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Unterwegs - eine Geschichte

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Unterwegs II

Ich war jung damals und es war trotzdem so anstrengend. Nun sind es nur 15 Meter, nur lächerliche 15 Meter. Er sitzt nun auf dem Rand des Bettes. Er hat einen blaugrauen Schlafanzug an. Er schaut auf seine nackten Füße. Er bewegt sie langsam im Kreis. Sie gehorchen mir doch. In Gedanken geht er den Weg zum Klo durch. Erst bis zum Tisch, dort kann ich eine kleine Pause machen, das wären dann so 4 Meter. Dann bis zur Tür, dann hätte ich es fast schon geschafft, noch mal vier Meter. Draußen ist die Toilette die zweite Tür links, im Flur kann ich mich an der Wand abstützen. Ganz einfach also. Damals ist er auch einfach losgelaufen und unterwegs hat er dann gemerkt, dass er doch vieles vergessen hatte. Er hätte noch Sonnencreme mitnehmen müssen, denn die Sonne verbrannte ihm sein Arme und seine Nase. Da er am Straßenrand laufen musste, wurde er von allen möglichen Insekten attackiert, die durch seinen Schweiß angelockt wurden, und dreimal wurde er von einem blinden Kuckuck gestochen. Einen von ihnen hat er aber erwischt. Der hatte nichts mehr von seinem Blut.

Den Weg kannte er damals gut, es ging auch fast nur geradeaus. Doch hätte er gewusst, wie schwierig es werden würde, er wäre wohl nie losgelaufen. Nach zwei Stunden war er erst aus der Stadt und hatte bereits eine Blase an der linken Hacke. Den Fußhebel an der rechten Seite des Rollers hatte er nicht abgeschraubt, wofür er sich später in den Hintern treten konnte. Denn der störte, wenn man von der rechten Seite schieben wollte und rammte sich immer mal wieder schmerzhaft in die linke Wade. So schob er nur von links, was sein Arme ungleichmäßig belastete und auf Dauer zu starken Schmerzen in der Schulter führte. Diesmal sind es aber nur 15 Meter! 15 Meter! Die werde ich wohl ohne Hilfe bewältigen.

Wann er das letzte Mal ohne Hilfe gelaufen ist, wusste er nicht mehr. Ein paar Jahre schob er eine Gehhilfe vor sich her. Nachdem er einmal stürzte, konnte er die Griffe nicht mehr sicher halten. Seitdem wurde er nur noch im Rollstuhl geschoben. Mal draußen durch den Park, der zum Heim gehörte, ganz selten in Richtung der Stadt. Er rutschte langsam vom Bett Richtung Boden. Es gab einen kurzen Augenblick des Fallens, der aber nicht mehr zu verhindern war. Seine Hände krallten sich ins Bettlaken. Die nackten Füße standen sicher auf dem kalten glatten Boden. Seine Finger lösten sich leicht. Das klappt doch hervorragend, sagte Herr Busiak sich, wer hätte das gedacht. Er schaute sich um. Hinter ihm lag immer noch sein Zimmergenosse regungslos. Er dreht sich langsam nach links. Nun musste er die Füße bewegen. Er strengte sich an und rief ihnen innerlich zu: Los jetzt! Linker Fuß vor! Linker Fuß vor! Linker Fuß, ja du bist gemeint, jetzt vorwärts! Der linke Fuß zitterte leicht, bewegte sich aber nicht. Nach 30 Kilometern Fußmarsch hatte er auch angefangen, seine Füße anzusprechen. Links, jetzt, komm, noch einen Schritt. Die Blase war nicht zu spüren. Der Schmerz war im Vergleich zu den Schmerzen, die ihm hinten durch beide Beine liefen, so vernachlässigbar gewesen. Am liebsten wäre er in den Zug gestiegen und nach Hause gefahren. Aber er wusste, dann würde er in den kommenden Tagen nicht wieder kommen und den Rest gehen und der Roller war ihm zu wertvoll, als ihn einfach irgendwo abzustellen. Nein, es musste heute zu Ende gebracht werden. Nun spürte er Schmerzen, als sich seine Beine wieder mit Blut füllten, aber er freute sich, seine Beine zu spüren. Besser ein paar Schmerzen, als gar nichts spüren. Linker Fuß vor!

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von Björn Glebocki
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