eine Frau mit einem Hidschab und einem türkisch klingenden Namen trotz identischer Bewerbung und Qualifikationen 4,5-mal so viele Bewerbungen versenden wie eine Frau mit einem deutsch klingenden Namen ohne Hidschab.

Intersektionalität im Schulsystem

Ein weiteres Beispiel für intersektionale Diskriminierung in Deutschland findet im Schulalltag statt. Wenn es um die Einstufung in einen geeigneten Schultyp geht, sind Kinder mit Migrationshintergrund oder auch Angehörige der Sinti und Roma ebenfalls oft von intersektionaler Diskriminierung betroffen. Oft erleben sie sowohl Rassismus wie auch Klassismus.

Sie werden demnach aufgrund ihrer Ethnizität und wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer ärmeren sozialen Schicht benachteiligt.

Diese Intersektionalität zeigt sich unter anderem daran, dass Kinder, die den Sinti und Roma angehören, im deutschen Schulsystem häufig benachteiligt werden. Ein solcher Fall ist Nenad Mihailovic, ein Rom, der jahrelang auf eine Förderschule für geistig behinderte Menschen gehen musste, obwohl er keine geistige Behinderung hatte. Weil er vor Beginn der Grundschulzeit die deutsche Sprache nicht gut beherrschte,  schnitt er im Schuleignungstest schlecht ab und wurde als minderbegabt eingestuft.

Dass Nenad kein Einzelfall ist, hat eine Studie von Forschern um Daniel Strauß vom Verband Deutscher Sinti und Roma belegt. Dabei wurden über 260 Sinti und Roma zu ihrer Schulbildung befragt. Dabei zeigte sich, dass Angehörige dieser ethnische Gruppe in Deutschland überproportional häufig an Förderschulen und unterproportional an Gymnasien vertreten sind.

Dies sorgt dafür, dass diese Kinder eine schlechtere Bildung und einen wenig erfolgversprechenden Schulabschluss bekommen, obwohl sie womöglich weit mehr Potenzial haben. Im späteren Leben haben die Betroffenen dadurch weitere Nachteile – die Diskriminierung setzt sich fort.

Intersektionale Diskriminierung und Gewalt

Intersektionalität kann aber nicht nur die Zukunftschancen von den Betroffenen zerstören, sie kann auch Gewalt zur Folge haben. So erfahren zum Beispiel Frauen mit Behinderung aufgrund ihres Geschlechtes und ihrer Behinderung in Deutschland nicht nur häufig Diskriminierung und haben etwa schlechtere Berufschancen. Sie haben zusätzlich auch ein höheres Risiko, Opfer von körperlicher, sexualisierter oder psychischer Gewalt zu werden.

Eine Studie vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat untersucht, wie sehr behinderte Frauen in Deutschland von Gewalterfahrungen betroffen sind. Dazu wurden rund 1.600 Frauen im Alter von 16 bis 65 Jahren befragt, die starke und dauerhafte Beeinträchtigungen und Behinderungen haben.

Das Ergebnis: Die Befragten waren deutlich stärker von Gewalt betroffen als die Mehrheit der Frauen insgesamt. So zeigte sich, dass die Studienteilnehmerinnen in der Kindheit und Jugend sowie auch im Erwachsenenleben zwei- bis dreimal häufiger sexualisierter Gewalt durch Erwachsene erlebt hatten als Frauen im Bevölkerungsdurchschnitt. Besonders betroffen waren Gehörlose, Blinde und psychisch Erkrankte. Hinzu kommt, dass bis zu 75 Prozent der Befragten als Erwachsenen auch körperliche Gewalt erfahren haben, was doppelt so viele sind wie im Bevölkerungsdurchschnitt.

Was kann man gegen Intersektionalität tun?

Typischerweise werden die verschiedenen Formen der intersektionalen Diskriminierung von privilegierte Menschen kaum wahrgenommen, weil ihnen ihre Privilegien nicht bewusst sind und sie selbst keine Benachteiligungen erleben. Das macht es schwerer, ein Bewusstsein für diese verflochtenen Diskriminierungen zu schaffen und sie zu bekämpfen.

Erst wenn auch die Rechte, Interessen und Bedürfnisse von mehrfach  diskriminierten Personen und Gruppen berücksichtigt werden, können Benachteiligungen im sozialen und wirtschaftlichen Leben vermieden werden. . Das erfordert allerdings politische und gesellschaftliche Maßnahmen, beispielsweise in Form von Aufklärung, Anti-Diskriminierungs-Richtlinien im Behörden, Schulen und Unternehmen und anderen Maßnahmen für mehr Gleichstellung

Augen auf im Alltag

Aber auch jeder Einzelne kann sich gegen intersektionale Diskriminierungen  einsetzen. Eine erste Maßnahme ist es, dass man sich als bevorteilter Mensch über die Erfahrungen der Benachteiligten informiert, mit diskriminierten Menschen spricht und sich bewusst macht, welche Privilegien man hat. Das öffnet die Augen dafür wo im Alltag intersektionale Diskriminierung stattfindet .

Erkennt man bei sich oder anderen, wie Familienmitgliedern, Kollegen oder Freunden, Formen der Intersektionalität, kann man versuchen, diese zu hinterfragen oder gegenzusteuern. Zudem bietet es sich an über das Thema zu reden und stärker darauf aufmerksam zu machen – insbesondere in Gruppen, zu denen hauptsächlich privilegierte Menschen gehören.

ABO, 07.06.2021
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