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Keime im Abwasser

Sommer 2006. Ein Passagier aus Sierra Leone wird direkt vom Frankfurter Flughafen zum Klinikum Münster transportiert. Sein Gesundheitszustand: Besorgniserregend, die Diagnose zunächst unklar. Zur Sicherheit isolieren die Ärzte den Patienten. Gleichzeitig erhöhen sie Hygiene- und Schutzmaßnahmen, denn im schlimmsten Fall dürfen die hoch ansteckenden Keime den Raum nicht verlassen. Weder über die Luft noch über die Kanalisation. Dann wird klar: Der Patient hat Lassa-Fieber. Das Krankenzimmer wird zum Hochsicherheitstrakt. Die Körperausscheidungen zum Sondermüll. Prof. Werner Mathys, Uniklinikum Münster "Solche Sichrheitsmaßnahme gelten eigentlich nur im Extremfall. Dann wenn sehr schwere Infektionskrankheiten auftreten, die hin bis zum Tode führen, dann isolieren wir den Patienten auf speziellen Stationen und sorgen dafür, dass seine Aussscheidungen auch die Station nicht verlassen können. Bei Patienten auf anderen Stationen, gelangen deren Ausscheidungen ins Abwasser hinein ohne dass spezielle Vorkehrungen getroffen werden. " Klinikabwasser wird also nicht speziell gereinigt, eine Handhabung, die Dr. Wolfgang Kohnen skeptisch macht, schließlich ist die Konzentration von Medikamentenrückständen und Krankheitserregern hier besonders hoch. Er spürt deswegen gezielt den Verbreitungswegen gefährlicher Keime nach. Eine Probe aus dem Abwasser des Krankenhauses soll ihm Gewissheit bringen. Im Labor lässt er das Wasser auf Keime untersuchen, die gegen viele Antibiotika resistent geworden sind. In der Fachsprache - Multiresistente Keime. Kohnen befürchtet, dass deren Konzentration in der Nähe von Krankenhäusern besonders ansteigt. Und tatsächlich: Dr. Wolfgang Kohnen Uniklinik Mainz "Wieder alles drin. Endrokoken, Pseudomonaken, alles was wir uns wünschen. " "Multiresistente Keime haben gelernt, sich gegen Antibiotika zu wehren, so dass wir nur noch wenige Mittel zur Verfügung haben, was natürlich den Arzt in der Behandlung sehr einschränkt." Und schlimmer noch. Derart widerstandsfähige Keime vermehren sich weltweit. Im Krankenhaus verhindern Hygienemaßnahmen eine Übertragung von Mensch zu Mensch. Doch was passiert im Abwasser? Über die Kanalisation und Kläranlagen gelangt das Abwasser wieder in unsere Flüsse und Seen. Können die gefährlichen Erreger dort überleben? Wenn Kohnen hier resistente Keime findet, heißt das, dass sie sich im Wasser ungehindert verbreiten können. Im Labor legt eine Mitarbeiterin Kulturen der Probe an. Die Mikroorganismen sollen wachsen. Dann zeigt sich - es entwickeln sich zahlreiche multiresistente Krankheitserreger. Das bestätigt: Für die gefährlichen Keime stellt die Kläranlage kein Hindernis da. Überstehen sie vielleicht sogar die Wiederaufbereitung zum Trinkwasser? Dr. Wolfgang Kohnen, Uniklinik Mainz "In Zusammenarbeit mit dem Forschungszentrum Karlsruhe wurden Resistenz-Gene im Trinkwasser nachgewiesen, aber nicht die dazugehörigen Krankheitserreger. Das heißt zur Zeit ist noch keine akute Gefahr, es zeigt aber was und in Zukunft erwarten wird. " Die Forscher müssen sich beeilen, sonst wird unser Trinkwasser zum Transportmittel für Krankheitserreger, gegen die kein Mittel mehr hilft.

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