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20 Jahre nach 9/11 - Der Anschlag, die brennenden Türme und der Krieg in Afghanistan

Brennende Türme, schwarzer Rauch und schließlich nur noch eine klaffende Lücke in der Skyline Manhattans: Der Einsturz der World Trade Center-Türme am 11. September 2001 erschütterte die Welt. Auch 20 Jahre danach sind die Bilder des Anschlags nicht vergessen, die Narben nicht verheilt – und der Abzug der USA und ihrer Verbündeten aus Afghanistan reißt viele Wunden wieder auf.

Die brennenden Zwillingstürme des New Yorker World Trade Centers
Die brennenden Zwillingstürme des New Yorker World Trade Centers am 11.9.01.

Der 11. September 2001 markiert nicht nur für viele US-Amerikaner eine Zäsur, weltweit sorgten die Terroranschläge dieses Tages für Entsetzen. Vier Flugzeuge steuern an jenem Tag auf wichtige zivile und militärische Gebäude in den Vereinigten Staaten zu. Eines trifft das Pentagon in Washington, eines wird von Passagieren zum Absturz gezwungen und zwei von ihnen rasen am Vormittag kurz nacheinander in die Zwillingstürme des World Trade Centers, einem der höchsten Bürokomplexe in New York.

Die Aufnahmen der brennenden und kurz darauf einstürzenden Gebäude gehen um die Welt: Bilder von vermeintlich stabilen Konstruktionen, die schnell wie Kartenhäuser in sich zusammenfallen, Bilder von fallenden Menschen – Bilder nach denen nichts mehr so ist, wie es einmal war. Die von islamistisch-motivierten Terroristen aus Al-Qaida-Kreisen organisierte Aktion nahm fast 3.000 Menschen auf grausame Art das Leben.

Neue Türme und ein Mahnmal

Heute, 20 Jahre später, ragen dort, wo einst die Zwillingstürme des World Trade Center standen, neue Wolkenkratzer in die Höhe. Nach dem Motto "Jetzt erst recht" sind die Bauten des neuen World Trade Center zum Großteil höher als die alten. Das Aushängeschild des neuen Komplexes – und die Verkörperung der "Jetzt erst recht"-Haltung - ist das One World Trade Center: Das Ende 2014 fertiggestellte Hochhaus ist mit einer Höhe von 541,3 Metern das höchste Gebäude der USA. Gleichzeitig verweist die Höhe in Fuß ausgedrückt auf das Jahr 1176 und damit das Jahr, in dem die amerikanische Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet wurde. Auch das ein klar patriotisches Statement.

Doch auch Trauer und Gedenken haben am ehemaligen "Ground Zero" ihren Platz. Nach jahrelanger Bauzeit wurde im Mai 2014 ein Mahnmal eröffnet, das die Lücke, die der Tod tausender Menschen gerissen hat, auch baulich dokumentiert. Zentrales Element ist das Mahnmal  „Reflecting Absence". Es besteht aus zwei rechteckigen Wasserbassins, die die Stellen markieren, an denen einst die beiden Türme standen. Die Ränder der beiden Becken sind von einem Vorhang aus fallendem Wasser eingefasst, in die steinernen Umrandungen sind die Namen der 2.983 Opfer eingraviert.

Jedes Jahr am 11.September erinnert außerdem eine Lichtinstallation an den Einsturz der beiden Türme – Tribute in Light. Dafür sind 88 leuchtstarke Xenonlampen in zwei jeweils 14 Meter großen Quadraten angeordnet, deren Ausrichtung und Form den Grundrissen der beiden Türme nachempfunden sind. Die bläulichen Lichtsäulen reichen mehr als sechs Kilometer hoch in den Himmel und sind noch in eine Umkreis von fast 100 Kilometer rund um Manhattan sichtbar.

WTC-Neubau und 9-11-Mahnmal
Die "Fußabdrücke" der Twin Towers als Mahnmal vor dem WTC-Neubau.

Neues Sicherheitsstreben

Aber nicht nur in New York City hat der Anschlag vom 11. September 2001 seine Spuren hinterlassen. Überall in der westlichen Welt löste der Terroranschlag große Verunsicherung und ein Gefühl der Verwundbarkeit aus. "Fast 3.000 Tote an Orten, an denen wir unseren normalen Alltag lebten – das gab mir zum ersten Mal das Gefühl, dass unser Heimatland wirklich verwundbar ist", sagte der ehemalige US-Präsident Barack Obama. Und dies hatte Folgen – für die politische und sicherheitspolitische Landschaft der USA und auch für Europa.

In den USA entstand in der Folge von 9/11 eine neue Sicherheitsbehörde, die "Homeland Security", die mit weitreichenden Eingriffsrechten und vergleichsweise üppigen Ressourcen ausgestattet wurde. Immerhin galt es, Fehler der Vergangenheit in Zukunft zu vermeiden. So kam im Nachgang des 11. Septembers etwa heraus: Die CIA hatte gewusst, dass zwei mutmaßliche Terroristen bereits wenige Monate vor dem Anschlag in die USA eingereist waren. Sie hatte jedoch versäumt, dem FBI Bescheid zu sagen – und wenig später entführten ebendiese Terroristen die 9/11-Flugzeuge.

Auch weltweit hat sich seit dem 11. September 2001 einiges in puncto Sicherheit und Terrorismusbekämpfung getan. An Flughäfen und in anderen öffentlichen Räumen soll Milliarden Dollar teure Technik für mehr Sicherheit sorgen – von Kameras bis hin zu Strahlungsdetektoren. Im wahrsten Sinne des Wortes durchleuchtet zu werden, gehört in vielen Situationen inzwischen zum Alltag dazu. All diese Maßnahmen sollten dazu dienen, Terroranschläge zu verhindern oder zumindest zu erschweren. Nach der Attacke vom 11. September verkündete US-Präsident Bush das Credo: "Never again – nie wieder."

Allerdings: Genutzt hat es wenig. Zwar hat es keine Anschläge per Flugzeug mehr gegeben. Dafür setzen islamistische Terrorristen auf Selbstmordattentäter, Anschläge mit Lastwagen und Autos wie in Berlin und Nizza oder durch mit automatischen Waffen feuernde Terrortrupps wie in Paris. Zwar hat das Bewusstsein für die Bedrohung durch islamistische Extremisten zugenommen, die reale Gefahr ist aber trotz all der Maßnahmen kaum geringer geworden.

Der Krieg in Afghanistan

Und noch eine Folge hatten die Anschläge vom 11. September 2001: Sie haben die USA und ihre Verbündeten in einen Krieg gestürzt: Unter US-Präsident George W. Bush begannen die Vereinigten Staaten in Afghanistan einen Militäreinsatz gegen die Taliban. Diese islamistische Gruppierung hatte 1996 die Macht in Afghanistan ergriffen und nicht nur Massaker an vielen Zivilisten begangen, sie galten auch als aktive Unterstützer und Operationsbasis von Al-Quaida, dem Terror-Netzwerk, das die Anschläge auf die USA geplant und durchgeführt hatte.

Der Einsatz der US-Truppen und ihrer Verbündeten - auch aus Deutschland – führte dazu, dass die Talibanherrschaft Ende 2001 beendet wurde. Anschließend begannen US-Spezialeinheiten, systematisch nach Al-Quaida-Mitgliedern und unter Terrorverdacht stehenden Taliban zu suchen und sie teils zu töten, teils nach Guantanamo auf Kuba auszufliegen. Im Jahr 2011 wurde dann der mutmaßliche Anführer von Al-Quaida, Osama Bin Laden, im Norden Pakistans aufgespürt und von US Navy Seals getötet.

Doch damit war der militärische Einsatz in Afghanistan noch lange nicht beendet: Nach dem anfänglichen Sieg über die Taliban zeigte sich schnell, dass der westliche Einfluss und das "Nation Building" in Afghanistan nur bedingt Wirkung zeigte. Schon ab 2003 begannen die Taliban wieder, einzelne Gebiete des Landes unter ihre Herrschaft zu bringen.

Trotz finanzieller, militärischer und praktischer Hilfen blieb die afghanische Regierung schwach und die Fortschritte mäßig. Weite Teile des Landes blieben von der Entwicklung abgekoppelt. Die in Afghanistan stationierten westlichen Truppen und Entwicklungshelfer waren einer zunehmenden Gefahr durch Anschläge und Angriffe von Taliban und ihren Unterstützern ausgesetzt. Gleichzeitig gewannen die Taliban immer mehr an Boden.

Soldaten der U.S. Army im Gefecht mit Kämpfern der Taliban nahe der Ortschaft Allah Say in der Provinz Parwan, 2007
Zeitweise waren im Auftrag der USA und ihrer Verbündeten über 130.000 Soldaten in Afghanistan im Einsatz.

Das Abkommen von Doha, der übereilte Abzug und der Sieg der Taliban

Ende 2019 war die Situation so weit eskaliert, dass die USA und Vertreter der Taliban im Februar 2020 in Doha ein Abkommen unterzeichneten. In diesem Vertrag sichern die Taliban zu, dass von ihrem Boden keine Bedrohung mehr für die USA und ihre Verbündeten ausgehen werden. Auch Al-Quaida und andere Terrornetzwerke solle kein Unterschlupf gewährt werden. Im Gegenzug versprachen die USA, ihre Truppen und auch alles Personal der anderen westlichen Militärs aus dem Land abzuziehen.

Unter den neuen US-Präsident Joe Biden setzen die USA diesen Abzug um – in einem für ihre Verbündeten überraschenden Tempo. Für die Taliban war dies eine willkommene Chance, ihre Macht auszubauen: In erstaunlicher Geschwindigkeit nahmen sie eine Provinz auch der anderen ein und rückten im August schließlich auf Kabul vor. Die jahrelang von den westlichen Militärs geschulten und bewaffneten afghanischen Regierungstruppen gaben größtenteils kampflos auf oder liefen zu den Taliban über.

Für die USA und die westlichen Verbündeten bedeutet dies, dass sie kaum noch Zeit hatten, ihre Landsleute und die für sie arbeitenden Ortskräfte auszufliegen. Ein Großteil der früheren Übersetzer, Angestellten und sonstigen Helfer der deutschen Bundeswehr und anderer westlicher Streitkräfte und Organisationen wurde schlicht im Stich gelassen. Die 20 Jahre dauernde westliche Präsenz in Afghanistan endete im Chaos.  Die Bilder der vor dem Flughafen von Kabul auf eine Rettung in letzter Minute hoffenden Menschen gingen um die Welt. Vergeblich: Am 31. August 2021 flog die letzte Maschine des US-Militärs vom Flughafen Kabul ab, seither sind die Afghanen weitgehend auf sich gestellt.

Evakuierung am Hamid Karzai International Airport, Kabul, August 2021
Die Geschwindigkeit, mit der den Taliban der Durchmarsch nach Kabul gelang, sorgte bei der Evakuierung der verbliebenen westlichen Einheiten und ihrer einheimischen Helfer für teilweise chaotische Verhältnisse.

Der Kreis schließt sich

20 Jahre nach dem Anschlag auf das World Trade Center hat sich damit in gewisser Weise der Kreis geschlossen: Auch wenn in New York neue Wolkenkratzer in den Himmel ragen, ist die sicherheitspolitische Lage der Welt nicht besser als damals – eher im Gegenteil. Längst haben Nachfolger und Konkurrenten von Al-Quaida ihre Netzwerke ausgebaut und drohen mit islamistischem Terror. In Afghanistan stehen die Menschen erneut unter der Herrschaft der Taliban – und auf westliche Militärhilfe können sie diesmal nicht hoffen.

NPO, 001.09.2021
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