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Tempelbezirk von Khajuraho

Von der sexuellen Ekstase zur spirituellen Erleuchtung

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Tempelbezirk von Khajuraho

Blick vom Kandariya-Tempel auf Jagdambi und Chitragupta-Tempel, im Hintergrund rechts der Vishnavath-Tempel (alle Tempel aus dem 11. Jh.).

Die Darstellung erotischer Szenen im Hinduismus ist durchaus nichts Unübliches, doch nirgendwo geschieht dies mit derselben Exzessivität wie in Khajuraho. Dabei steht die tabulose Offenheit im krassen Widerspruch zum prüden Indien von heute. So werden von den sittenstrengen Indern auch die haarsträubendsten Erklärungen abgegeben, um die "zügellosen Ausschweifungen" in einem anderen Licht erscheinen zu lassen. Ungewollt komisch wirkt dabei die allerdings sehr ernst gemeinte These, die erotischen Skulpturen sollten das Gotteshaus vor Blitzeinschlag schützen. Die mit erhobenem Zeigefinger vorgetragene Ermahnung, die Liebespaare sollten den Besucher vor Betreten des Tempelinneren plastisch vor Augen führen, dass man allen fleischlichen Gelüsten zu entsagen habe, um zum eigentlichen Sinn des Lebens, dem Göttlichen, vorzudringen, zeugt hingegen von jener körperfeindlichen Sexualmoral, die das Resultat einer unglücklichen Verbindung von orthodoxem Hinduismus und dem durch die Engländer hinterlassenen puritanischen Viktorianismus ist.

Dabei ist die Darstellung von Liebespaaren ein bedeutender Aspekt der im Hinduismus tief verwurzelten vorarischen Fruchtbarkeitskulte. In der sexuellen Ekstase wird das Göttliche und damit das eigentliche Ziel eines jeden Lebewesens erfahren. So sind die Gesichter der Liebenden auch nicht von Lüsternheit, Erregung und Anspannung, sondern von einer fast schon weltentrückten Gelassenheit gekennzeichnet. Die Vereinigung ist hier kein in erster Linie körperlicher Akt, sondern eine spirituelle und damit religiöse Form der Gotteserfahrung. Von der im schmucklosen Inneren des Tempelturmes ruhenden Götterstatue geht die Kraft aus, die sich an den Außenwänden des Tempels zum "Tanz des Lebens" steigert.

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von Thomas Barkemeier
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