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Weltfrauentag: Stand der Gleichstellung von Frauen und Männern

Am 8. März 2022 wird unter dem Motto „Stoppt die Voreingenommenheit“ der Weltfrauentag gefeiert, der schon seit über 100 Jahren auf Ungerechtigkeiten und Diskriminierung von Frauen aufmerksam macht. Seither hat sich einiges getan in der Anerkennung der Rechte und der Arbeit von Frauen. Doch wie genau sieht es heute aus mit der Gleichberechtigung in Deutschland? Und wo hapert es noch?

Seit 1918 dürfen Frauen in Deutschland wählen gehen, seit 1977 ohne Erlaubnis ihres Mannes arbeiten gehen und seit 1997 ist Vergewaltigung in der Ehe strafbar. Dies sind nur einige Beispiele für die zwar späte, aber dennoch fortschreitende Zunahme der Gleichstellung von Frauen in den letzten Jahrzehnten.

Doch viele Probleme sorgen noch immer dafür, dass eine echte Gleichberechtigung noch lange nicht erreicht ist. Frauen übernehmen immer noch einen großen Teil der unbezahlten Care-Arbeit, werden schlechter bezahlt und verdienen so insgesamt weniger Geld. Daher sind sie beispielsweise der Gefahr der Altersarmut meist deutlich höher ausgesetzt als Männer.

Frauen überholen Männer beim Bildungsniveau

Der Gleichstellungsreport des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung aus dem Jahr 2022 hat deshalb untersucht, wie nahe wir dem Ziel der deutschen Gleichstellungspolitik, nämlich eine „Gesellschaft anzustreben, in der Frauen und Männer die gleichen Verwirklichungschancen haben“ wirklich sind. Um einen Eindruck von der Gleichstellung der Geschlechter zu gewinnen, analysierten Geschlechterforscherin Yvonne Lott und ihre Kollegen Daten zu den sechs Bereichen Bildung, Erwerbsarbeit, Einkommen, Arbeitszeit, Sorgearbeit und Mitbestimmung.

Positive Entwicklungen beobachteten die Forschenden bei Schulabschlüssen und beruflicher Qualifikation. In diesen Bereichen sind Frauen aktuell im Vergleich zu 2018 sogar erfolgreicher als Männer. Beim Anteil der arbeitstätigen Frauen ist auch weiterhin eine positive Entwicklung zu sehen: Während 1991 immer noch 21 Prozent mehr Frauen als Männer nicht erwerbstätig waren, liegt dieser geschlechterbezogene Abstand aktuell nur noch bei sieben Prozent.

Weiterhin große Lücken bei Einkommen und Rente

Immerhin ist auch der sogenannte "Gender Pay Gap" – der Abstand im Lohn zwischen den Geschlechtern - in den vergangenen Jahren langsam, aber kontinuierlich kleiner geworden. Eine der Ursachen dafür ist nach der WSI-Analyse der im Jahr 2015 eingeführte Mindestlohn. Von den Beschäftigten, die als einziges Arbeitsverhältnis nur einen Minijob haben, sind rund 60 Prozent weiblich. Daran zeigt sich auch dass Frauen deutlich häufiger als Männer von Niedriglöhnen betroffen sind. Daher hat das Anheben der Lohnuntergrenze ihre Bezahlung etwas stärker positiv beeinflusst.

Trotzdem erhielten Frauen im Jahr 2020 immer noch 18 Prozent weniger Gehalt, womit der unbereinigte Gender Pay Gap in Deutschland deutlich über den europäischen Durchschnitt liegt. Rechnet man strukturbedingten Faktoren raus, zu denen auch gehört, dass Frauen häufiger in geringer bezahlten Berufen arbeiten, verdienen Frauen im Schnitt noch immer rund sechs Prozent weniger als Männer - für die gleiche Arbeit bei gleicher Qualifikation.

Noch gravierender als der Gender Pay Gap ist die Lücke bei der Absicherung im Alter, da sich die Effekte der geringeren Bezahlung im Laufe des Lebens aufsummieren. Frauen beziehen daher durchschnittlich ein um 49 Prozent niedrigeres Alterseinkommen als Männer. Dies liegt auch an einem Ungleichgewicht der Arbeitszeit: Aktuell arbeitet fast jede zweite Frau in Teilzeit, aber nur etwa jeder neunte Mann.

Pandemie sorgt bei Kinderbetreuung für Rückschritt

Die Wissenschaftler schauten sich außerdem die Dynamik der Kinderbetreuung im Verlauf der Pandemie an. So übernahmen vor Beginn der Pandemie 62 Prozent der Mütter und fünf Prozent der Väter in Paarbeziehungen mit Kindern den überwiegenden Anteil der Betreuungszeit, ein Drittel der Paare teilte die Kinderbetreuung annähernd ausgeglichen auf.

Im Laufe der Pandemie beobachteten Lott und ihre Kollegen dann einen Trend hin zu traditionellen Mustern und noch größerer Ungleichheit: Bei 71 Prozent der Familien übernahmen die Mütter wieder überwiegend die Kinderbetreuung, bei sieben Prozent die Väter. Nur noch 22 Prozent der Paare teilten sich die Sorgearbeit annähernd gleich auf. Frauen haben demnach in Zeiten von Lockdowns, Kitaschließungen und Homeschooling deutlich häufiger ihre Erwerbsarbeit reduziert als Männer.

Relativ wenig getan hat sich auch bei der Verteilung von Führungsposten in Betrieben: In den oberen Führungsebenen sind Frauen nur mit 26 Prozent vertreten und damit deutlich unterrepräsentiert. Bei den Aufsichtsräten der börsennotierten Unternehmen sorgte die Einführung einer Frauenquote von 30 Prozent im Jahr 2016 für einen Anstieg des Frauenanteils, der aber seit 2019 bei 32 Prozent stagniert. Die Quote wird also umgesetzt, aber darüber hinaus tut sich in den Aufsichtsräten nicht viel.

Was muss in Zukunft getan werden?

Auch wenn die Gleichstellung zumindest hierzulande vielfach etwas vorangekommen ist, fällt die durchschnittliche berufliche, wirtschaftliche und soziale Situation von Frauen weiterhin oft schlechter aus als die von Männern, so das Fazit der Forschenden. "Umso wichtiger ist, dass Staat und Gesellschaft die Anreize für eine gleichberechtigte Aufteilung von Sorge- und Erwerbsarbeit verstärken", sagt Lott. Dazu zählt sie unter anderem einen weiteren Ausbau der Kinderbetreuung und mehr Partnermonate bei der Elternzeit.

Doch auch anderen Regelungen, wie Minijobs oder das Ehegattensplitting müssen laut der Wissenschaftler reformiert werden. Aufgrund des 1958 eingeführten Gesetzes zum Ehegattensplitting, wird das Gesamteinkommen der Ehepartner halbiert, dann versteuert und die Steuer anschließend verdoppelt. Es wird also so getan, als würden beide Parteien gleich viel zum Gesamteinkommen beisteuern. Je größer dabei die Differenz der beiden Einkommen, desto größer der Steuervorteil für den Haushalt. Dies hält laut vor allem Frauen am Rande des Arbeitsmarkts fest, erklärt Lott.

Quelle: Hans-Böckler-Stiftung

JFR, 08.03.2022
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