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Corona-Pandemie: Run auf die Hundewelpen

Durch die seit Monaten andauernde Corona-Pandemie und die Lockdown-Maßnahmen sind viele Menschen einsam und haben mehr Zeit. Das hat viele dazu gebracht, sich einen Hund anzuschaffen – als Spielgefährten für die Kinder, als Ersatz für Sozialkontakte oder einfach als Ablenkung und Freizeitpartner. Doch welche Folgen hat der Run auf die Welpen?

Hundewelpe, Golden Retriever
Ein Tier als Ablenkung von den Zumutungen der Corona-Pandemie. Vor allem Hundewelpen sind sehr beliebt.

Nach Katzen gelten Hunde bei uns als die beliebtesten Haustiere: Schätzungen zufolge lebt in jedem vierten deutschen Haushalt eine Katze, in jedem fünften ein Hund. Das sind allein in Deutschland rund neun Millionen Hunde, weltweit wird von etwa 500 Millionen Haushunden ausgegangen. Die Tiere werden ist schon vor der Geburt vermittelt und kommen als Welpen zu ihren Besitzern. Manche Menschen holen ihre tierischen Familienmitglieder aber auch aus dem Tierheim oder aus dem Ausland, wo sie oft als Straßenhunde unter schlechten Bedingungen leben.

Auf den Hund gekommen

In der Corona-Pandemie fühlen sich viele Menschen durch die Kontaktbeschränkungen und der Arbeit im Homeoffice einsam und suchen nach einer Ablenkung von der Krise. Andere verbringen so viel Zeit zu Hause, dass sie eine neue Beschäftigung brauchen. Immer mehr Menschen kommen dadurch auf die Idee, sich ein Haustier anzuschaffen.

Vor allem Hundewelpen sind sehr beliebt: Nach Angaben des Verbands für das deutsche Hundewesen (VDH) sind im Jahr 2020 rund 20 Prozent mehr Hunde gekauft worden als in den Jahren davor. Auswertungen der Tierschutzombudstelle Wien zeigen zudem, dass sich die Google-Suchanfragen zum Thema „Welpen kaufen“ seit dem ersten Lockdown im März 2020 allein in Österreich mehr als verdoppelt haben. Von Ende 2020 bis Anfang 2021 wurden beispielsweise in Wien ein Viertel mehr Hunde für die Hundesteuer angemeldet als im gleichen Zeitraum des Vorjahrs.

Durch die enorme Nachfrage haben sich auch die Preise für Rassehund-Welpen stark erhöht: Während ein Labrador-Welpe normalerweise 1.500 bis 2.000 Euro kostet, werden sie mittlerweile für das doppelte oder sogar schon für einen Preis von bis zu 7.000 Euro angeboten.

Tierheime fürchten Zeit nach Corona

Auch Hunde aus Tierheime sind zurzeit sehr gefragt: Häufig verzehnfachen sich die Anfragen nach den Vierbeinern und in manchen Einrichtungen sind mittlerweile sogar alle Hunde abgeholt worden, was üblicherweise nicht vorkommt. Dabei fragen manche Interessenten bereits bei der Abholung des Hundes explizit nach, ob sie den Vierbeiner nur für die nächste Zeit im Homeoffice haben können, weil sie kein langfristiges Interesse daran haben.

Andere treffen schnell und unüberlegt die Entscheidung, sich einen Hund aus dem Tierheim anzuschaffen und merken nach kurzer Zeit zum Beispiel, dass der Zeitaufwand für den Hund doch größer ist als angenommen. Denn selbst weitgehend gutmütige Familienhunde wie ein Labrador brauchen eine artgerechte Erziehung. Hinzu kommt, dass die Hundeschulen aufgrund der Pandemie immer wieder geschlossen bleiben. Speziell bei Welpen und Junghunden bedeutet dies, dass sie wichtige Grundlagen nicht lernen, die später gerade von unerfahrenen Haltern nicht mehr nachgeholt werden können.

Die Folge: Viele Halter kommen schon nach kurzer Zeit mit den Vierbeinern nicht mehr zurecht. Denn wenn die Welpen älter werden und in die Pubertät kommen, testen sie ihre Grenzen aus. Haben sie dann keine Regeln gelernt und akzeptieren ihre Halter nicht als Autorität, kommt es zu Problemen. Als Folge landen diese Tiere dann als unberechenbar, aggressiv oder unerziehbar im Tierheim.

Deshalb fürchten viele Tierheime, dass insbesondere nach der Pandemie ein Großteil der abgeholten Tiere wieder abgegeben werden. für die Hunde bedeutet dies durch die Trennung und den Wechsel ihrer Umgebung und Bezugspersonen erhebliches Leid und für die Tierheime eine Überlastung.

Symbolbild illegaler Tierhandel
Illegal erworbene Welpen sind häufig zu jung, vom Transport geschwächt und nicht geimpft. Krankheiten und Verhaltensstörungen sind die Folge.

Illegaler Hundehandel

Durch die hohe Nachfrage werden et immer mehr Tiere auch über das Internet vermittelt. Denn wenn die Anfragen bei etablierten Züchtern oder die Suche in Tierheimen erfolglos waren, hoffen Interessierte, über e-Bay-Kleinanzeigen oder andere Quellen an ihren Wunschhund zu kommen. „Viele Menschen wollen unbedingt sofort ein Tier haben und scheuen sich nicht davor, ihr neues Familienmitglied im Internet zu bestellen, wo unseriöse HändlerInnen Welpen aus dem Ausland anbieten“, berichtet Eva Persy von der Tierschutzombudsstelle in Wien.

Doch das Geschäft mit Welpen im Internet hat Folgen: Immer häufiger werden dort illegal Hunde aus Osteuropa wie etwa aus Rumänien, der Slowakei oder Serbien gehandelt. Nach Angaben des Deutschen Tierschutzbunds wurden alleine zwischen Januar und Oktober 2020 800 Tiere illegal vermittelt - 600 davon waren Hunde. Damit gab es in diesem Zeitraum bereits mehr Fälle von illegalem Heimtierhandel als im gesamten Vorjahr. Mittlerweile gilt der illegale Tierhandel in der Europäischen Union nach dem organisierten Drogen- und Waffenhandel sogar als drittgrößte Einkommensquelle.

Hinter den seriös scheinenden Angeboten stecken dann oft kranke oder verhaltensgestörte Tiere, die im Ausland unter katastrophalen Zustände gezüchtet wurden. Oft werden diese Welpen zu früh von ihrer Mutter getrennt. Die Muttertiere werden zudem häufiger zur Zucht eingesetzt als nach dem Tierschutzgesetz erlaubt: Statt der hierzulande für Züchter vorgeschriebenen maximal zwei Würfe in zwei Jahren werden sie ohne Rücksicht auf ihre Gesundheit als Gebärmaschinen missbraucht. Dafür werden die Hündinnen in manchen Fällen mit Medikamenten entgegen ihres Zyklus läufig gemacht.

Welpenimport inklusive Hundeseuche

Ein weiteres Problem: Die Hunde, die aus Osteuropa stammen, sind meist nicht nur schwerkrank, sondern haben auch keinen Impfschutz gegen schwere Infektionskrankheiten. So hat das gewachsene Interesse an den Vierbeinern aus dem Internet seit Beginn der Corona-Krise zu einem enormen Anstieg an infizierten Hundewelpen geführt: Zum Beispiel werden an der Veterinärmedizinischen Universität Wien aktuell 40 Prozent mehr Tiere mit der Hundeseuche Parvovirose behandelt als vor der Pandemie.

Bei der sogenannten Parvovirose handelt es sich um eine von Viren verursachte Infektionskrankheit mit starkem Durchfall und Erbrechen, die für junge Hunde schnell lebensbedrohlich wird. Über den Kot wird das Virus an andere Tiere – sowohl Hunde als auch Katzen – übertragen. „Es reicht aus, wenn Hund oder Mensch zum Beispiel in der Hundezone mit den infektiösen Ausscheidungen in Kontakt kommen. Über die Schuhe beziehungsweise über Pfoten, Fell oder Schnauzen der Hunde werden die Viren überall verteilt“, erläutert Iwan Burgener von der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Je nach Umweltbedingungen können diese Erreger bis zu einem Jahr überleben. „Mit einem Gramm infektiösem Kot könnte man so Hunderte Hunde infizieren.“

ABO, 21.04.2021
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