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Warum die EU unsere Portemonnaies füllt

Dass es die Europäische Union gibt, bedeutet für uns Bürger viele praktische Vorteile: Wir haben grenzenlos freie Fahrt, können ohne Probleme mit dem Handy im Ausland telefonieren und müssen uns keine Sorgen ums Geldumtauschen machen. Auch wirtschaftlich profitieren wir spürbar von der EU: Der gemeinsame Binnenmarkt steigert das Einkommen der Deutschen um jährlich mehr als 1.000 Euro pro Person, wie eine Studie zeigt.

Containerfrachter im Hamburger Hafen
Bezogen auf die Ex- und Importe wickelt die EU rund zwei Drittel ihres Warenhandels innerhalb der eigenen Grenzen ab.
Der gemeinsame Binnenmarkt der Europäischen Union (EU) ist der größte Wirtschaftsraum der Welt. Auf dem Papier soll er freien Personen- und Kapitalverkehr garantieren, ebenso wie den grenzenlosen Handel mit Waren und Dienstleistungen. Doch was bringt der Binnenmarkt den europäischen Bürgern ganz konkret in ihrem Alltag?

Über 1.000 Euro mehr in der Tasche

"Der EU-Binnenmarkt hat nicht nur den Abbau von Grenzkontrollen bewirkt, sondern beschert den Europäern grundsätzlich auch ein Plus im Portemonnaie", erklären Giordano Mion von der University of Sussex und Dominic Ponattu von der Bertelsmann Stiftung. Die Ökonomen haben für eine Studie untersucht, welche Einkommensgewinne die unterschiedlichen Länder und Regionen Europas durch den Binnenmarkt erzielen.

Ihre Ergebnisse zeigen: Im Durchschnitt steigert der gemeinsame Wirtschaftsraum das Einkommen der Bürger jährlich um rund 840 Euro pro Person. Als Exportnation profitiert Deutschland allerdings besonders stark - wir haben dank des Binnenmarkts sogar 1.046 Euro mehr auf dem Konto. "Der EU-Binnenmarkt ist einer der größten Treiber für unseren Wohlstand und wirkt ähnlich wie die Marktwirtschaft: Nicht jeder profitiert gleichermaßen, aber alle gewinnen", kommentiert Aart De Geus, Vorstandvorsitzender der Bertelsmann Stiftung, die die Untersuchung in Auftrag gegeben hat.

Vor allem kleine Exportnationen profitieren

Vor allem für verhältnismäßig kleine, aber exportstarke Nationen birgt der freie Handel innerhalb der EU große Vorteile, wie die Forscher herausfanden - und zwar unabhängig davon, ob sie EU-Mitglied sind, den Euro verwenden oder einfach nur enge Beziehungen mit der EU pflegen. So können die Einwohner in der Schweiz die größten Einkommensgewinne erzielen, gefolgt von Luxemburg und Irland.

Daneben gehören auch Belgien, Österreich und die Niederlande zu den Top-Profiteuren. "Für Länder wie die Niederlande oder Österreich ist der Binnenmarkt Gold wert, denn sie verfügen über wettbewerbsfähige Branchen, sind aber aufgrund kleiner Inlandsmärkte vom Export abhängig", sagt Ponattu.

Berlin und London als Gewinner

Auf regionaler Ebene gehören hauptsächlich industriestarke und städtisch geprägte Regionen zu den Gewinnern. Ihnen kommt zugute, dass der Wegfall von Grenzen den Fachkräftezuzug und die EU-weite Ansiedlung von Branchen in einzelnen Regionen befördert. Städte wie Berlin profitieren in diesem Zusammenhang zum Beispiel von einer wachsenden Startup-Szene, Zürich und auch London von der Finanzwirtschaft.

In der britischen Hauptstadt haben die Menschen dank des EU-Binnenmarkts 2.700 Euro mehr pro Jahr in der Tasche, wie die Studie enthüllt. "Ein vollständiger Austritt der Briten aus dem Binnenmarkt würde den Großraum London hart treffen", betont Ponattu. Aber auch andere industrie- und innovationsstarke Regionen des Vereinigten Königreichs bekämen die möglichen Folgen eines Brexits deutlich zu spüren.

Skyline der City of London
Einen internationalen Finanzplatz hatte die EU bislang mit London. Die britische Hauptstadt wurde sogar zum Zentrum des Handels von Finanzprodukten in Euro, obwohl Großbritannien am Pfund festhielt.

Industrieregionen im Vorteil

Auch bei uns in Deutschland sind insbesondere jene Regionen Nutznießer des gemeinsamen Wirtschaftsraums, in denen Industrie und Exportbranchen stark verankert sind. "Auch Regionen mit starkem Mittelstand und Zulieferbetrieben, die viel in die EU exportieren, sind Gewinner", erklärt Ponattu.

Konkret erzielen Bürger im Regierungsbezirk Oberbayern mit 1.489 Euro mehr pro Kopf und Jahr die größten Einkommensgewinne durch die EU. Dicht dahinter folgen Hamburg mit 1.478 Euro und der Regierungsbezirk Stuttgart mit 1.304 Euro. Auf Bundesländerebene haben Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg die größten zusammengerechneten Einkommensgewinne.

Potenzial für mehr Wachstum

Weniger deutlich zeigen sich die Vorteile des europäischen Binnenmarkts unter anderem in den Portemonnaies der Menschen in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Sie gehören zu den Regionen mit den geringsten Einkommenszuwächsen, im Schnitt haben die Bürger dort nur zwischen 670 und 700 Euro mehr dank der EU in der Tasche.

In Zukunft könnten aber auch die schwächeren Gebiete innerhalb Europas verstärkt vom Binnenmarkt profitieren, glauben die Ökonomen. Der Grund: Vor allem im Bereich des Handels mit Dienstleistungen ist das Potenzial für weitere Wohlstandsgewinne noch längst nicht ausgeschöpft. "Obwohl sie bereits rund 75 Prozent der Wertschöpfung in der EU ausmachen, sind derzeit nur rund 30 Prozent aller EU-Exporte Dienstleistungen. Mehr gemeinsame Standards und einheitliche Wettbewerbsregeln können den Handel mit Dienstleistungen erhöhen", konstatieren die Forscher.

Abgehängte Regionen fördern

Zusätzlich sollten abgehängte Regionen, zu denen unter anderem auch einige Staaten in Südeuropa gehören, dem Team zufolge durch Investitionen in ihre digitale Infrastruktur und Innovationsfähigkeit gefördert werden. Auf diese Weise könnten sie künftig stärker von den Vorteilen des Binnenmarkts profitieren und würden nicht noch weiter abgehängt.

Bertelsmann Stiftung / DAL,14.05.2019
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