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Rembrandt – der Meister von Licht und Schatten

Rembrandt Harmenszoon van Rijn (1606-1669) war der vielleicht Größte des an großen Künstlern nicht gerade armen Goldenen Zeitalters der Niederlande. Er schuf mit der Nachtwache das berühmteste Gemälde des Landes und so viele Selbstbildnisse wie kaum ein anderer Maler. Mal lachend und grinsend, mal überrascht, nachdenklich oder resignierend hat er sich immer wieder selbst studiert und dargestellt. Vor 350 Jahren, am 4. Oktober 1669, starb Rembrandt.

Selbstbildnis, Rembrandt-Radierung von 1630
Der Mann, der den Betrachter entgeistert anschaut, ist der junge Rembrandt, Schöpfer der kaum daumengroßen Radierung, die 1630 während seiner Leidener Zeit entstand.
Rembrandt wird 1606 in Leiden als Sohn eines wohlhabenden Müllers geboren und wächst zusammen mit acht Geschwistern wohlbehütet auf. Nach dem Besuch der Lateinschule schreibt er sich 1620 an der Universität seiner Heimatstadt ein. Doch bereits im ersten Semester bricht er das Philosophiestudium ab und geht stattdessen beim "Höllenmaler" Jacob van Swanenburg in die Lehre. Mit 18 Jahren zieht er nach Amsterdam und setzt dort seine Ausbildung bei Pieter Lastman fort. Zurück aus Amsterdam eröffnet er zusammen mit seinem Malerfreund Jan Lievens ein Atelier und nimmt erste Schüler an.

Gesellschaftlicher Aufstieg

Mit 25 wagt Rembrandt den Sprung zurück ins boomende Amsterdam und kauft sich beim Kunsthändler Hendrik Uylenburgh ein. Die Grachtenstadt ist im 17.Jahrhundert die Handels- und Finanzmetropole Europas und ihre reichen Bürger lassen sich die Repräsentation einiges kosten. Uylenburgh kennt den Markt und besorgt die Aufträge. Über ihn lernt der Maler auch seine zukünftige Frau kennen. Saskia van Uylenburg ist die Tochter eines Bürgermeisters der friesischen Hauptstadt Leeuwarden – und die Nichte des Amsterdamer Kunsthändlers. Es spricht alles dafür, dass es eine Liebesheirat gewesen ist, denn aus Sicht der Patriziertochter Saskia macht die Ehe mit dem Müllersohn eigentlich keinen Sinn.

Saskia als Flora, Rembrandt (1634)
Rembrandts Porträt von Saskia als Flora entstand 1634, dem Jahr ihrer Hochzeit.
Kurzes Glück

Saskia wird Rembrandts Muse. Immer wieder malt und zeichnet er sie – mal als antike Göttin, mal biblische Frauengestalt. Auch der wirtschaftliche Erfolg lässt nicht auf sich warten und das Paar bezieht ein repräsentatives Stadthaus an der Breestraat. Kaufleute, Regenten, Geistliche erteilen dem jungen Maler lukrative Aufträge. Die Produktion läuft auf Hochtouren, auch dank der vielen Schüler. Doch das Glück währt nur kurz. Nur das jüngste von vier Kindern aus der Ehe mit Saskia überlebt: der 1642 geborene Sohn Titus. Nur wenige Monate nach der Geburt stirbt Saskia vermutlich an Tuberkulose im Alter von 29 Jahren.

Der junge Witwer

Nach Saskias plötzlichem Tod geht es bergab. Zwar kümmert sich die Haushälterin Geertje Dircx um Titus und um den verwitweten Vater, aber es stellt sich rasch heraus, dass der begnadete Künstler von Finanzen keine Ahnung hat. In den acht Jahren ihrer Ehe war Saskia wohl nicht nur Muse, sondern auch Managerin. Einmal malt Rembrandt sie sogar mit dem Kassenbuch in der Hand. Obwohl Rembrandt weiterhin zu den erfolgreichsten Künstlern Amsterdams zählt, häuft er Schulden an.

Hendrickje Stoffels als Flora, Rembrandt (um 1654)
Wie Saskia wurde auch Hendrickje immer wieder von Rembrandt dargestellt. Er malte sie als Batseba, Juno, Lucretia oder wie auf diesem Werk von 1634 als Flora.
Zwischenhoch

1649 findet Rembrandt in der wesentlich jüngeren Hendrickje Stoffels eine neue Liebe und Muse. Dabei steht Geertje ihm im Weg und nach langen Rechtsstreitigkeiten lässt er sie in eine Besserungsanstalt in Gouda stecken. Mit der neuen Lebensgefährtin geht es künstlerisch wieder bergauf und die Werkstatt macht gute Geschäfte. Eine seiner Radierungen erhält den Spitznamen "Hundertguldenblatt", weil schon zu Rembrandts Zeit diese enorme Summe für einen Druck bezahlt wurde, wo auf den Märkten Ölgemälde honoriger Künstler für zehn Gulden zu haben waren.

Pech nur, dass die Ausgaben für den verschwenderischen Lebensstil und die Sammelleidenschaft die Einnahmen noch übersteigen. Rembrandt kann seine Schulden nicht mehr bedienen und meldet 1656 Konkurs an. Nach der Pleite übernehmen Titus und Hendrickje die Geschäfte. Offiziell ist der Maler nun bei ihnen im Lohndienst, die Gläubiger haben das Nachsehen.

Selbstbildnis im Alter von 63 Jahren, Rembrandt (1669)
Das letzte Selbstbildnis zeigt Rembrandt im Alter von 63 Jahren. Es entstand 1669, kurz vor seinem Tod.
Trauriges Ende

1663 stirbt Hendrickje an der Pest, der 1668 – nur ein halbes Jahr nach der Hochzeit mit Magdalena van Loo – auch Rembrandts Sohn Titus zum Opfer fällt. Zurück bleibt ein aufgedunsener alter Mann mit langen, grauen Locken unter dem Barrett – so stellt sich Rembrandt auf dem letzten seiner rund 80 Selbstbildnisse im Todesjahr 1669 dar. Zusammen mit seiner unehelichen Tochter Cornelia und der schwangeren Schwiegertochter lebt er in einem kleinen gemieteten Haus an der Rozengracht. Dort erlebt er noch die Geburt seines Enkels, dessen Pate er am 22. März 1669 wird. Am 4. Oktober desselben Jahres verstirbt Rembrandt.

Üble Nachrede

Rembrandt ist besonders für seine Verwendung von Schatten und Licht bekannt. Durch die auch als Chiaroscuro bezeichnete Hell-Dunkel-Malerei holte er Ereignisse und Figuren in seinen Gemälden in den Vordergrund, um ihnen einen dramatischen und dynamischen Effekt zu geben. Während seine Werke sich bei Sammlern auch nach seinem Tod großer Beliebtheit erfreuen und hohe Preise erzielen, wird seine Malweise in der Kunstkritik und Kunstliteratur des Klassizismus negativ bewertet. Man wirft ihm Vulgarität vor, denn er ziehe als Modell ein Bauernweib einer Venus vor, klatsche die Farben so dick auf die Leinwand, dass man das Bild daran hochheben könne und auch sonst verachte er die klassischen Ideale.

Mann mit dem Goldhelm, um 1650/55
Der um 1650/1655 entstandene "Mann mit dem Goldhelm" wird seit 1986 nicht mehr Rembrandt zugeordnet. Zuvor galt er lange Zeit als der Inbegriff Rembrandtscher Kunst.
Plötzlich wieder Genie

Doch im 19. Jahrhundert wandelt sich das Bild. Nun gilt er als ein Genie, dem niemand gleichkomme. Entsprechend groß ist das Interesse von Händlern und Sammlern an "echten" Rembrandts. Die Bestimmung der Eigenhändigkeit von Rembrandts Werken fiel bereits seinen Zeitgenossen schwer, da sie von denen anderer Künstler wie Govert Flinck, Jan Lievens oder Aert de Gelder häufig kaum zu unterscheiden sind. Zudem wurden in seiner Werkstatt Kopien und Varianten angefertigt, die nicht eindeutig einem bestimmten Künstler zugeordnet werden können.

Solche Ungewissheiten spiegeln auch die Rembrandt-Werkverzeichnisse: Ein erstes von 1836 zählt 588 Gemälde auf, eines von 1923 sogar über 700. Nach jahrzehntelanger kritischer Sichtung geht die Fachwelt mittlerweile davon aus, dass sein Gesamtwerk etwa 350 Gemälde, 300 Radierungen und 1.000 Zeichnungen umfasst. Zu den Abschreibungen zählen auch so prominente Werke wie "Der Mann mit dem Goldhelm" der Berliner Gemäldegalerie.

Sogenannter Fahnenträger, Rembrandt (1636)
Rembrandts "Fahnenträger" wurde von Frankreich zum nationalen Kulturgut erklärt. Jetzt müssen nur noch die Millionen für den Ankauf aufgetrieben werden.
Goldjunge

Das Risiko, einen Fehlgriff zu tun, scheint aber niemanden abzuschrecken. Die beiden größten Ganzfigurenporträts, die Rembrandt je schuf - lebensgroße Bildnisse des Ehepaares Marten und Oopjen Day – gingen 2016 für 160 Millionen Euro an den Louvre und das Rijksmuseum und werden dort wechselweise exklusiv gezeigt. Und beim sogenannten "Fahnenträger", den Jakob Mayer Rothschild 1840 für 840 Pfund bei Christies ersteigerte, geht es dem Vernehmen nach um 150 Millionen Euro. Der berühmteste Vertreter der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts ist also zumindest auf dem Kunstmarkt immer noch ein Goldjunge.

KSA, 04.10.2019
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