wissen.de
Total votes: 75
VIDEO

Brüchige Berge

Marcia Phillips ist eine der erfahrensten Geografinnen der Welt. Sie arbeitet für das Schweizer Institut für Schnee und Lawinenforschung. Der Helikopter fliegt sie auf den Schafberg oberhalb von Pontresina im Engadin. Seit über 10 Jahren untersucht sie die Hochalpen. Immer wieder kommt es hier zu Felsbrüchen. Den Bergen fehlt der Halt - das Eis. Es sind nicht nur die Gletscher, die schmelzen, auch von innen tauen die Berge auf. Der Permafrost in den Hochalpen, das Dauereis, das das Gestein zusammen schweißt, ist vom Klimawandel betroffen.Die Wärme wandert langsam in die Tiefe des Gesteins, taut dort das Eis und lässt die Felsen brüchig werden. Um die Gefahren, die dies birgt, abschätzen zu können, müssen Modelle entwickelt werden. Aber zuvor muss man wissen, wo exakt der Permafrost überall vorkommt. Und das ist nicht einfach, weil man ihn, im Gegensatz zu den Gletschern, nicht sieht. Man kann ihn nur messen, wenn man den Fels anbohrt und Temperaturfühler installiert.Die Bohrlöcher, in denen die Thermometer hängen, sind bis zu 65 Meter tief in das Gestein gefräst. Die Thermometer messen stündlich die Temperatur und speichern diese Daten elektronisch in einen Datenlogger. Er arbeitet wie ein Mini-Computer. Am Ende des Tages errechnet der Logger den Mittelwert und speichert ihn. Dieser Logger wird ein bis zwei Mal im Jahr per Hand abgelesen. Marcia Phillips Arbeit ist Teil eines europäischen Forschungsprogramms, das den Permafrost von der Sierra Nevada über die Alpen, von Skandinavien bis Spitzbergen, untersucht. Die bisherigen Ergebnisse sind beunruhigend: Marcia Phillips, Geografin: "Wir merken, dass es in 20 Meter Tiefe eine Erwärmung um etwa 0,5 Grad gab und das ist relativ viel.".Am Gegenhang. Eine Fotokamera beobachtet eine Lawinenverbauung. Ein Testnetz. Wenn der Dauerfrost die Berghänge nicht mehr zusammenhält, entstehen Kriechbewegungen im Gestein. Eine Gefahr nicht nur für solche Steinschlag- Schutzverbauungen. Verändert sich der Permafrost, bewegt sich der Untergrund und was auf ihm steht, wird irgendwann instabil. Bis sechs Meter tief sind diese Testnetze im Boden verankert. Messgeräte an den Trägern registrieren Wärmefluss, Hangbewegung, Wasserfluss. Sicheres Bauen im tauenden Permafrost, die Wissenschaftler wollen dafür neue Richtlinien entwickeln. Marcia Phillips, Geografin: "Bei diesen Lawinen-Verbauungen haben wir gemessen, dass sie sich zwischen 5 und 20 Zentimeter pro Jahr bergab bewegen, das sind sehr starke Bewegungen und wir sind jetzt sehr gespannt zu sehen, wie lang die eigentlich halten werden." Die Region reagiert auf die Forschungsergebnisse: Unterhalb des Schafberges steht seit 2003 ein Damm aus Beton. Er schützt den Ort Pontresina gegen den Berg, denn von oberhalb drohen Tausende Kubikmeter Gestein bei tauendem Permafrost in den Ort zu donnern. Marcia Phillips, Geografin: "Es ist unmöglich, uns perfekt zu schützen, also das gibt's einfach nicht und ich glaube jedes Land und jede Region hat ihre eigene Naturgefahren und man weiß, dass der perfekte Schutz nicht existiert." Felsstürze wie am Eiger oder am Gotthard können natürlich immer wieder passieren, aber vielleicht können wir uns in Zukunft dank Forschung und Technik besser darauf vorbereiten.

Total votes: 75