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Wie sinnvoll ist der HIV-Schnelltest?

Selbstdiagnose mit Tücken: Seit einigen Monaten sind in Deutschland sogenannte HIV-Schnelltests frei verkäuflich. Sie sollen jedem ermöglichen, sich zuhause auf die Aids-Erreger zu testen - anonym und ohne Beisein eines Arztes. Was praktisch klingt, kann jedoch auch zu unnötiger Verunsicherung führen. Denn ein positives Testergebnis bedeutet noch lange nicht, dass wirklich eine Infektion vorliegt.

HIV-Schnelltest-Kit im Einsatz
HIV-Schnelltest
Rund 37 Millionen Menschen sind weltweit mit dem Aids-Virus infiziert. Diese Diagnose bedeutet heute längst kein Todesurteil mehr. Dank moderner Medikamente lassen sich die Erreger im Körper so weit zurückdrängen, dass ein langes Leben möglich ist. Je früher Ärzte etwas gegen die Infektion unternehmen, desto geringer ist das Risiko, dass die Immunschwächekrankheit Aids ausbricht.

Doch es gibt ein Problem: Viele Betroffene wissen gar nichts von ihrer HIV-Infektion - in Deutschland trifft das auf schätzungsweise 11.400 erwachsene Menschen zu. Diesen unerkannten Infizierten entgeht nicht nur die so wichtige medizinische Behandlung. Sie laufen auch Gefahr, unbemerkt weitere Personen mit dem HI-Virus anzustecken.

Schnell und anonym

Damit in Zukunft mehr Menschen ihren Immunstatus kennen, dürfen in Deutschland seit Oktober vergangenen Jahres HIV-Schnelltests frei verkauft werden. Wie andere übliche Testverfahren weisen diese sogenannten Selbsttests Antikörper gegen das Virus im Blut nach. Dafür muss man sich einfach mit einer Lanzette in die Fingerkuppe piksen, das Blut in ein Teströhrchen füllen und zehn bis fünfzehn Minuten abwarten.

Der große Vorteil: Jeder kann die Tests anonym in Apotheken, Drogerien oder über das Internet erwerben - und ohne Hilfe eines Arztes in den heimischen vier Wänden durchführen. Der Gang in die Arztpraxis oder zur Teststelle entfällt. "Der Selbsttest ist also eine Chance für alle, die sich bisher nicht getraut haben oder eine lange Anreise scheuen", schreibt die Deutsche Aids-Hilfe.

HIV-Schnelltest mit negativem Ergebnis
Ist das Ergebnis wie hier seronegativ, kann man den Fall abhaken. Aber wie geht es nach einem positiven Test weiter?

Was bedeutet das Ergebnis?

Dies bedeutet aber auch, dass Anwender mit ihrem Testergebnis im Zweifel alleine zurechtkommen müssen. Doch was bedeutet ein negatives oder positives Resultat? Wer ein positives Ergebnis erhalten hat und dazu in der Gebrauchsanweisung nachliest, bekommt Antworten wie: "Sie sind wahrscheinlich HIV-positiv." Wie ist das zu verstehen?

Das Problem ist, dass die Selbsttests so empfindlich sind, dass sie zwar hundert Prozent aller HIV-Infizierten als solche erkennen - aber mitunter auch unnötig Alarm auslösen: Sie zeigen dann ein positives Testresultat an, obwohl gar keine Infektion vorliegt.

Positiver Test - aber nicht infiziert

Wie hoch die Wahrscheinlichkeit für eine Infektion im Falle eines positiven Testergebnisses wirklich ist, hat der Psychologe und Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz in Berlin, Gerd Gigerenzer, am Beispiel des von der Deutschen Aids-Hilfe empfohlenen Tests "Autotest VIH" einmal ausgerechnet - dieser Test hat laut Gebrauchsanweisung eine Falsch-Alarm-Rate von 0,2 Prozent.

Bei seinen Berechnungen ging der Wissenschaftler auf Basis von Daten des Statistischen Bundesamts und des Robert-Koch-Instituts davon aus, dass von 6.000 Deutschen eine Person infiziert ist. Dieser HIV-Patient wird auf jeden Fall ein positives Testergebnis erhalten. Aus der Falsch-Alarm-Rate von 0,2 Prozent folgt aber auch, dass zwölf von den nicht-infizierten 5.999 Personen ebenfalls ein positives Resultat erhalten. Das heißt: Von insgesamt dreizehn positiv Getesteten ist nur einer tatsächlich infiziert.

Bestätigung nötig

Genau aus diesem Grund muss ein positives Ergebnis im Schnelltest immer durch einen weiteren Labortest bestätigt werden. Dies ist zum Beispiel beim Arzt, im Gesundheitsamt oder bei sogenannten Checkpoints der Aidshilfen möglich. Erst wenn auch dieser Bestätigungstest positiv ausgefallen ist, besteht sicher eine HIV-Infektion - das sollte sich jeder klarmachen, der sich selbst zuhause testen möchte.

DAL, 10.01.2018
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