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Die Wegwerfgesellschaft: Produzieren für den Müll

„Jedes Jahr werden in der EU 90 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Geladen in Lastwagen wäre das eine Kolonne einmal rund um den Äquator.“ Das berichtet der Dokumentarfilm „Taste the Waste“, der über diesen Missstand in der Welt aufklären möchte. Die Masse von uns benutzt Lebensmittel oft ohne nachzudenken oder ohne nachdenken zu wollen – ein paar Start-Ups wollen dem nun entgegenwirken.

Supermarkt: „Wegwerfdatum“ und Schönheitsideal

Obst-und Gemüse auf der Müllhalde
EU-weit werden enden jedes Jahr 90 Millionen Tonnen Lebensmittel als Müll.

Supermärkte sind Müllproduzenten im großen Stil. Alles, was nicht mehr den Anschein macht, als wäre es gerade frisch vom Baum gepflückt, fliegt raus und zwar in hohem Bogen. Ein französischer Verkäufer in dem Dokumentarfilm sagt, es sei nicht ihre Schuld, dass sie den Joghurt sechs Tage vor Ablaufdatum wegwerfen, es sei die Schuld der Kunden. Das lässt einen zunächst stutzen, so wie der junge Mann dies mit einem Schulterzucken sagt und den ganzen Karton Joghurt zum Wegwerfen aus dem Regal holt.

Aber Recht hat er – zumindest teilweise, denn die Supermärkte reagieren letztlich auf unser Kaufverhalten. Wer hat nicht schon die letzte Milch ganz hinten herausgegriffen, für die man sich verrenken muss, um überhaupt dranzukommen. Und das nur, damit man ein längeres Haltbarkeitsdatum hat – manchmal nur von wenigen Tagen. Die anderen Produkte bleiben in den Regalen stehen.

Auch wenn die Supermärkte in vielen Fällen falsch handeln und wir der Meinung sind, „so etwas würden wir nie unterstützen!“, die Supermärkte orientieren sich doch meist an den Wünschen ihrer Kunden – also an uns allen. Wir ärgern uns, wenn wir abends um sechs nach der Arbeit keinen frischen Salatkopf mehr bekommen oder schon unsere Lieblingsbrötchen vergriffen sind und üben so Druck auf die Läden aus, denen sie gerecht werden. Die Lösung heißt Überfluss. Etwa 50 Kilogramm Müll produziert jeder Supermarkt am Tag.

Die Außenseiter vom Feld

Und nicht nur das – wer nimmt schon den Apfel mit der Druckstelle oder die Banane, die etwas braun am Rand ist, wenn daneben so viel schönere und perfekte liegen? Und das sind ja ohnehin geschönte Exemplare, denn der Schönheitswahn im Supermarkt geht so weit, dass viele Kunden glauben Gurken seien immer so grade, Zucchini sind immer so klein und Kartoffeln haben immer eine perfekte ovale Form – ganz natürlicherweise. Das ist natürlich nicht so und genau deshalb schaffen es 40 bis 50 Prozent des Gemüses noch nicht einmal vom Feld auf den Anhänger. Sie werden direkt aussortiert.

Dem haben nun zwei Frauen in Berlin den Kampf angesagt: Culinary Misfits - so heißt das junge Projekt zweier Berlinerinnen. Tanja Krakowski und Lea Brumsack nehmen den Bauern die „missratenen“ Gemüseexemplare ab: Dreibeinige Möhren, Kartoffelknollen mit unzähligen Beulen und Minirotkohl. Diese verwenden sie in ihrem kleinen Café und machen daraus leckere Kuchen, Quiches und was es sonst noch so gibt. Außerdem bieten sie auch Kochkurse an, in denen sie Kunden beibringen, wie sie Gemüse und Obst haltbarmachen, beispielsweise durch Einmachen. Denn auch das haben die meisten heutzutage nicht mehr drauf.

Privat: Zu viel gekauft

Der Einkaufswagen ist voll und eigentlich brauchten wir nur einen Liter Milch, aber dann haben uns doch noch die schönen Äpfel angelächelt und Käse braucht man bestimmt auch nochmal die Tage. Supermärkte sind darauf ausgelegt, dass wir mehr kaufen, als wir eigentlich brauchen und gekauft wird unter dem Motto: Wird schon nicht schlecht. Aber entweder futtert man das Zuviel fleißig auf und erfreut sich den überschüssigen Kilos oder man schmeißt es doch irgendwann weg, weil es verdorben ist.

Ist das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen, ist es jedoch im seltensten Fall wirklich schlecht geworden. Denn das aufgedruckte Datum sagt im Grunde nichts über die inneren Werte eines Produkts aus, sondern es garantiert dem Käufer nur, dass bis zu diesem Tag das Produkt in Form, Farbe und anderen Eigenschaften dem Optimum entspricht.

Bei vielen haltbaren Produkten wie Nudeln oder Salz macht dies nicht unbedingt Sinn. Hier wird das Datum von den Produzenten selbst bestimmt und ist oft einfach willkürlich. Denn diese Produkte halten sich oft jahrelang – und damit auch noch lange nachdem das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Anders sieht es hingegen bei Fleisch, Fisch oder Eiern aus, denn hier schützt das Gebrauchsdatum tatsächlich vor möglichen Krankheitserregern.

Foodsharing ist ein Projekt, das diesem Wegwerfwahn entgegenwirken möchte. Alles was man selbst nicht mehr aufessen kann, kann man hier an andere verschenken. Dafür gibt es auch teilweise geregelte Abgabe-Plätze in der Stadt. Hier steht dann oft ein Kühlschrank oder ein normaler Schrank, wo man seine Sachen abladen oder andere Lebensmittel abholen kann.

Restaurants: Wenn die Augen größer als der Magen sind

Speisereste werden in einen Mülleimer entsorgt
Sind die Portionen zu großzügig bemessen, landet der Rest oft im Müll.

In Restaurants haben wir oft keinen direkten Einfluss auf die Menge, die uns vorgesetzt wird und meist sind die Köche großzügig - Hauptsache der Kunde wird satt. Bleibt dann Essen im Restaurant über, muss es in der Tonne landen, es sei denn der Kunde lässt sich die Reste einpacken. Der sogenannte „doggy bag“ ist in Amerika schon ganz normal, in Europa schämen sich jedoch noch viel zu viele, sich ihre Reste einpacken zu lassen und so eine „Hundetüte“ mit nach Hause zu nehmen.

Falsche Scham, findet die Designstudentin Anne Poggenpohl der Fachhochschule Köln. Gerade die Franzosen verspüren eine starke Abneigung gegen die „Take-away-Reste“, das bemerkte sie bei ihrem Auslandaufenthalt und überlegte sich etwas zu ändern. „Die Essensreste sollen dabei als etwas Positives und Wertvolles wahrgenommen werden“, sagt die 25 Jährige. „Darum habe ich die Verpackung ‚C’était Bien Bon‘ (deutsch: Es hat sehr gut geschmeckt) entwickelt, die die Anmutung eines Geschenkes hat und durch die man den Restaurantbesuch Zuhause noch einmal genießen kann.“

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Der Bien Bon funktioniert einfach und ist intuitiv. Mit wenigen Handgriffen lässt sich die Box befüllen, schließen und das Essen kann leicht zu Hause umgefüllt werden. Dabei hat sie ein schlichtes, aber stilsicheres Design. Es wäre schön, wenn die kleine Packung sich durchsetzen würde, im ersten Praxistest funktionierte sie bereits sehr gut: Die Kellner freuen sich, wenn sie nicht so viel wegwerfen müssen und wir haben zu Hause noch einmal eine leckere Mahlzeit.

MAH
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