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Verpackungen: Warum eine Papiertüte schlechter sein kann als ein Plastikbeutel

Im Supermarkt stehen wir oft vor der Frage, welche Lebensmittelverpackung denn nun besser für Umwelt und Klima ist: Ist ein Pappkarton besser als Plastikfolie? Eine Konserve im Glas besser als in der Dose? Die Antwort darauf ist weniger eindeutig als wir glauben – und die Tücke liegt dabei im Detail, wie nun ein Test der Umweltschutzorganisation NABU enthüllt. Denn es gibt Fälle, in denen sogar Plastik besser sein kann als Papier.

Symbolbild Verpackungsmüll
Verpackungen sind bei manchen Lebensmitteln unverzichtbar. Dabei hat jedes Verpackungsmaterial ökologische Vor- wie auch Nachteile.

Verpackungen sind bei manchen Lebensmitteln unverzichtbar – wer will schon Senf, Joghurt oder eingemachtes Gemüse lose kaufen. Gleichzeitig erstickt die Welt im Verpackungsmüll und viele Produkte werden völlig unnötig in Plastik gehüllt. Um unnötige Belastungen von Umwelt und Klima zu vermeiden, ist es daher wichtig, beim Einkauf zumindest die Verpackung auszuwählen, deren ökologischer Fußabdruck am kleinsten ist.

Verpackungen im Ökovergleich

Aber welche ist das? Bei vielen Lebensmitteln haben wir die Wahl zwischen unterschiedlichen Verpackungsformen: Senf wird beispielsweise in der Alutube, im Glas oder in Plastikflaschen verkauft. Ist hierbei das Glas automatisch die beste Wahl? Genau diese Frage hat der Naturschutzbund Deutschland gemeinsam mit Forscher des ifeu-Instituts für Energie- und Umweltforschung untersucht. Sie nahmen dabei neun Lebensmittel näher ins Visier, für die es verschiedenen Verpackungsalternativen gibt. Dazu gehörten Tomatensoße, Senf und Mayonnaise, Gemüsekonserven, Nudeln, Schokolade, Joghurt, Müsli sowie Obst und Gemüse.

Für die Analyse führten die Wissenschaftler ein sogenanntes Ökobilanz-Screening durch. Dabei ermittelten sie exemplarisch anhand von Durchschnittswerten, welche Umweltfußabdruck die einzelnen Verpackungen hinsichtlich Material, Gewicht, Herstellungsort, Transportentfernungen sowie Entsorgung und Recycling erzeugen. Im Fokus standen dabei die Auswirkungen in drei Problemfeldern: die Klimabelastung durch Treibhausgas-Ausstoß, der Verbrauch nicht erneuerbarer Ressource und Schadstoffbelastung von Luft und Wasser.

Symbolbild Papier- versus Plastiktüte
Papier versus Plastik: Eine Papiertüte ist keineswegs immer die ökologisch günstigere Variante.

Papier versus Plastik

Das überraschende Ergebnis: Längst nicht immer ist die vermeintlich "grünste" Verpackung auch wirklich die beste für Klima und Umwelt. Wie die Analysen enthüllten, kann beispielsweise eine Plastikfolie manchmal sogar besser sein als Papier oder Pappe. Denn Papier und Pappe werden zwar aus nachwachsendem Holz produziert, bei ihrer Herstellung werden aber viele Chemikalien eingesetzt, die das Abwasser stark belasten. Zudem sorgt der Energieaufwand für CO2-Emissionen.

Ob eine Papier- oder Pappverpackung daher umweltfreundlicher ist als Plastik hängt unter anderem davon ab, wie viel von dem Material dafür verbraucht wird: Je dicker die Papierverpackung im Vergleich zur Plastikkonkurrenz, desto ungünstiger fällt der Vergleich aus. So ist beispielsweise eine Einweg-Papiertüte an der Obsttheke sogar schlechter in der Öko-Bilanz als ein Einweg-Plastikbeutel - wegen des achtmal höheren Gewichts der Papiertüte. Anders sieht es aus, wenn der Gewichtsunterschied weniger groß ist: Bei Nudeln und Müsli hat die Papiertüte nur ein rund dreimal höheres Gewicht als der Kunststoffbeutel - die Belastung des Klimas ist bei ihr daher trotzdem noch geringer als beim leichteren Kunststoffbeutel.

Und noch etwas kommt hinzu: "Es gibt zudem viele Verpackungen, die optisch wie eine reine Papierverpackung aussehen, innen aber eine verklebte Kunststoff- oder Alufolie haben. Diese wird eingesetzt, damit Papier überhaupt nassfest oder fettabweisend ist, die Lebensmittel vor Sauerstoff geschützt sind oder keine Druckfarben in die Lebensmittel übergehen", erklärt betont NABU-Umweltexpertin Katharina Istel. Solche Papierverpackungen lassen sich kaum recyceln, auch wenn sie auf den ersten Blick umweltfreundlich aussehen.

Glas versus Plastik oder Alu

Eher problematisch sind auch die auf den ersten Blick "gute" Gläser für Saucen, eingemachtes Gemüse oder Senf und Mayonnaise. Denn bei der Herstellung dieser Verpackungen wird viel Energie verbraucht und wegen ihres hohen Gewichts und den damit verbundenen CO₂- und Schadstoffemissionen bei Herstellung und Transport sieht ihre Ökobilanz meist eher mau aus. Daran ändern laut NABU auch hohe Recyclingquoten nichts, mit denen diese Verpackungsmaterialien häufig beworben werden.

Allerdings kann man selbst nachhelfen: "Ein Einweg-Senfglas wird umweltfreundlicher, wenn man es später als Trinkglas weiternutzt", sagt Istel. "Nach zehn Nutzungen ist es ökologischer als die anderen untersuchten Senfverpackungen. Das macht aber natürlich nur Sinn, wenn man auch neue Trinkgläser braucht."

Gerade bei Senf und anderen Saucen zeigt sich zudem, dass es darauf ankommt, welche Alternativen zur Verfügung stehen. Tritt das Glas gegen eine Kunststoffflasche aus PET an, hat es sogar die Nase vorn. Zwar sind beide in Bezug auf den CO2-Ausstoß ähnlich ungünstig, die PET-Flasche hat jedoch noch weit schlechtere Werte beim Ressourcenverbrauch und den Schadstoffemissionen, wie die Analysen ergaben. Ist die Plastikverpackung dagegen aus gut recyclingfähigem Polyethylen (PE) oder Polypropylen (PP), hat das Plastik wieder die Nase vorn. Denn PET aus der Gelben Tonne wird fast nie recycelt, was sich negativ auf die Ökobilanz auswirkt.

Qual der Wahl

Tatsächlich unterstreicht die Untersuchung, dass wir Verbraucher oft die Qual der Wahl haben und dass die Entscheidung ziemlich kompliziert werden kann. Denn jedes Verpackungsmaterial hat ökologische Vor- wie auch Nachteile, kann bei einem Beispiel sehr gut abschneiden und beim nächsten sehr schlecht. Es kommt immer auf die Konkurrenz an.

"Wichtig dabei: Auch Verpackungen, die in unserer Untersuchung am besten abgeschnitten haben, sind nicht durchweg gut für die Umwelt. Sie sind nur ökologisch weniger nachteilig als die verglichenen Alternativen", betont Istel. "Anders als es oft dargestellt wird, ist auch eine Papierverpackung, die aus einem nachwachsenden Rohstoff besteht und kompostierbar ist, ein Problem für Umwelt und Natur und sollte möglichst reduziert oder gar nicht erst verwendet werden."

Auf der Website des NABU können sich Verbraucherinnen und Verbraucher mit einer interaktiven Infografik vor dem Einkauf informieren, um die umweltfreundlichere Verpackung zu wählen.

NPO / NABU, 19.11.2021
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