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Trauern Tiere um ihre Toten?

mmer wieder wird erzählt, dass Tiere um ihre verstorbenen Artgenossen trauern. Aber stimmt das auch? Können Tiere überhaupt so etwas wie Trauer empfinden? Zumindest Elefanten und Affen scheinen tatsächlich in besonderer Weise auf den Tod zu reagieren, wie Beobachtungen von Biologen belegen. Doch welche Gefühle stecken dahinter?

Elefantengruppe
Elefanten sind gesellige Tiere mit Familiensinn.

Wenn ein geliebter Mensch stirbt, trauern wir. Oft helfen uns tröstende Rituale wie eine Beerdigung dann dabei, mit dem Verlust klarzukommen. Aber wie ist es mit Tieren? Begreifen sie, was der Tod ist? Erkennen sie überhaupt, dass ein Artgenosse gestorben ist? Lange galten wir Menschen als das einzige Lebewesen, dass eine Vorstellung vom Tod besitzt. Doch inzwischen gibt es immer mehr Hinweise darauf, dass auch einige Tiere auf besondere Weise auf den Tod von Artgenossen reagieren.

Elefanten vergessen nicht – auch nicht ihre Toten

Ein Beispiel für Tiere, die um ihre Artgenossen zu trauern scheinen, sind Elefanten. Sie wurden schon häufiger dabei beobachtet, dass sie sich in Gegenwart von Elefantenkadavern auffällig verhalten. "Zu den am häufigsten beobachteten Verhaltensweisen der Elefanten gehörte das Berühren der toten Artgenossen, eine wiederholte Annäherung an die Kadaver und eine eingehende Untersuchung der Überreste", berichtet Shifra Goldenberg vom Smithsonian Conservation Biology Institute. "Die Elefanten zeigen dieses Interesse an den Toten unabhängig davon, wie eng ihre Beziehung zu Lebzeiten mit dem Artgenossen war."

Einige Elefanten versuchen auch, frisch verstorbene Artgenossen hochzuheben oder zu sich heranzuziehen. Häufig scheinen die Tiere zudem ihren gut ausgebildeten Geruchssinn zu nutzen, um an den Überresten zu riechen – möglicherweise um die Identität des Toten zu ermitteln.

Zwei ausgewachsene Elefanten neben einem toten Kalb
Von Elefanten wurde schon häufiger berichtet, dass sie von ihren Toten Abschied nehmen und deren Überreste immer wieder besuchen.

Ist das Trauer?

Doch was geht dabei in den Elefanten vor? Verspüren sie so etwas wie Trauer? "Die Motivationen, die diesen Verhaltensweisen unterliegen, sind schwer zu erfassen und scheinen je nach Umständen und Tier zu variieren", sagt Goldenberg. Es gebe aber durchaus Hinweise darauf, dass die Konfrontation mit den verstorbenen Artgenossen bei den Tieren erhöhte Emotionen auslöse. Das intensive Beschnüffeln und Abtasten toter Artgenossen könnte ein Ausdruck der engen und komplexen sozialen Beziehungen der Elefanten untereinander sein.

Von den Dickhäutern ist bekannt, dass sie enge Bindungen zu Artgenossen eingehen, die über Jahrzehnte bestehen bleiben. Beobachtungen zeigen zudem, dass sich Elefanten selbst nach langer Trennung wiedererkennen. Bei solchen Wiedersehen fällt auf, dass die Dickhäuter sich längere Zeit intensiv beschnüffeln und immer wieder mit den Rüsseln berühren – so als wollten sie die Merkmale dieses Artgenossen noch einmal mit ihren Erinnerungen abgleichen. 

Nach Ansicht von Biologen  könnte ein ähnlicher Prozess auch bei toten Artgenossen stattfinden. "Dieses Verhalten könnte es ihnen ermöglichen, ihre Informationen zum sozialen Kontext in dieser hochgradig wandelbaren Gemeinschaft zu aktualisieren", sagen die Forscher. Die Elefanten nutzen demnach den engen Kontakt mit ihren Toten möglicherweise auch dazu, sie als verstorben in ihr Gedächtnis aufzunehmen.

Affenmütter und ihre toten Kinder

Auch Affen und Menschenaffen verhalten sich ihren toten Artgenossen gegenüber nicht gleichgültig. Gorillas beispielsweise bleiben oft dicht bei verstorbenen Artgenossen sitzen, berühren sie und "groomen" ihr Fell. Schimpansen wurden dabei beobachtet, wie sie die leblosen Körper von Gruppenmitgliedern mit Blättern und Zweigen bedecken. Und Pavianmütter tragen ihre toten Jungen manchmal noch tagelang mit sich herum – fast als wollten sie nicht wahrhaben, dass ihr Kind tot ist.

Erkennen diese Affenmütter möglicherweise tatsächlich nicht, dass dieses Affenjunge tot ist? Die Biologin Alecia Carter von der Universität Montpellier hat dies gemeinsam mit Kollegen näher untersucht. Sie beobachteten, dass die Pavianmütter ihre toten Jungen deutlich anders behandelten als den lebenden Nachwuchs. Beispielsweise zogen sie diese an einem Arm oder Bein hinter sich her. „Ein solches Verhalten haben wir bei unseren Bärenpavianen gegenüber lebenden Jungtieren nie beobachtet“, so Carter und ihre Kollegen.

Ihrer Ansicht nach wissen die Pavianmütter daher sehr wohl, dass ihr Junges gestorben ist. Aber sie zeigen hier ein zutiefst menschliches Gefühl: Sie können sich nicht von ihrem toten Kind trennen. Die Mutter-Kind-Bindung ist bei diesen Affen so stark, dass sie selbst über den Tod hinaus anhält, wie die Biologen erklären. „Einmal gebildet, ist dieses Band nur schwer zu trennen“, sagt Carter.

Ob die Pavianmütter aber beim Tod ihres Kindes so etwas wie unser menschliches Gefühl der Trauer empfinden, kann auch die Biologin nicht sagen. Denn dieses Gefühl lässt sich allein aufgrund des Verhaltens nicht erfassen oder nachweisen - das ist auch bei uns Menschen nicht anders. Insofern bleibt es bisher offen, ob Tiere wirklich um ihre Toten trauern. Klar scheint aber, das der Tod eines Artgenossen auch sie nicht völlig kalt lässt.

NPO, 02.07.2020
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