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Christa Wolf: eine große deutsche Schriftstellerin

Die moralische Instanz des geteilten Deutschlands

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In den Essays des Bandes "Lesen und Schreiben" (1972) reflektiert Wolf ihre ästhetischen Positionen ("subjektive Authentizität"), die sie in dem autobiografisch beeinflussten Roman "Kindheitsmuster" (1976) mit künstlerischer Meisterschaft ausführt; sie verbindet hier die historischen Erklärungsmuster des nationalsozialistischen Regimes und die persönliche Verantwortung, die Zuverlässigkeit von Erinnerung und die Darstellbarkeit einer gleichermaßen individuellen wie exemplarischen Lebensgeschichte. Zur Tragödie "unlebbaren Lebens" verallgemeinert Wolf eine (fiktive) Begegnung H. von Kleists mit Karoline von Günderode in der essayistischen Erzählung "Kein Ort. Nirgends" (1979). Immer wieder kreist Wolfs Prosa um Frauengestalten, die die Normen der männlich dominierten Gesellschaft durchbrechen, am eindringlichsten in "Kassandra" (1983), wo sie aus der mythischen Unglücksprophetin die Protagonistin einer subversiven, weiblich geprägten Gegenkultur macht.

Obwohl sich Wolf seit den 1970er-Jahren aus dem offiziellen Kulturleben weitgehend zurückgezogen hatte und ihre Texte nun eine nicht mehr verheimlichte Absage an den realen Sozialismus implizierten (in "Störfall", 1987, auch an einem Gegenwartsstoff), wurden ihre Werke in der DDR gedruckt, da sie eine der wenigen Repräsentanten von internationalem Ruf war. Mit dem politisch-gesellschaftlichen Umbruch 1989/90 verlor Wolf ihre herausragende Stellung als Symbolfigur intellektueller Selbstständigkeit, ihre Erzählung "Was bleibt" (entstanden 1979, veröffentlicht 1990), das Psychogramm einer bespitzelten Frau, löste sogar einen "Literaturstreit" aus, der als Grundsatzdebatte um die Anpassung der Schriftsteller an den Staat DDR geführt wurde. Mit "Medea. Stimmen" (1996) nahm Wolf die Neuinterpretation mythischer Frauenschicksale wieder auf, wandte sich aber in der großen Erzählung "Leibhaftig" (2002) erneut der schmerzlichen Auseinandersetzung mit der Rolle der Intellektuellen in der DDR zu. Ebenfalls ein autobiografisches Erinnerungsprojekt stellt der Roman "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud" (2010) dar.

Wolf erhielt u. a. 1980 den Georg-Büchner-Preis und 1984 den Großen Österreichischen Staatspreis für europäische Literatur; seit 1994 war sie Mitglied der Akademie der Künste zu Berlin. 2010 wurde sie für ihr Lebenswerk mit dem Thomas-Mann-Preis der Hansestadt Lübeck und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste ausgezeichnet.

Weitere Werke:

Erzählungen: Till Eulenspiegel. Erzählung für den Film (1973, mit G. Wolf);
Unter den Linden (1974);
Mit anderem Blick (2005).
Prosa: Lesen und Schreiben. Neue Sammlung (1980);
Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra (1983);
Die Dimension des Autors. Essays und Aufsätze, Reden und Gespräche 1959–1985, 2 Bände (1986);
Ansprachen (1988);
Sommerstück (1989);
Reden im Herbst (1990);
Auf dem Weg nach Tabou (1994);
Hierzulande Andernorts. Erzählungen u. a. Texte 1994–1998 (1999).
Tagebuch: Ein Tag im Jahr. 1960–2000 (2003).
Ausgaben: Monsieur – wir finden uns wieder. Briefe 1968–1984 [Christa Wolf und Franz Fühmann], hg. v. A. Drescher (Neuausgabe 1998);
Werke in 12 Bde.n, hg. v. derselben (1999–2001);
Gesammelte Erzählungen (Neuausgabe 2000);
Das dicht besetzte Leben. Briefe, Gespräche u. Essays [Christa Wolf und Anna Seghers], hg. v. derselben (2003);
Sei gegrüßt u. lebe – eine Freundschaft in Briefen 1964–1973. Wolf und Brigitte Reimann, hg. v. derselben (2004). 

aus der wissen.de-Redaktion; Quelle: Brockhaus
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