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Die Rückkehr der Störe

Sie können größer werden als ein Weißer Hai, wandern zwischen Meer und Südwasser hin und her und gehören zu den ältesten Tierarten auf unserem Planeten: Störe sind Fische der Superlative. Auch in Europas Flüssen und Meeren tummelten sich einst die urtümlichen Riesen, sind aber bei uns fast ausgestorben. Seit fast 25 Jahren versuchen Biologen deshalb, die europäischen Störbestände durch ein Aufzucht- und Wiederansiedlungsprogramm wieder aufzustocken.

Frontalansicht eines Europäischen Störs (Acipenser sturio)
Der Europäische Stör (Acipenser sturio) ist unser größter einheimischer Süßwasserfisch.

Der Stör gehört nicht unbedingt zu den Fischen, die jeder kennt - weit bekannter ist ihr Rogen, der als Kaviar eine teure und begehrte Delikatesse ist. Die Nachfrage nach dem "schwarzen Gold" war zeitweise so hoch, dass der Stör massenhaft gefangen und getötet wurde. Durch die Jagd, aber auch die Verbauung der Flüsse, ist die Zahl der noch lebenden Störe so stark geschrumpft, dass diese urtümlichen Fische inzwischen akut vom Aussterben bedroht sind.

Uralt und wanderlustig

Aus Fossilfunden weiß man, dass es diese Knochenfische schon seit mindestens 200 Millionen Jahren gibt. Sie bewohnten einst nahezu alle größeren Seen, Flüsse und Meere der Nordhalbkugel. Ihre weit in die Evolution zurückreichenden Wurzeln sieht an den Stören auch deutlich an: Ihr Kopf und die Körperseiten sind von Knochenplatten bedeckt, über den Rücken zieht sich eine Reihe aufrecht stehender Dornenplatten. Anstelle einer Wirbelsäule besitzen diese Fische einen biegsamen Knorpel.

Störe können über einhundert Jahre alt werden. Obwohl einige der Arten ausschließlich im Süßwasser vorkommen, führen die meisten Arten ein Leben zwischen dem offenen Meer und den Flussläufen, in denen die Fische geschlüpft sind. Die meiste Zeit des Jahres verbringen die Fische im Meer, im Frühjahr kehren sie in die Süßwasserläufe zurück, um hier in mehreren Metern Tiefe auf steinigem Untergrund ihre Eier abzulegen. Der Europäische Stör (Acipenser sturio) kann mehr als drei Meter lang und bis zu 100 Jahre alt werden - wenn man ihn lässt.

Die Rettung der Europäischen Störe im Blick

Doch dieser einst überall in Europa vorkommende Fisch ist mittlerweile fast komplett aus unseren Flüssen und Küstenmeeren verschwunden. Nur in der französischen Region Gironde gibt es noch eine kleine Restpopulation. Um das zu ändern, haben deutsche und französische Wissenschaftler vor gut 25 Jahren ein Rettungsprogramm gestartet. Dafür werden Jungstöre in Aufzuchtstationen herangezogen und dann in der Elbe und der Dordogne ausgesetzt. Dort wachsen die Jungfische dann heran und wandern dann die Flüsse hinunter zum Meer.

In diesem Jahr wurden nun zum ersten Mal geschlechtsreifer Störe aus diesem Wiederansiedlungsprogramm gesichtet, die aus dem Meer wieder in ihre Heimatflüsse zurückgekehrt sind. Jörn Geßner vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin erzählt uns, worum es bei diesem Programm geht und warum ihn die Ankunft der ersten neuen Störe optimistisch stimmt. Er macht aber auch klar, warum die Störwiederansiedlung in Nord- und Ostsee trotz der bisherigen Erfolge schwierig bleiben wird: Ausbaupläne für die Oder und neuerdings auch für die Elbe gefährden den Lebensraum dieser und zahlreicher weiterer Arten in unseren Gewässern.

Dr. Jörn Geßner mit einem jungen Ostseestör.
Dr. Jörn Geßner koordiniert am IGB die Wiederansiedlung der Störe in Deutschland. Hier mit einem Ostseestör.

In diesem Jahr wurden die ersten in die Elbe zurückkehrenden Störe gesichtet, die Sie und Ihr Team einst aufgezogen und ausgesetzt hatten. Was macht Sie so sicher, dass diese Tiere aus dem IGB-Wiederaufzuchtprogramm stammen?

Jörn Geßner: In der Elbe war zuvor der letzte geschlechtsreife Stör im Jahr 1985 gefangen worden, in der Nordsee vor knapp 30 Jahren. Das waren über zwei Meter lange Tiere. Eine Art Restbestand, denn die letzte nachgewiesene Vermehrung in Deutschland datiert auf das Jahr 1964. Als jetzt diese jungen, bereits geschlechtsreifen Tiere auftauchten, war klar, dass sie aus unserem Programm stammen mussten.

Wenn man diese Art von Arbeit macht, ist klar, dass es einen langen Atem braucht. Bei Männchen dauert es mindestens zwölf Jahre, bei Weibchen noch ein paar Jahre mehr, bis unsere heimischen Störe geschlechtsreif sind und in ihre Heimatflüsse zurückkehren. Aber dass in diesem Jahr fünf Tiere in der Elbe und mehr als zehn in der Gironde  gefunden wurden, macht klar: Da draußen dürften noch eine Menge mehr Störe herumschwimmen.

Von unseren französischen Partnern, die den Bestand in der Gironde überwachen, wissen wir, dass die Sterblichkeit in den ersten zwei Lebensjahren bei knapp 90 Prozent liegt. Dann haben die Tiere das Gröbste überstanden, die Sterblichkeit sinkt stark, wir gehen von zwei bis fünf Prozent pro Jahr aus. Rechnerisch bliebe also ein Bestand von etwa 500 bis 1000 älteren Fischen aus unserem Programm, der bis heute überlebt hat. Von denen sind allerdings viele noch nicht geschlechtsreif.

Sind die Elbe und ihre Nebenflüsse heute wieder lebenswert für den Stör?

Auf Basis der Ergebnisse der Untersuchungen, die im Rahmen der Besatzmaßnahmen durchgeführt wurden, können wir diese Frage bejahen, auch wenn sich die Tiere noch nicht selbst vermehren. Die drei wichtigsten Problemfelder für die zukünftige Entwicklung lauten Fischerei, schlechte Durchwanderbarkeit und Flussausbau. So verlieren wir kontinuierlich Tiere im Beifang, auch wenn sich die Fischer insbesondere in der Nordsee Mühe geben, dies zu verhindern, und versehentlich gefangene, lebende Störe wieder freisetzen. Bei der Durchwanderbarkeit sind vor allem Wehre und Stauhaltungen gemeint, die nicht oder nur eingeschränkt passierbar sind.

Störe laichen in den Unter- und Mittelläufen der Flüsse auf sauberen Kiesbänken und müssen zu diesem Zweck jedes Jahr aus dem Meer, wo sie den Großteil ihres Lebens verbringen, in die Flüsse aufsteigen. Nebenflüsse der Elbe wie die Saale und die Havel sind für Störe nicht erreichbar. In der Havel beispielsweise gibt es bereits im Mündungsgebiet Wehre, die nicht überwindbar sind. Anders ist die Lage in der Unterelbe. In Geesthacht etwa wurde 2010 eine störgängige Aufstiegsanlage am Wehr fertiggestellt, die den Fischen den Aufstieg in die Mittelelbe ermöglicht. Auch die untere Mulde ist nach dem Bau einer Aufstiegsanlage in Dessau passierbar. Doch der Ausbau von Flüssen, um Fahrrinnen zu vertiefen, beispielsweise in der Unterelbe, hat eine Vielzahl negativer Folgen auf die Lebensräume und damit auf den Stör.

Jungfische des Europäischen Stör beim Aussetzen in der Elbe
Jungfische des Europäischen Stör beim Aussetzen in der Elbe.

Das Wiederaufzuchtprogramm des IGB blickt auf sein 25-jähriges Bestehen zurück. Erinnern Sie sich an die Anfänge?

Angefangen hat alles im Jahr 1995 mit ersten Voruntersuchungen für das Bundesamt für Naturschutz. Dabei ging es darum, wie man einen geeigneten Elterntierbestand aufbauen könnte und wo sich die Maßnahmen sinnvoll umsetzen ließen. Die genetische Untersuchung von Tieren aus der Gironde in Frankreich, wo es den einzigen natürlichen Störbestand Europas gab, zeigte jedoch, dass diese Tiere nicht in die Ostsee passen. Auch im Fluss Rioni in Georgien wurden wir nicht fündig, aber in Kanada: Dort gab es eine Population, deren Erbgut dem des Baltischen Störs, um den es uns ging, stark ähnelte.

Von 2002 bis 2005 fischten wir in Kanada insgesamt 40 erwachsene Tiere, die wir nach Deutschland brachten. Das war sehr mühsam, unter anderem aufgrund der vereinbarten zweimaligen Quarantäne, die sicherstellen sollte, dass keine unerwünschten Begleiter mit eingeführt werden. Parallel produzierten wir Jungtiere direkt in Kanada in Zusammenarbeit mit der lokalen Fischerei. 2007 fand der erste experimentelle Besatz in der Oder statt, mit 50 Jungtieren. Im aktuellen Jahr haben wir 450.000 Störe besetzt, insgesamt kommen wir auf gut drei Millionen freigesetzte Jungfische in der Oder und ihren Nebenflüssen. Dass wir damals die Störe in Kanada gefunden haben, war übrigens ein Riesenglücksgriff…

Wieso?

Weil die genetischen Untersuchungen ausgerechnet den einen Bestand als optimal charakterisierten, der noch kommerziell gefischt wurde, so dass es möglich war, Tiere aus dem Bestand zu entnehmen. Inzwischen ist „unser“ Ostseestör, nach langen Diskussionen unter Taxonomen als die in der Ostsee einheimische Art anerkannt worden. Bis zu diesem Zeitpunkt galt der Europäische Stör, mit dem wir in der Elbe arbeiten, hier als die einzige, vorkommende Art. Dieser Prozess hat bis letztes Jahr gedauert, hatte aber den erfreulichen Nebeneffekt, dass sich eine Expertengruppe gebildet hat, die sich um die Harmonisierung der Interessen der Teilnehmerländer bemüht.

Bei den Ostseestören gab es 2016 den bislang einzigen Nachweis für einen Rückkehrer: Ein Angler hatte ihn gefangen. Dabei handelte es sich um einen der älteren von uns ausgesetzten Fische, der mit 1,30 Metern Länge besetzt worden ist und in den 7 Jahren in Freiheit auf über 2 Meter Länge angewachsen ist. Die kleineren Fische aus dem Besatz werden erst in den kommenden Jahren zurückkehren. Weil es ziemlich aussichtslos ist, einzelne Fische fischereilich nachzuweisen, werden wir im kommenden Jahr in der Oder DNA-Proben vom Wasser nehmen und hoffen, darin Nachweise für die Störe zu finden.

Was macht den Ostseestören zu schaffen?

Der Ostseestör ist, wie auch andere Wanderfischarten, durch die extrem intensive Fischerei im Haff betroffen. Die dort aufgestellten Stellnetze haben eine Länge von insgesamt ca. 300 Kilometern! Das Problem ist hier einfach die Begegnungswahrscheinlichkeit, da die Tiere im Haff fressen, bevor sie in die Ostsee abwandern. Auch wenn Störe sehr robust sind, bei den langen Zeiträumen, die sie in den Netzen zum Teil verbringen müssen, ist ihre Überlebensfähigkeit doch gering.

Dabei gibt es Lösungen für das Problem, beispielsweise andere Netztypen: In Großreusen oder Fischfallen können sich Störe nicht verfangen. Würden sie anstatt der üblichen Stellnetze eingesetzt, könnte das helfen, die hohe Sterblichkeit zu senken. Auch könnten kürzere Stellzeiten von maximal 12 Stunden helfen, das Überleben der Tiere zu sichern. Weiterhin kann man die Stellnetze anpassen und am Boden Fenster einbauen, durch die Störe hindurchschwimmen können.

Bislang verweigern sich die Fischer in der Haff-Region mit dem Argument, dann könnten Barsche und Zander ebenfalls durchschwimmen. Wir haben das allerdings selbst erprobt und konnten keine signifikanten Auswirkungen auf die Fangmengen dieser beiden Fischarten feststellen. Das ist ein ungelöstes Problem, das weitere Kommunikation insbesondere mit den betroffenen Fischern erfordert. Eine Lösung, die auch die Helsinki-Konvention vorsieht, wäre in bestimmten Zeiten das Fischen ganz zu untersagen. Das halte ich aber für die schlechtere Variante, denn die Fischerei steht ohnehin ziemlich unter Druck, und es wäre hier sinnvoller, gemeinsam mit den Fischern Lösungen zu finden.

Wenn Sie an die Zukunft des Vorhabens denken, was könnte besser laufen?

Besonders schwierig gestaltet sich die langfristige Finanzierung. Das ist ein Riesenunterschied zu Frankreich, wo der Schutz des Bestandes in der Gironde im Rahmen eines Nationalen Aktionsplans mit einer Finanzierung der beschlossenen Maßnahmen verbunden wurde. Darüber hinaus gibt es auch einen Koordinationsmechanismus, über den mit dem Störschutz verbundene Themen wie Kiesabbau in Gewässern oder Habitatschutz geregelt werden. Eine vergleichbare Institutionalisierung und Einbettung würde ich mir auch für unser Wiederansiedlungsprogramm wünschen, wo die Arbeiten der letzten  25 Jahre über 40 Projekte finanziert wurden und letztlich alles von Einzelpersonen abhing.

Wie sehen Sie die Zukunft des Störs in Nord- und Ostsee aus persönlicher Perspektive?

Ich bin geborener Optimist, sonst hätte ich mich auch nicht auf diese Art Forschung eingelassen. Der Europäische Stör könnte eine Erfolgsstory werden: England und die Niederlande sowie Italien wollen sich am Programm beteiligen, dadurch werden wir noch mehr gemeinsame Arbeiten umsetzen können. Auch beim Ostseestör geht es voran. Schweden und Finnland bereiten eigene Programme vor, Russland hat ein nationales Programm aufgelegt. Das macht die Kommunikation für Schutzmaßnahmen einfacher.

Ein möglichst bald zu lösendes Problem ist dabei die Frage, wie groß die Ausfälle durch die Fischerei tatsächlich sind. Seit zwei, drei Jahren zeichnet sich ab, dass dies eine bedeutende Schwachstelle des Programms sein könnte. Insgesamt haben wir durch die inzwischen breiten Forschungskooperationen zwischen vielen Ländern eine viel bessere Ausgangsbasis, die Probleme der Störwiederansiedlung bei Vermehrung, Aufzucht und Besatz haben wir weitgehend im Griff. Langfristig problematisch ist die politische Flankierung unserer Maßnahmen, also Themen wie ein Stopp des Oderausbaus und Anpassungen in der Fischerei.

NPO / Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), 08.11.2021
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