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Zeitlos - das Experiment

Einer der wichtigsten Rhythmen für den Menschen ist der Wechsel von Tag und Nacht. Doch was, wenn man uns davon isoliert? Wissen wir dann noch, was Zeit ist? Ein berühmtes Experiment in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts spürt unsere Innere Uhr auf: Freiwillige begaben sich für mehrere Wochen in einen geschlossenen Bunker. Die Anlage wurde extra zu diesem Zweck gebaut und war mit allen Annehmlichkeiten ausgestattet, bis auf zwei Dinge: Es gab kein Tageslicht und keinerlei Möglichkeit, die Uhrzeit festzustellen. Till Roenneberg, heute Professor für Chronobiologie in München, hat die Bunkerexperimente begleitet. Prof. Till Roenneberg, Chronobiologe, LMU München: "Die Bunkerversuche waren eigentlich wissenschaftsgeschichtlich was ganz spannendes. Man wusste ja schon von Pflanzen und Tieren, dass es eine innere Uhr gibt, die hauptsächlich durch Licht gesteuert wird, da wir beim Menschen immer annahmen, dass die Natur eigentlich keinen Einfluss mehr auf uns hat, sondern nur noch das soziale Leben, musste eine Versuchsapparatur gebaut werden, das war dann der Bunker, in der alles abgeschottet wurde, was überhaupt nur an zeitlichen Signalen vorhanden gewesen sein könnte." Der Schutz nach außen war massiv, aus Stahlbeton, mit ein Meter dicken Mauern. Der damalige Leiter des Max Planck Instituts, einer der Gründerväter der Bunkerexperimente, war Jürgen Aschoff. 1966 wagten sich die ersten Probanden hinter die dicken Mauern. Jürgen Zulley, hier links im Bild, übernahm in den siebziger Jahren die Leitung der Bunkerexperimente bis zum Schluss Anfang der 80er Jahre. Big Brother unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Jürgen Zulley, Schlafforscher, Universität Regensburg: "Die meisten gingen Anfangs mit einer gewissen Anspannung rein, halt ich das überhaupt aus. Aber die merkten nach zwei drei Tagen, um die Frage ging es eigentlich gar nicht, es war sehr schön auszuhalten. Und die meisten wollten gar nicht mehr raus." Prof. Till Roenneberg, Chronobiologe, LMU München: "Man hat ganz viele Dinge gemessen, es gab zum Beispiel Kontakte im Boden, so dass das Laufen messen konnte, man konnte das an- und ausschalten von jedem Licht messen, die Personen trugen - etwas unangenehm - rektale Temperatursonden, sie mussten ganz viele Aufgaben erfüllen, sie mussten aufschreiben, was sie wann essen, viele von ihnen mussten jede Stunde einen Klingelknopf drücken - immer wann sie dachten, dass eine Stunde vorbei war. Und dann nach einer Minute noch mal, so dass man Langzeit und Kurzzeitschätzungen mitmachen konnte." Die Probanden ließen ihrem Zeitgefühl freien Lauf, sie gingen ins Bett, wenn sie müde waren und standen auf, wenn sie wach wurden. Der Tagesablauf, zumindest von der Zeitausnutzung, war bei allen ähnlich. Etwa ein Drittel Schlafen, zwei Drittel Wachen. Jürgen Zulley, Schlafforscher, Universität Regensburg: "Das Ende eines Versuches, das lief immer so ab, dass wir einen Zettel hinein legten und sagten, wir kommen zu Besuch. Dann wussten die gar nicht warum und dann sind wir reingekommen und haben erst mal gefragt, welcher Tag wohl sei, welche Tageszeit. Da haben sie sich eigentlich immer vertan, verschätzt. Und dann habe ich Ihnen eröffnet, dass der Versuch zu Ende ist. Die meisten fanden das überhaupt nicht gut, die wären länger drin geblieben." Das Ergebnis war wie von allen erwartet: Prof. Till Roenneberg, Chronobiologe, LMU München: "Es kam dabei heraus, dass auch der Mensch eine circadiane innere Uhr hat, die man ja besonders gut sieht, wenn man alle Informationen der Außenwelt weglässt, weil sie da nämlich ihre eigene Dynamik entwickelt und nicht ins Chaos verfällt sondern sie macht ihren eigenen Tag. Und der ist dann meist nicht genau 24 Stunden, sondern so was wie 25 Stunden zum Beispiel." Jürgen Zulley, Schlafforscher, Universität Regensburg: "Der extremste Fall war, dass eine Versuchsperson fünf Wochen unten war, aber nach ihrer Zeitrechnung erst drei Wochen vergangen waren. Sie hatte so genannte Circabidiane Tage, also 50 Stunden Tage gezeigt. Und das verblüffende, was die Person nur schwer verarbeitet hat, war, dass ihr zwei Wochen von ihrem Leben jetzt fehlten." Das Bunkerexperiment - Kein Tageslicht und keine Uhr. Ein Versuch, der bewiesen hat, dass alle Menschen eine innere Uhr haben, wenn auch jede etwas anders tickt.

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