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Das Geheimnis der Sprache

Ein afrikanischer Markt in einer deutschen Stadt. Was es hier zu entdecken gibt, wird für viele neu sein, unbekannt, exotisch, fremd. Ein Austausch darüber, welche Bedeutung die Dinge haben, findet sprachlich statt. Doch wie ist die Verständigung trotz deutlicher Unterschiede in den soziokulturellen Hintergründen der miteinander Sprechenden überhaupt möglich? Erst die gemeinsame Verwendung eines Wortes schärft den Begriff und das Verständnis. Austausch durch Worte und Sprache macht den Menschen einzigartig. Schimpansen beispielsweise haben eine Vorstellung von sich selbst. Können diese aber nicht in Worte fassen. Obwohl auch sie das Gen FOX P2 in sich tragen, das den Menschen zum Sprechen verhilft. Es ist nicht nur ihr zu hoch sitzender Kehlkopf, es ist der Aufbau ihres Gehirns, der unsere nächsten Verwandten sprachlos sein lässt. Das Geheimnis der menschlichen Sprache ist die Grammatik, die es möglicht macht, mit einer begrenzten Zahl von Worten eine unbegrenzte Zahl von Sachverhalten auszudrücken. Bereits im 19. Jahrhundert entdeckte man an Gehirnen von Patienten, die zu Lebzeiten unter Sprachstörungen litten, zwei Areale, die bei der Sprachverarbeitung eine zentrale Rolle spielen. Beide lagen in der linken Hirnhälfte, das Broca-Areal und das Wernicke-Areal. Am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften versucht man den Geheimnissen der Sprachverarbeitung auf die Spur zu kommen. Das geht eigentlich erst seit rund 20 Jahren mit bildgebenden Verfahren. So war es möglich, das Gehirn bei der Arbeit zu beobachten. Die ursprüngliche Annahme, dass Sprache nur in der linken Hirnhälfte verarbeitet wird, konnte widerlegt werden. Sonja A. Kotz, MPI Kognitions- u. Neurowissenschaften„: "Bei der Sprachverarbeitung kommunizieren sowohl die linke als auch die rechte Gehirnhälfte der Natur, dass die Klangfarbe der Sprache durch rechts gefördert wird, während die eher analytischen Aspekte der Sprache links verarbeitet werden. Die Kommunikation dieser Gehirnhälften kommt primär über die Kommissur zustande, die die beiden Gehirnhälften verbindet“." Sprache ist eine Hochleistung, an der das gesamte Gehirn mit parallelen Netzwerken arbeitet. Wird ein gesprochener Satz gehört, zum Beispiel: 'Der Mann sagt, die Frau kann nicht Auto fahren', wird die Akustik im primären auditorischen Kortex erfasst. Innerhalb von weniger als 200 Millisekunden werden dann Aspekte der Sprachmelodie in der rechten Hirnhemisphäre verarbeitet, denn es könnte ja auch das Gegenteil gemeint sein: 'Der Mann, sagt die Frau, kann nicht Auto fahren'. Parallel dazu wird die Syntax, also die Grammatik des Satzes, in der linken Hirnhälfte im Broca-Areal analysiert. Dann aber wird es wesentlich komplizierter. Der Sinn der Worte muss erfasst werden. Die Semantik der Worte setzt sich aus vielen Bedeutungsebenen, Erinnerungen und Emotionen zusammen. Wird es je möglich sein, darin ein Muster zu entdecken, das uns erklärt, wie Sprache entsteht? Man hatte lange Zeit angenommen, im Wernicke-Areal würde die semantische Bedeutung der Sprache entschlüsselt. Sonja A. Kotz MPI Kognitions- u. Neurowissenschaften: "„Das Wernicke-Areal wird klassischerweise mit dem Sprachverstehen in Verbindung gebracht. In der Zwischenzeit gibt es dazu differenziertere Meinungen, dass es sich generell vielleicht um ein Integrationsareal handelt, das mehrere Information zusammenführen kann, also sei das die Grammatik der Sprache, sei es die Bedeutung der Sprache. Aber auch ob ich etwas gelesen habe oder ob ich etwas gehört habe. Also unterschiedliche Modalitäten."“ Bislang konnten nur wenige Details der Sprachverarbeitung entdeckt werden. So reagiert das Broca-Areal mit einer gesteigerten Aktivität, wenn ein grammatikalischer Fehler auftaucht. Die Reaktion geschieht so schnell, dass es scheint als würde das Gehirn eine Erwartungshaltung haben. Das geschieht im Übrigen auch, wenn die Testpersonen aufgefordert wird, nicht auf die Grammatik zu achten. Burkhard Maess, MPI Kognitions- u. Neurowissenschaften: "„Ich denke, dass es sicherlich richtig ist, dass das Gehirn eine Erwartungshaltung entwickelt, während der Satz präsentiert wird. Es ist sogar, wir gehen davon aus, dass also für die einfachen Satztypen im Prinzip eine Heuristik vorhanden ist, um die Verarbeitung des Satzes zu beschleunigen.“" Heißt das, dass es so etwas wie eine angeborene Universalgrammatik im Gehirn gibt? Darüber wird noch heftig gestritten. Bei Experimenten italienischer Forscher wurde neugeborenen Kindern Sprache von einem Tonband vorgespielt. Daraufhin stieg die Durchblutung ihrer linken Hirnareale. Spielte man das Tonband rückwärts, passierte nichts. Bei Erwachsenen kam es zum gleichen Effekt, wenn sie eine unbekannte Sprache hörten. Das Gehirn scheint Sprache automatisch zu erkennen, während die rückwärts gespielten Sätze nur als Umweltgeräusche wahrgenommen wurden. Sonja A. Kotz, MPI Kognitions- u. Neurowissenschaften„: "Ich gehe schon davon aus, dass die Sprache in der Zwischenzeit ein hoch habituiertes System ist. Das heißt, dass auch bereits Babys sehr früh erkennen können, was Sprache bedeutet oder was Sprache ist im Vergleich zu etwas, was ein rauschendes Signal wäre. Ob das dafür spricht, dass Sprache angeboren ist, das bleibt noch eine offene Frage."“ Das menschliche Gehirn also immer noch so eine Art „Blackbox? Es scheint, als falle es leichter, die Strukturen des Kosmos zu entschlüsseln, als die Sprache in unserem Kopf.

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