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Wie funktioniert Geld?

Die undurchschaubare Welt der Banken und Börsen. Der Schweizer René Zeyer hat Einblick hinter die Kulissen dieser Welt. Als langjähriger Kommunikationsberater in der Finanzbranche beobachtet er, wie es zu wahnwitzigen Spekulationen auf den Geldmärkten kommt. Und was für Folgen sie haben können. Gemeinsam mit Kollegen ist Zeyer den Gesetzen von so genannten Spekulationsblasen auf der Spur. Er will quasi die DNA der Finanzkrise entschlüsseln. Ein radikales Beispiel für die Konsequenzen des Spekulationswahns. Das Ausmaß dieser Krise erscheint zwar einzigartig. Aber sie ist kein Einzelfall. Da gibt es immer ein bis zwei Grundsätze, die immer gelten, d . h. erstens die reine Geldgier von allen Beteiligten. D. h. jeder der spekuliert, hofft darauf, dass er einen extra Gewinn macht, den andere nicht machen. Wenn aber alle gleichzeitig diesen Extragewinn machen wollen, dann funktioniert das natürlich nicht mehr. Und das zweite ist: Eine Unkenntnis der durch solche Spekulationsgeschäfte ausgelösten Folgen.“ So entstehen immer wieder ökonomische Krisen, die ungeahnte Ausmaße erreichen können. Aber wie kann man verhindern, dass sie die gesamte Welt in den Abgrund reißen? So, wie in den 20er Jahren. Das Versprechen auf eine goldene Zukunft setzt damals eine Lawine in Gang. Um an der Börse zu spekulieren, nehmen viele Menschen überteuerte Kredite auf. Als die Kurse sinken, versuchen Massen von Anlegern ihre Aktien zu verkaufen. Die Börsenkurse brechen dramatisch ein – und das war der Startschuss zur ersten Weltwirtschaftskrise. Das Muster ist bekannt, der Lerneffekt scheint begrenzt. „In der Weltwirtschaftskrise der 20er, 30er Jahre hat man gewisse Lehren gezogen für das Banksystem, die dann wieder über Bord geworfen wurden, also beispielsweise die Trennung vor allem in den USA zwischen den so genannten Publikumsbanken und Investmentbanken. Und zwar alle die, die jetzt Pleite gegangen sind. Das war eine Konsequenz der Weltwirtschaftskrise der 20er Jahre. Und diese Unterscheidung zwischen reinen Publikumsbanken und Spekulationsbanken, die wurde damals eingeführt, anschließend über Bord geworfen.“ Zeyer ist klar: Verantwortlich für einen derartigen Spekulationswahnsinn sind Banker, die ihren Sparern undurchsichtige, riskante Produkte andrehen. Nach diesem Muster entsteht Ende der 90er Jahre eine neue Blase: Das Internetzeitalter hat begonnen. Auch damals haben tausende von Finanzspezialisten so getan, also ob plötzlich im Internet virtuell Geld gedruckt würde und es keine sicherere Anlage gäbe als in irgendeine absolut aberwitzige Firma, die im Prinzip nur aus einer Webseite besteht, und der Gewinn ist garantiert. Das wirft meiner Meinung nach nicht unbedingt in erster Linie ein schlechtes Licht auf die Gier des Kleinanlegers sondern auf die Inkompetenz des Finanzspezialisten.“ Und Finanzspezialisten treiben die Kunden zuweilen in riskante Investitionen. Denn das oberste Ziel ist Gewinnmaximierung – für Banken und Banker. An letzter Stelle steht der Anleger. Um eine Rezession zu verhindern, wird damals enorm viel Geld in den Markt gepumpt. Genau das wird auch heute unter anderem in den USA gemacht, um den Konsum zu steigern. Der Staat spekuliert darauf, dass das funktioniert – im Zweifelsfalle zu Lasten künftiger Generationen. Doch je mehr Staatsgeld fließt, desto größer das Risiko. „Im Moment ist es ja so, dass die industrialisierten Staaten mit Tausenden von Milliarden den ausgeraubten Banken unter die Arme greifen müssen. Aber auch Staaten können Geld selber drucken, aber sie können keine Werte, die dem entgegenstehen, selber herstellen. D. h. es ist durchaus im Rahmen des Möglichen, das wir noch im Verlauf dieses Jahres einige Staatsbankrotte erleben.“ Zeyer ist überzeugt: Die nächste Spekulationsblase wird kommen und platzen. Unser System scheint diesen Kreislauf zu provozieren. Es gibt Komponenten, die stabil bleiben: Die Gewinnsucht des Anlegers und die Skrupellosigkeit und Gerissenheit der Finanzjongleure. Geld kann wie eine Droge wirken. Viele Broker brauchen den Adrenalinkick beim Handel wie Süchtige ihr Rauschgift. Solange sie auf der Siegerstraße sind, erleben sie eine tiefe Befriedigung. Doch ist ihr Job plötzlich weg, leiden sie nicht nur unter der Arbeitslosigkeit. Viele haben regelrecht Entzugserscheinungen. Werner Gross beschäftigt sich seit Jahren mit den psychologischen Strukturen von Spielern – und von Aktienhändlern. Er sagt: Die psychologischen Muster sind oft dieselben. Seit der Finanzkrise suchen deshalb immer mehr Finanzjongleure die Hilfe des Psychologen. Die Geschichten seiner Patienten gleichen sich. Es geht um Geld und es geht ums Gewinnen und Verlieren. Werner Gross: „Die Börse ist ein Spiel mit Hoffnungen und Ängsten und zwar deshalb, weil man ja immer in die Zukunft reagiert. Realität ist immer begrenzt, während Phantasie und Gefühl immer tendenziell unbegrenzt ist. Das sagt man ja auch in der Börsensprache. Wo steckt noch Phantasie drin, und wo ist eben der Dampf raus und wo steht die Angst im Vordergrund. Ich denke, viele Börsianer sind auch ich sag mal Zocker, sind auch Leute die ganz nah an dem normalen Spielsüchtigen sind.“ Es geht um Macht, den Rausch des Erfolges – und um das nagende Gefühl der Bedeutungslosigkeit nach dem Absturz. Laut Gross betreiben etwa zehn Prozent der Broker ihre Arbeit wie Spielsüchtige.Ob an der Börse, in der Politik oder im Casino. Der Mensch scheint in Geldfragen nicht gerade rational zu handeln.

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