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Zwölf Jahre iPhone

Wie das Smartphone wirklich unser Leben gewandelt hat

Am 9. November 2007 begann eine neue Zeitrechnung: Die erste iPhone-Generation kam auf den Markt. Was in diesem Dutzend Jahren seitdem durch das Smartphone geschehen ist, ist weit mehr als „Smombies“ und Dauer-Erreichbarkeit.

Smartphone-Meer
Typische Szene, wenn sich ein Promi in die Öffentlichkeit begibt. Aber Smartphones haben unsere Gesellschaft noch anderweitig verändert.

Nein, das iPhone war nicht das erste Smartphone. Um diesen Titel streiten sich einige Hersteller und Geräte. Aber das iPhone war das Gerät, das dem Prinzip des schlauen Handys zum Durchbruch verhalf. Die Killerapplikation, wenn man so will.

Mittlerweile liegt in den Läden die neunte Generation aus; insgesamt gibt es 21 iPhone-Modelle – und die Zahlen von Smartphones anderer Hersteller gehen in die Tausende. Und diese, je nach Modell gar nicht so, kleinen Geräte haben einen enormen Impakt auf unsere Gesellschaft als solche gehabt: Gut 57 Millionen Smartphone-Nutzer gibt es allein in Deutschland, bei den 14- bis 49-Jährigen tendiert die Marktdurchdringung nahe der 100 Prozent. Für die meisten davon ist ein Tag ohne längst undenkbar geworden – und selbst „Digital Detox“ nahm erst durch Smartphones richtig Fahrt auf.

Doch was hat sich seit jener Stunde Null alles in unseren Verhaltensweisen geändert? Der folgende Artikel gibt die Antworten.

1. Es gibt keine Langeweile mehr

Es gibt vielleicht kein besseres Motiv, um die Wucht dieses ersten Punkts darzustellen, als das Wartezimmer eines Allgemeinarztes. Vor der Smartphone-Welle blätterten Glückliche in den ausliegenden Zeitungen, die meisten starrten in die Luft, einige wenige blickten auf ihre „Dumb Phones“.

Gleiches Bild heute: Die allermeisten haben das Smartphone in der Hand. Einfach deshalb, weil es durch seine Vielseitigkeit immer die zur jeweiligen Situation passende Ablenkung bietet. Der eine spielt, der andere liest Nachrichten, der dritte schaut YouTube-Videos. Nur eines braucht keiner mehr: Langeweile zu haben, weil er in einer bestimmten Situation keine Unterhaltung zur Verfügung hat.

Das passiert tatsächlich nur noch, wenn der Smartphone-Akku am Ende seiner Kapazität angelangt ist.

Wartezone mit Smartphone-Nutzer
Langeweile gibt es heute nur noch in zwei Abstufungen: 1) kein ausreichendes Netz, 2) Akku leer. Oberhalb davon ist sie jedoch fast ausgestorben.

2. Wir können uns schlechter konzentrieren

Der Begriff Handysucht mag einem im Netz häufig über den Weg laufen. Doch auch wenn es dazu bis auf eine südkoreanische Forschungsarbeit noch kaum wissenschaftliche Arbeiten und auch keine ICD-Klassifikation gibt, so ist ein Faktor, auf den sich die meisten Experten einigen können, folgender:

Die Unfähigkeit, das Smartphone mehr als einige Minuten unbeobachtet zu lassen.

Manche Leser dürften es kennen: Man zückt immer wieder das Gerät, checkt WhatsApp, schaut in diese oder jene Nachrichten- oder Social-Media-App und steckt es wieder weg.

Genau dieses Verhalten ist ein Faktor für sich: Denn die Dauerverfügbarkeit von Informationen und die Tatsache, dass heute praktisch alles auf mobile Gewohnheiten optimiert ist, führte dazu, dass wir uns immer schlechter konzentrieren können.

Konkret geht es um die Aufmerksamkeitsspanne. Täglich blicken wir dutzende Male rasch aufs Smartphone. Netz-Nachrichtenartikel sind vornehmlich deshalb wesentlich kürzer als die gedruckten Äquivalente.

Das alles führt dazu, dass wir auch jenseits des Handys immer mehr „snackbare“ Informationen erwarten und schnell das Interesse verlieren, wenn etwas für unseren Geschmack zu lange dauert – besonders gravierend scheint das bei Jugendlichen zu sein, weil diese gar keine Smartphone-lose Zeit mehr kennenlernten.

3. Unser Dating-Verhalten hat sich gewandelt

Willst du mit mir gehen? Ja / Nein / Vielleicht“. Zettel mit solchen Botschaften sind heute aus Klassenräumen verschwunden. Aber auch jenseits von Teenagerliebe ist es eine Tatsache, dass das Smartphone einen erheblichen Einfluss auf „Das Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit“ hatte.

Dafür sorgte die Tatsache, dass Apps ein Shortcut fürs Dating wurden. Nicht mal mehr auf eine Seite surfen, keine URL eingeben. App herunterladen, Account erstellen (vereinfacht noch dadurch, sein Facebook- oder ähnliche Profile zu nutzen) und es kann bereits losgehen.

Das hatte einen zweiseitigen Effekt:

  • Zum einen räumte es enorm viele Probleme aus dem Weg, die zuvor beim analogen Dating bestanden – etwa die Notwendigkeit, erst mal das Glück haben zu müssen, den- oder diejenige am passenden Ort zu treffen.
  • Zum anderen kann es bei manchen Charakteren dazu führen, beliebiger mit Beziehungen zu verkehren – im Zweifelsfall ist der oder die Nächstbessere nur einen Wisch oder Tipp entfernt.

Summa summarum sehen die meisten Experten das Smartphone jedoch als neue sexuelle Revolution an und somit eher positiv.

4. Wir kommunizieren multipler

Dem Smartphone im Speziellen und dem Handy im Allgemeinen wurde schon häufig vorgeworfen, das Kommunizieren mit Mitmenschen negativ zu beeinflussen.

Tatsächlich jedoch hat gerade die Möglichkeit, auf einem Gerät eine gigantische Anzahl von Kommunikationswegen zu implementieren – viele davon auch noch kostenlos – das genaue Gegenteil erzielt:

Wir kommunizieren nicht weniger, dafür aber wesentlich vielfältiger. Hier ein Anruf, da eine Sprachnachricht, gefolgt von einer Reihe von Emojis, die ohne Worte ganze Sätze ausdrücken können. Tatsächlich scheint diese Tatsache sogar dazu zu führen, dass wir insgesamt sprachlich kompetenter werden, weil je nach Medium (lies: App) und Kontaktpartner völlig andere Stile erforderlich sind.

3D-Emojis
Allein die Möglichkeit, nur unter Verwendung von Emojis zu kommunizieren, zeigt, dass das Smartphone tatsächlich kommunikativer macht.

5. Wir werden kreativer

Wenn das iPhone die Killerapplikation für das Smartphone war, dann war die App die Killerapplikation für das iPhone. Denn in diesen kleinen Programmen steckt letztendlich ein Großteil dessen, was das Smartphone so bedeutsam macht.

Dabei ist es aber auch faszinierend anzusehen, wie es das Smartphone immer wieder schafft, mehr zu sein und zu bleiben als bloßer Bereitsteller von Rechenkraft und Speicherkapazität für Apps.

Bestes Beispiel: Die Handykamera. Sie ist heutzutage nicht nur für sich selbst ein optronisches Kunstwerk in höchster Vollendung, sondern auch einer der wichtigsten Gründe für den Kern dieses Kapitels.

Denn das Smartphone hat die Welt ein gutes Stück kreativer gemacht. Fotografie, Videokunst, das sind die sichtbarsten, aber längst nicht einzigen Ausprägungen. Die eine App macht das Handy zum vollwertigen Synthesizer, die nächste wandelt Fotos in abstrakte Gemälde um. Es gibt Künstler, die ausschließlich mit dem Smartphone arbeiten und noch viel mehr Menschen, die erst durch dieses Gerät entdeckten, dass ihn ihnen eine kreative Ader schlummert, die dank App und Gerätefähigkeiten aufs Simpelste erweckt werden kann.

Hier wirft das Smartphone einmal mehr sein Gewicht der Sensoren und sonstigen Helfer in den Ring: Es kann dutzende Geräte auf ein taschengroßes Format zusammenbringen – und im Zweifelsfall liefert die YouTube-App How-Tos und Bedienungsanleitungen in Hülle und Fülle.

Fazit

Das Smartphone hat zwar nicht nur Vorteile. Aber auch hier gilt, wie bei allem im Leben, „Die Dosis macht das Gift“. Und wenn man es nicht übertreibt, ist es wirklich eine Zauberkiste, welche die ganze Welt und noch mehr in unsere Taschen bringt.

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