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Neue Städte für die Fische: Künstliche Riffe und versunkene Wracks.

Wracks versunkener Schiffe bilden das Aufregendste, was die Unterwasserwelt Tauchern zu bieten hat. Denn die Skelette aus totem Metall sind geheimnisvoll und nicht ungefährlich. Auch Wissenschaftler interessieren sich für die Veränderungen, die hier, fern von menschlichen Eingriffen vor sich gehen.Fast scheint es, als ob die Natur hier dem Menschen etwas zeigen möchte. Dass sie aus eigener Kraft, Schrott in neue Paradiese verwandeln kann. An einigen Wracks kann man eindrucksvoll erleben, wie die Natur verlorenes Terrain wieder zurück erobert. Sie sind voller Leben: mit Korallen bewachsen und von großen Fischschwärmen bewohnt. Wie Inseln in der großen blauen Einsamkeit geben sie vielen Tieren Unterschlupf. Diese Erkenntnis soll auch der französischen Mittelmeerküste helfen, die vor den großen Städten in weiten Strecken biologisch tot ist. Große Metropolen wie Marseille leiteten über Jahrzehnte ihre Abwässer ohne jede Säuberung ins Meer und die Fischer, die dort leben finden in Küstennähe kaum noch lohnenswerten Fang.Deshalb ist hier eines der engagiertesten Umweltprojekte im Mittelmeer entstanden: ein riesiges künstliches Riff in der Bucht vor Marseille. Sandrine Ruiton von der Université de la Mediterranée begleitet das Projekt wissenschaftlich. Große Stahlgerüste sind hier vor der Küste versenkt, um Städte im Meer zu gründen. Von der Oberfläche aus sind sie unsichtbar, um sie zu besuchen braucht man schon eine Taucherausrüstung. Regelmäßig untersucht die Wissenschaftlerin, ob es Fortschritte gibt. Eine Aufgabe, die die geübte Taucherin gerne übernimmt. Die Sichtweite unter Wasser ist hier aufgrund der Strömungen und des sandigen Bodens meist nicht sehr gut. Sandrine muss schon nah herantauchen wenn sie etwas erkennen will. Zwischen den Stahlträgern bieten verschiedenste Aufbauten den Fischen unterschiedlich große Höhlen, in denen sie sich verstecken können. Noch ist der Anblick vergleichsweise unspektakulär. Aber erste Erfolge zeigen sich, das Leben kehrt zurück. Pflanzen und Kleinstlebewesen haben das Gerüst bereits besiedelt, die ersten kleinen Fische, die sich hiervon ernähren sind auch schon da. Sandrine findet ein Fischernetz, das sich verfangen hat. Ein eindeutiger Beweis, dass die Fischer sich nicht um das Fangverbot kümmern. Für Freizeittaucher und Fischer ist dies eine verbotene Zone: Jede Störung soll vermieden werden.Viele Faktoren haben Einfluss, ob das Projekt ein Erfolg wird: Die Strömungsverhältnisse, die Tiefe, die Struktur des Aufbaus. In allen Einzelheiten dokumentiert Sandrine Ruiton die Entwicklung. Der wichtigste Schritt war, Kläranlagen für die Abwässer der Städte zu errichten. Wie viele Jahre es nun dauern wird, oder ob es jemals gelingt, dass das Leben unter Wasser in seiner ganzen Vielfalt zurückkehrt, weiß niemand. Auch an einigen anderen Orten auf dem Grund des Mittelmeeres sind Untersuchungen im Gange, wie der Tier- und Pflanzenwelt geholfen werden kann, sich von Umweltverschmutzung und Überfischung zu erholen. Hier vor der Küste der südfranzösischen Insel Port Cros läuft ein relativ bescheidener Versuch.Für die Wissenschaftler wird dabei zum einen deutlich, dass die Größe eines künstlichen Riffs ebenfalls eine erhebliche Rolle spielt. Zum anderen darf die Zeit nicht unterschätzt werden, die die komplexen Ökosysteme brauchen, um sich wieder aufzubauen. In welchem Maßstab so etwas ablaufen kann, das macht das alte Wrack der Donator deutlich, das seit fast sieben Jahrzehnten in 50 Metern Tiefe vor der Küste der Insel Porquerolles liegt. Seine Ausmaße sind beeindruckend: Fast 80 Meter lang und 12 Meter breit mit offenem Laderaum und vielen noch erhaltenen Details. Die Donator war ein Frachter, der nach dem Ende des 2. Weltkriegs auf eine Mine lief und sank. Sie liegt in einem Kanal zwischen zwei Inseln, die Strömung, die hier herrscht ist die Basis für das rege Leben in und um das Wrack herum. Erst im Scheinwerferlicht offenbaren sich die Farben, die sonst in diesen blauen Tiefen dem menschlichen Auge verborgen bleiben. Überall in diesem toten Schiff ist Leben. Die Bordwände, erinnern an einen blühenden Unterwassergarten. Riesige Gorgonien wachsen überall. Sie filtern ihre Nahrung aus dem Wasser, das die Strömung durch ihren fächerförmigen Aufbau treibt. Schwärme von Fahnenbarschen und Brassen stehen über dem Deck. Die Deckaufbauten sind mittlerweile nur nach als Gerippe vorhanden: gut für die Lebewesen, sie finden hier Schutz und Halt, wie sie ihn sonst nur an Felsen geboten bekommen.So wurde aus der Tragödie eines Schiffsuntergangs die faszinierende Geschichte eines neuen Lebensraumes. Wenn die künstlichen Riffe vor Marseilles oder an anderen Orten der Welt jemals einen solchen Anblick bieten, dann wäre das ein unglaublicher Erfolg. Die nächsten Jahrzehnte werden es entscheiden.

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