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Walter Kempowski

Ein deutscher Chronist ist tot

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Er wurde in Rostock als Sohn des Reeders Karl Georg Kempowski und seiner Frau Margarethe geboren. Bis 1945 besuchte er das Realgymnasium, gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wurde er als Flakhelfer eingesetzt. 1946 begann er eine Lehre als Druckereikaufmann, danach arbeitete er in einer Arbeitskompanie der US-Armee in Wiesbaden. In die SBZ zurückgekehrt, wurde er 1948 von einem sowjetischen Militärtribunal wegen angeblicher Spionage verhaftet und zu 25 Jahren Zuchthaus, abzubüßen in Bautzen, verurteilt. 1956 amnestiert, ließ Kempowski sich in die Bundesrepublik Deutschland entlassen, holte in Göttingen 1957 das Abitur nach und studierte dort anschließend Pädagogik. Bis 1979 arbeitete er als Landschullehrer in Niedersachsen, seit 1980 ist er Gastdozent im Fachbereich Kommunikation/Ästhetik der Universität Oldenburg. Im gleichen Jahr begründete er sein zeithistorisches Archiv, in dem er deutsche Schicksale in Form von Tagebüchern, Briefen, Lebenserinnerungen und Fotos sammelte und welches die Grundlage seiner Werke bildet. Ende Oktober 2005 übergab Kempowski sein literarisches und biografisches Archiv ("Jahrhundert-Archiv") der Berliner Akademie der Künste. Mit insgesamt 500 Metern Regallänge ist es das größte umfassende Einzelarchiv und eines der bedeutendsten Schriftstellerarchive überhaupt.

Leben und Werk

Seit 1956 versuchte Kempowski, die eigenen biografischen Erfahrungen wie Jugend, Krieg und Zuchthaus literarisch zu verarbeiten. Doch erst 1969 erschien sein erster Roman Im Block , der gleichzeitig Kempowskis Schriftstellerexistenz begründete. Der Bericht über seine Haftzeit in Bautzen zeigt bereits stilistische Qualitäten, die seine nachfolgenden Romane berühmt gemacht haben: Aus der Perspektive des erlebenden Ich werden die Fakten der privaten Alltagsgeschichte kommentarlos berichtet. Kempowski verzichtet auf jegliche Einordnung seines dargestellten Lebens in übergeordnete historische, politische oder psychologische Sinnzusammenhänge. Er protokolliert die vergangenen Ereignisse in voneinander unabhängigen, knappen Sequenzen und wertet das unmittelbar Erlebte gegenüber der Historie auf. Der folgende, 1971 erscheinende Roman Tadellöser & Wolff ist das erste Buch und gleichzeitig das Zentrum der so genannten "Deutschen Chronik", einer Romanreihe, in der Kempowski die Genealogie der eigenen Familie, die Geschichte seiner Vaterstadt Rostock und die jüngste deutsche Vergangenheit beschreibt und somit den Versuch einer literarischen Chronik des deutschen Bürgertums von der Kaiserzeit bis in die 1950er Jahre macht. Große Beachtung fanden auch Kempowskis Befragungsbücher Haben Sie Hitler gesehen? (1973), Immer so durchgemogelt? (1974) und Haben Sie davon gewußt? (1979), die die Aussagen einiger Hundert Zeitgenossen auf die von Kempowski gestellten Fragen beinhalten und die, laut Kempowski, den "Bewusstseinsstand unseres Volkes" widerspiegeln.

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aus der wissen.de-Redaktion
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