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Zeit für Medikamente

In uns tickt es: Der Mensch besitzt eine sogenannte innere Uhr, einen Signalgeber, der ihm hilft, bestimmte Vorgänge rechtzeitig durchzuführen. Auch das Immunsystem ist fest im Griff des Taktgebers: Mittlerweile ist unumstritten, dass Medikamentengaben zu bestimmten Tageszeiten besser funktionieren. Die Arbeitsgruppe Chronopharmakologie von Björn Lemmer testet Medikamente zu verschiedenen Tageszeiten. Lemmers These: Die Anweisung, dreimal täglich eine Tablette zu nehmen, ist völlig unzureichend. Die Wissenschaftler arbeiten mit Ratten, die in einem Spezialschrank in exakt kontrollierten Tag- Nachtwechseln leben. Sie erhalten zu genau definierten Zeiten ein Blutdruckmittel. Mit Hilfe von winzigen Sendern, die den Nagern im Vorfeld eingepflanzt wurden, erhält das Team die Daten über die Reaktion des Kreislaufes der Tiere, ohne sie jedes Mal stören zu müssen. Die Sender sind kaum größer als ein Eurocent. Björn Lemmer, Chronopharmakologe, Universität Heidelberg: "Das wichtigste ist zunächst einmal dass man wissen muss, dass der Blutdruck Tag und Nacht nicht der gleiche ist. Normalerweise fällt er nachts ab. Bei unseren Rattenversuchen haben wir verschiedene tierexperimentelle Modelle die ein normales Blutdruckprofil haben, oder die ein krankhaftes, wo in der Ruheperiode der Blutdruck nicht abfällt. Und wenn wir diesen Tieren, zu Beginn ihrer Ruheperiode am Morgen ein blutdrucksenkendes Medikament geben, sinkt nicht nur der Blutdruck sondern wir erzielen auch wieder ein normales Tag- Nachtblutdruckprofil." Im Gegensatz zum Menschen sind Ratten nachtaktiv, das heißt, sie haben ihre Ruhephasen tagsüber. Eine einzelne Gabe des Blutdrucksenkers vor Beginn der Ruhephase hält über den gesamten Ruhezeitraum. Auf den Menschen übertragen bedeutet dies, dass ein Blutdrucksenker abends angewandt die bessere Wirksamkeit besäße. Björn Lemmer, Chronopharmakologe, Universität Heidelberg: "Das hat deshalb eine große Bedeutung, weil viele Hochdruckpatienten, Diabetiker, Nierenerkrankte ein solches krankhaftes Blutdruckprofil haben mit unzureichendem nächtlichem Abfall und die haben vermehrte Endorganschäden. Schlaganfall, Angina Pectoris, Herzinfarkt, Nierenfunktionsstörungen, Durchblutungsstörungen. Und das zeigt ganz eindeutig, dass wir nicht nur den Druck senken müssen, sondern auch wieder ein physiologisches Profil, Tag- Nachtprofil durch die zeitgerechte Gabe von Medikamenten erzielen sollten." Möglicherweise könnte einiges an Medikamenten eingespart werden, wenn bei der Gabe mehr auf individuelle Zeiten eingegangen würde. Chronopharmakologen vermuten, dass sich so auch Nebenwirkungen verringern ließen.

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