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Zum Kreml mit der Cessna. Friedensengel oder Spinner?

Ed Stuhler portraitiert Mathias Rust 25 Jahre nach Kreml-Flug

„Teufelsflieger“, „Friedensengel“, „toller Mathias“ jubelte die Presse, sobald der 19-jährige Mathias Rust aus Wedel mit einer Cessna 172 direkt neben dem Kreml gelandet war - mitten im Kalten Krieg! Sein Gepäck: das Manifest seiner Idealgesellschaft „Lagonia“. Sein Antrieb: Gorbatschow treffen. Seine Hoffnung: die Jugend aus Ost und West vereinen. Doch nach Rusts Verurteilung, Haft und Rückkehr stempelten die Medien den Kreml-Flieger als spätpubertierenden Naivling sowie geld- und geltungssüchtigen Verräter ab. Wie konnte es dazu kommen? Und was ist Mathias Rust wirklich - Spinner oder Held? Der Autor Ed Stuhler traf Rust 25 Jahre nach dem spektakulären Flug zum Kreml, um Antworten auf diese Fragen zu finden.

Das Sportflugzeug von Mathias Rust nach der Landung auf dem Roten Platz neben der Basilius-Kathedrale
„Der Kreml-Flieger Mathias Rust und die Folgen eines Abenteuers“ heißt das im Ch.Links-Verlag erschienene Buch, das den Flug, die Landung am Kreml, die politischen Folgen in der Sowjetunion sowie den Aufruhr in der westdeutschen Presse beschreibt. „Mir wird mangelnde kritische Distanz zu Mathias Rust vorgeworfen“, berichtet der in der DDR geborene und aufgewachsene Publizist Ed Stuhler im wissen.de-Gespräch, „und die fehlt mir auch wirklich angesichts einer zwar naiven, aber doch großen Tat eines friedlichen Helden.“ Stuhlers Position zu Rust ist eindeutig: Aus dem Kreml-Flieger sei ein gefestigter, sympathischer Mann geworden, der seinen Flug zwar nicht mehr wiederholen, ihn aber auch nicht bereuen würde. Und das, obwohl die Landung am Kreml ihm statt eines Treffens mit Gorbatschow eine Verurteilung wegen „illegaler Einreise, Verletzung der internationalen Luftverkehrsregeln und groben Rowdytums“ sowie 14 Monate russisches Gefängnis eingebracht hat.

Anders als die meisten Journalisten, die ein Vierteljahrhundert nach dem waghalsigen Flug zum Kreml über Rust schreiben,  konnte sich Stuhler selbst ein Bild von ihm machen. Trotz seiner „Traumatisierung durch die Medien“ habe man sich zu einem langen offenen Gespräch getroffen, in dem sich der gereifte Rust bescheiden, witzig und abgeklärt gezeigt habe.

In der Erinnerung vieler Deutscher hat sich dagegen ein anderes Bild als das des „friedlichen Helden“ festgesetzt, nachdem der Hobbyflieger am Abend des 28. Mai 1987 über dem Kreml mehrere Schleifen geflogen und schließlich neben dem Roten Platz  gelandet war: Schlaksig, bebrillt, naiv und sehr jung huschte der Kreml-Flieger über die Bildschirme. So gar nicht wie ein Superheld, der ganz allein den Eisernen Vorhang durchbricht, um dem bewunderten Kreml-Chef im Namen der westlichen Jugend Unterstützung und Bewunderung zuzusichern. Also doch ein Spinner? Mathias Rust selbst formuliert es 25 Jahre nach seinem Flug zum Kreml im stern-Interview so: „Damals, mit 19 Jahren, mit meinem Elan und meiner politischen Überzeugung, war es für mich das einzig Richtige, was ich tun konnte. Aus heutiger Perspektive schätze ich das natürlich anders ein. Ich würde es sicherlich nicht mehr tun und meine Pläne nicht mehr für realistisch halten... Aus heutiger Sicht war das unverantwortlich."

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Susanne Böllert
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