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Wie profitieren Kinder von früher Mehrsprachigkeit?

Ob Englisch, Französisch, Italienisch oder Türkisch: Manche Kinder lernen neben ihrer Muttersprache schon von Geburt an noch eine Zweitsprache in ihrer Familie – beispielsweise weil seine Eltern aus unterschiedlichen Ländern und Kulturkreisen kommen. Sogar wenn Kinder neben Hochdeutsch noch einen Dialekt lernen, gelten sie als mehrsprachig. Können Kinder davon profitieren? Und gibt es auch Nachteile oder Risiken, wenn man von klein auf zwei Sprachen lernt?

Symbolbild Mehrsprachigkeit
Neben der im Schulunterricht erworbenen Mehrsprachigkeit gibt es auch Kinder, die bereits vor der Einschulung zwei oder mehr Sprachen oder Dialekte lernen.

Individuelle Mehrsprachigkeit bedeutet, dass man mehr als eine Sprache oder Sprachvarietät fließend sprechen und verstehen kann. Mehrsprachler können sich dadurch zum Beispiel im Deutschen unterhalten, sich aber auch in der Fremdsprache Englisch ausdrücken. Als Sprachvarietät gelten zum Beispiel Dialekte. Kann jemand also Hochdeutsch und Schwäbisch sprechen, spricht man auch von Mehrsprachigkeit.

In Deutschland ist es vorgeschrieben, dass alle Schüler im Unterricht Englisch lernen und meist auch noch mindestens eine weitere Fremdsprache in der Schule wählen müssen. Neben der Mehrsprachigkeit durch die Schule gibt es aber auch Kinder, die bereits vor Beginn der Schulzeit zwei oder mehr Fremdsprachen oder Dialekte lernen. Diese lernen sie dann von Geburt an in der Familie, wenn zum Beispiel ein Elternteil oder die Großeltern hauptsächlich in der Sprache oder Sprachvarietät sprechen. Kinder, die bereits im Kindergarten eine zweite Sprache beherrschen, werden als simultan bilinguale Kinder bezeichnet.

Immer mehr Fremdsprachen

Laut der Bundeszentrale für politische Bildung wachsen heutzutage ein Drittel der Grundschüler in Deutschland mit einer Fremdsprache in ihrer Familie auf - Tendenz steigend. Häufig handelt es sich dabei um Kinder, deren Eltern nach Deutschland zugewandert oder geflüchtet sind. Neben Deutsch werden dadurch vor allem in Regionen mit hoher Zuwanderung, wie zum Beispiel in Großstädten, bis zu hundert verschiedene Zweitsprachen gesprochen. Besonders häufig sprechen diese Kinder neben Deutsch auch Türkisch, Arabisch, Polnisch, Russisch oder Englisch. Die Zweitsprache wird dabei vorrangig zu Hause, Deutsch in der Schule und im Freundeskreis gesprochen.

Dialekte als mündliche Sprachvarietät der Hochsprache sind hingegen seltener und haben in den vergangenen drei Jahrzehnten um 15 Prozent abgenommen. Der Einfluss der Medien, in denen hauptsächlich hochdeutsch benutzt wird sowie die zunehmende Mobilität führen dazu, dass die regional verbreiteten Sprachvarianten immer mehr von Hochdeutsch abgelöst werden. Einige deutsche Regionalsprachen, darunter Kölsch und Bairisch, sind mittlerweile sogar vom Aussterben bedroht.

Kinder mit Maske auf einer Schaukel
Neben Deutsch werden vor allem in Regionen mit hoher Zuwanderung bis zu hundert verschiedene Zweitsprachen gesprochen.

Frühes Training fürs Gehirn

Unabhängig davon, ob das Kind neben Hochdeutsch als Muttersprache eine Fremdsprache oder eine Sprachvarietät spricht, kann die Mehrsprachigkeit Vorteile haben. Vor allem sind Kinder in ihren ersten Lebensjahren in der „Hochphase“ ihrer sprachlichen Entwicklung und können so schneller Sprachen lernen als ältere. Außerdem können sie im Gegensatz zu erwachsenen Lernern eher den Akzent, die Aussprache und die Grammatik beider Sprachen auf muttersprachlichem Niveau erlernen.

Dadurch sind sie auch früh in der Lage, ihre Sprache je nach Situation und Umfeld zu wechseln. Dieses sogenannte „Codeswitching“ erfordert einiges an geistigen Ressourcen und Konzentration. Denn im Gedächtnis speichert man beide Sprachen in eigenen Netzwerken und wenn man dann zum Beispiel in seiner türkischen Zweitsprache angesprochen wird, werden die Sätze im Hintergrund auch auf der im Gedächtnis gespeicherten deutschen Muttersprache abgerufen. Diese werden allerdings unbewusst wieder unterdrückt und die Person spricht nur die türkische Variante aus. Das Gleiche gilt auch für den Wechsel zwischen einem Dialekt und Hochdeutsch.

Bei mehrsprachigen Kinder ist daher das Steuerungszentrum im Gehirn, das schließlich entscheidet, welches Wort in der jeweiligen Situation verwendet werden soll, besonders gut ausgeprägt. Das kann zu einer verbesserten Aufmerksamkeit führen und es erleichtern, die Sprachen und deren Bedeutung besser zu verarbeiten. Außerdem ist dieses Netzwerk im Gehirn auch im Alltag hilfreich, wenn sehr viele Informationen gleichzeitig verarbeitet werden müssen. Dadurch können Mehrsprachler zum Beispiel ihre deutschen Hausaufgaben machen, obwohl um sie herum etwa Polnisch geredet wird. Zudem können sie in einem Raum voller Störgeräusche besser die Klangfarben menschlicher Sprache von anderen Nebengeräuschen unterscheiden.

Prävention von Gedächtnisschwächen

Lernt man das Codeswitching sehr früh, soll das auch das Risiko verringern, Sprachstörungen zu entwickeln. Dazu zählt zum Beispiel eine Lese-Rechtschreibschwäche, bei der die Betroffenen Schwierigkeiten haben, Texte zu lesen und Wörter richtig zu schreiben. Das zeigte sich unter anderem in einer Studie von Forschern der Universität Oldenburg, die Aufsätze von Dialektsprechern und hochdeutsch sprechenden Schülern untersucht haben: Letztere hatten interessanterweise größere Schwierigkeiten, die mündliche Sprache in die schriftliche Form zu bringen als die Dialektsprecher. Insgesamt machten die Mundart sprechenden Kinder 30 Prozent weniger Rechtschreibfehler.

Und der Wechsel zwischen Sprachen soll die Gedächtnisleistung nicht nur in der Sprachentwicklung, sondern auch dauerhaft fördern. Denn durch das ständige Umdenken zwischen den verschiedenen Sprachen, können die kognitiven Leistungen bis ins hohe Alter verbessert werden. Vermutlich kann diese Form des Gehirnjoggings sogar das Auftreten von Alzheimer verzögern, einer der im Alter häufigsten fortschreitenden Demenzerkrankungen.

Verbessertes Sprachgefühl

Hinzu kommt, dass Kinder nicht nur zwischen den Sprachen wechseln können und ihr Gehirn dabei trainieren, sondern, dass sie auch früh mit der sprachlichen Vielfalt und den Besonderheiten der Sprachen vertraut werden. Sie erkennen also zum Beispiel, dass jede Sprache ihre eigenen Regeln in der Grammatik und im Satzbau hat und dass es in der einen Sprache beispielsweise drei Artikel, in der anderen aber nur einen gibt. Das hilft ihnen später auch dabei, weitere Sprachen schneller zu lernen.

Außerdem können sie manchmal auch die Informationen von einer Sprache auf die andere übertragen und ableiten. Lernen sie beispielsweise im Deutschen das Wort „Brot“, können sie einfacher das Wort „bread“ im Englischen verstehen – ihr Sprachgefühl verbessert sich also. Oder sie können zunächst nur das Wort „Brot“ und fragen deshalb ihre Eltern, was das Gebäck etwa auf Türkisch heißt. Dadurch erweitert sich ständig ihr Wortschatz und die Kinder nutzen die Sprache zudem kreativer, weil sie häufiger in Situationen kommen, in denen sie nicht alle Worte beider Sprachen kennen und sie zum Beispiel umschreiben oder frei ableiten müssen.

Perspektivwechsel mit inbegriffen

Mehrsprachige Kinder können so an vielen Gesprächen teilhaben und besser ihre Perspektive wechseln, wie ein Experiment von Forschern um Katherine Kinzler von der University of Chicago gezeigt hat. Demnach können sich Mehrsprachler bereits ab dem Alter von zwei Jahren besser in andere hineinversetzen, weil sie sich täglich in verschiedenen Sprachen verständigen oder andere Sprachen im Alltag hören.

Dabei lernen sie zudem auch die Kulturen hinter den verschiedenen Sprachen besser kennen und fühlen sich auch mehr mit ihnen verbunden, auch wenn sie dort nicht leben. Zudem macht sie diese Bewusstsein häufig auch offener für weitere Kulturen und sie sind motivierter, neue Sprachen zu lernen. Und je mehr Sprachen man spricht, desto einfacher ist es später auch, international zu arbeiten und zu leben.

Rufendes Mädchen mit Buchstabensalat
Mehrsprachige Kinder vermischen ihre Sprachen oft und auch der Wechsel zwischen ihnen kann seine eigenen Regeln und Beweggründe haben.

Wie klappt die Zweisprachigkeit am besten?

Doch diese Vorteile gelten nicht für jedes mehrsprachig aufwachsende Kind. Um sie zu erreichen, ist die Art und Weise, wie die Kinder beide Sprachen lernen, entscheidend. Dafür ist zum Beispiel eine sprachliche Anregung wichtig. Reden die Eltern allgemein sehr wenig mit dem Kind und verbessern beispielsweise seine falschen Worte nicht oder beantworten keine Fragen, kann das seine Sprachentwicklung stören.

Bei zweisprachig aufwachsenden Kindern wird dabei häufig empfohlen, dass konsequent und regelmäßig beide Sprachen oder Varietäten benutzt werden, wenn man mit dem Kind kommuniziert. Dabei sollten die Eltern vornehmlich in ihrer eigenen Muttersprache sprechen – das stellt sicher, dass die Sprache auch korrekt vermittelt wird. So bietet es sich zum Beispiel an, dass der selbst deutschsprachig aufgewachsene Vater immer Deutsch mit dem Kind spricht, die aus Russland stammende Mutter aber etwa Russisch. Oder dass der Großvater ausschließlich Schwäbisch spricht, der Vater aber Deutsch.

Sieht das Kind aber beispielsweise den Vater nur sehr selten, kann man die Sprachen auch je nach Situation wechseln: Beim Spielen wird Russisch oder Schwäbisch gesprochen und beim Einkaufen Deutsch. Dabei sollte man die Sprachen möglichst selten vermischen. Durch diese klare Struktur kann das Kind die beiden Sprachen dann deutlich voneinander unterscheiden. Dabei sollten aber auch in beiden Sprachen möglichst viele verschiedene Wörter benutzt werden, damit das Kind lernt, sich in beiden Sprachen über die gleichen Themen auszudrücken.

Außerdem gehen Experten davon aus, dass mehrsprachige Erziehung nur dann funktionieren kann, wenn Kinder zu den Sprachen eine emotionale Bindung aufbauen. Sie sollten sich also dabei wohlfühlen und Spaß daran haben. Das funktioniert am besten, wenn ihre Sprachvorbilder ihnen sehr nah sind und ruhig mit ihnen sprechen. Zudem kann es helfen, die Sprache spielerisch zu üben. So zum Beispiel mit Fingerspielen, Reimen oder mit Hörspielen und Musik. Druck der Eltern kann die Sprachentwicklung hingegen behindern.

Einige Einbußen gibt es

Aber auch, wenn die Familie diese Aspekte beachtet und viel Arbeit in die Spracherziehung steckt, birgt die frühe Mehrsprachigkeit zumindest anfangs noch einige Nachteile. Denn im Gegensatz zu einsprachig aufgewachsenen, beherrschen mehrsprachige Kinder weniger Wörter in beiden Sprachen und benutzen öfter unpassende. Zudem machen sie häufig noch mehr Fehler in der Grammatik und im Satzbau, wenn sie in die Schule kommen. Solche Sprachprobleme müssen bei den jungen Mehrsprachlern dann in jeder Sprache korrigiert werden, was deutlich schwieriger sein kann als bei einer Sprache.

Auch besteht die Gefahr, dass mehrsprachige Kinder häufiger die Sprache und Grammatik beider mischen und während Gesprächen öfter in eine andere Sprache wechseln. Dadurch können sie sich manchmal nur noch mit ihren Eltern problemlos austauschen und bekommen möglicherweise sogar Schwierigkeiten in der Schule. Zudem können so junge Mehrsprachler manchmal auch weniger Freunde finden und werden ausgegrenzt, weil sie als „anders“ gelten und sich nicht mit den anderen Kindern unterhalten können. Dadurch passiert es oft, dass die Kinder anfangen, die eine Sprache zu vernachlässigen, um somit die zweite Sprache schneller beherrschen zu können.

Außerdem kommt es vor, dass es Kindern, die zwei Fremdsprachen erlernen, schwerfällt, beiden Kulturen gleichzeitig gerecht zu werden. Vor allem, wenn die Kinder die Sprache einer Kultur sprechen, die in Deutschland weniger anerkannt ist. Gleiches gilt auch für Dialekte, denen häufig der Ruf anhängt, ihre Sprecher seien "provinzieller" oder gar dümmer.

ABO, 07.04.2021
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