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Was ist eine Straßenzeitung?

Oder: Der Verkäufer spielt die erste Geige

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Verkäufer, die Sozialhilfe beziehungsweise Arbeitslosengeld beziehen, dürfen nur eine bestimmte Anzahl an Exemplaren verkaufen. Das schadet zwar der Auflage, doch die Verkäufer kommen meist nicht in Bereiche, in denen dieser Nebenverdienst auf ihre Sozialhilfe angerechnet werden muss. Obwohl die Auflage nicht die zentrale Rolle spielt, ist die Qualität der Zeitschrift von immenser Wichtigkeit, denn darüber erhält der Verkäufer sein Selbstwertgefühl. Bei einer erfolgreichen Sache dabei zu sein ist identitätsstiftend. Er bietet eine Zeitschrift an, für die tatsächlich eine Nachfrage besteht. Letztlich wird nur eine gute Zeitschrift nicht nur aus Mitleid gekauft, sondern auch gelesen eine wesentliche Voraussetzung zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit für eher tabuisierte Themen wie Armut und Obdachlosigkeit und dem Beitrag der Gesellschaft daran.

Sozialwissenschaftler und -pädagogen befürchten durch den Verkauf einer Straßenzeitung eine Brandmarkung, eine Stigmatisierung der Verkäufer, denn der obdachlose Mensch outet sich durch den Verkauf als arm und bedürftig. Doch: Ist es eine Handlung, die stigmatisiert, oder die Gesellschaft? Ist einem obdachlosen Menschen eher gedient, wenn man ihn im Verborgenen lässt? BISS arbeitet durch die Inhalte des Blattes daran, dass nicht nur Obdachlose nicht stigmatisiert werden, sondern auch nicht allein erziehende Mütter, Menschen mit dunkler Hautfarbe, Homosexuelle ...

Zudem ist es eine Frage der Sichtweise: Steht bei einem BlSS-Verkäufer seine Armut, also wenn man so will, sein Scheitern, im Vordergrund, oder dass er aus eigener Kraft und durch eigene Leistung einen Weg aus der Obdachlosigkeit gefunden hat und ihn geht? Zumal BISS mit Anstellungen gesellschaftlich anerkannte Perspektiven bietet und keine legitimierte Form des Betteins ist. Wir wissen, dass für unsere Leser die Leistung der Verkäufer im Vordergrund steht, die sie auch honorieren. Dennoch, es wird immer Menschen geben, die sich besonders gut fühlen, wenn sie jemanden sehen, der ihnen unterlegen scheint, und ihn das spüren lassen. Die meisten unserer Verkäufer sind selbstbewusst genug, um mit solchen Situationen souverän umzugehen. BISS ist aber auch bewusst, dass es Menschen gibt, die nicht mehr in der Lage sind, etwas zu leisten. Für sie versucht die Zeitschrift als Meinungsmacher um Verständnis zu werben und ihnen das kommunale und staatliche Hilfenetz zu erhalten. Den anderen bietet BISS seit Jahren mehr als eine Chance, setzt mit Erfolg auf die Leistungsbereitschaft der Menschen, die die Gesellschaft in punkto Arbeit aufgegeben hatte. Darin eine Stigmatisierung zu sehen ist ein Luxus, den wir uns nicht mehr leisten können. Mit dieser Haltung ist BISS Avantgarde.

ELENI ADAMIDU; © BISS
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