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Raumfahrt-Premiere: Mit der Dragon-Kapsel zur ISS

Es ist ein Neuanfang für die US-Raumfahrt: Am 30. Mai 2020 sind zum ersten Mal seit 2011 wieder US-Astronauten von heimischem Boden ins Weltall gestartet. Die Dragon-Kapsel vom US-Unternehmen SpaceX absolvierte erfolgreich ihren ersten bemannten Testflug zur Internationalen Raumstation ISS. Auch das Andockmanöver an der Raumstation klappte wie geplant. Damit können Astronauten in Zukunft sowohl von Russland wie von den USA aus zur ISS reisen. Landung im Wasser

Andockmanöver einer Dragon-Kapsle an der ISS
So stellen sich die NASA und SpaceX das Andockmanöver vor.

Ob die erste Mondlandung und das Apollo-Programm oder die vielseitig einsetzbaren Raumfähren des Space-Shuttle-Programms: Lange war es selbstverständlich, dass NASA-Astronauten vom Raumbahnhof in Cape Canaveral ins All starteten. Von der dortigen Startrampe 39A hoben die mächtigen Saturn-V-Raketen ab, die die ersten Astronauten zum Mond brachten. Dort starteten aber auch die Raumfähren, die das Hubble-Weltraumteleskop und viele weitere Forschungssatelliten in den Orbit transportierten und die neue Besatzungen zur Internationalen Raumstation ISS brachten.

Mission SpaceX CRS-8
Eine Frachtversion der Dragon-Kapsel nähert sich der ISS.

SpaceX und Boeing schließen die Lücke

Doch mit dem Ende des Shuttle-Programms im Jahr 2011 endete diese Ära: Seither sind zwar viele unbemannte Raumsonden von den USA aus ins All gestartet. Aber die NASA besitzt keine Trägerrakete oder Raumfähre mehr, die auch Menschen in den Orbit bringen kann. Wenn Astronauten zur ISS fliegen wollten, mussten sie dies vom russischen Weltraumbahnhof in Baikonur aus tun. Auch deutsche ESA-Astronauten können bisher nur mit den Sojus-Kapseln in den Orbit reisen.

Doch die USA und vor allem US-Präsident Donald Trump haben ehrgeizige Pläne in der bemannten Raumfahrt. Sie wollen nicht nur unabhängig von den teuren russischen Transportflügen zur ISS werden, sondern auch bis 2024 erneut Astronauten zum Mond bringen und wenig später eine erste lunare Raumstation installieren. Deshalb hat die NASA schon vor fast 20 Jahren mit der Entwicklung einer neuen Trägerrakete für bemannte Missionen begonnen. Doch bislang hinkt dieses Space Launch System (SLS) seinem Zeitplan weit hinterher.

Deshalb hat die NASA schon vor einigen Jahren private Raumfahrtunternehmen wie SpaceX und Boeing mit ins Boot geholt. Im Rahmen des "Commercial Crew Program" haben beide Firmen bereits Trägerraketen und Raumkapseln entwickelt, die seit einiger Zeit Fracht zur ISS transportieren. Im März 2019 erfolgte dann der erste Testflug einer für bemannte Flüge auslegten Dragon-Kapsel von SpaceX zur ISS – zunächst noch ohne Astronauten an Bord.

Cockpitszene in der Dragon-Kapsel
Joystick und Touchscreens statt Knöpfen und Schaltern - auf der ersten bemannten Mission soll die Dragon allerdings vollautomatisch an der ISS andocken.

Erfolgreicher Start im zweiten Anlauf

 

Am 30. Mai 2020 folgte nun der entscheidende nächste Schritt, nachddem ein erster Versuch zwei Tage zuvor wegen der Wetterbedingungen abgebrochen worden war: Zum ersten Mal hat eine Dragon-Kapsel zwei Astronauten in den Orbit gebracht. Der "Demo-2" genannte Testflug hob gegen 21:30 Uhr unserer Zeit in Cape Canaveral ab. Die Dragon-Kapsel mit den Astronauten saß dabei auf der Spitze einer Falcon-9-Rakete von SpaceX. Diese wird schon seit mehreren Jahren eingesetzt, um Frachtkapseln zur ISS oder Satelliten in den Orbit zu bringen.

In den ersten zweieinhalb Minuten nach dem Start brachte die erste Brennstufe Kapsel und Besatzung bis in den erdnahen Weltraum. Dann kehrten die wiederverwendbaren Triebwerke der Falcon-9 zum Boden zurück, während die zweite Brennstufe für weiter gut fünf Minuten den Schub übernahm. Gut zwölf Minuten nach dem Start trennte sich die Dragon-Kapsel auch von dieser Brennstufe und legte den restlichen Weg zu ISS allein zurück.

Alles läuft vollautomatisch

An Bord waren die beiden NASA-Astronauten Robert Behnken and Douglas Hurley. Beide haben bereits je zwei Missionen mit Space Shuttles absolviert und gelten daher als erfahrene Astronauten. Beim Flug zur ISS mussten sie jedoch kaum in Aktion treten. Denn die Dragon-Kapsel ist komplett automatisiert und darauf ausgelegt, sowohl die Annäherung an die Station als auch das Andockmanöver selbstständig zu absolvieren.

Das Andocken an die Raumstation ISS folgte knapp 20 Stunden nach dem Start am Nachmittag des 1. Juni. Ursprünglich war für diesen ersten bemannten Testflug nur ein Aufenthalt von rund zehn Tagen an der ISS geplant. Weil jedoch die Dragon-Kapsel für eine Flugdauer von bis zu 110 Tagen ausgelegt ist und die USA zurzeit nur eine Astronautin auf der ISS haben, wird die NASA die Dauer dieser Testmission wahrscheinlich verlängern - um wie lange, ist noch unklar.

Empfang der Dragon-2-Crew an Bord der ISS
Die Crew der ISS begrüsst die beiden US-Astronauten Douglas Hurley (in der Luke) und Robert Behnken (mit dem Rücken zur Kamera) an Bord.

Landung im Wasser

Nach Ende des Aufenthalts auf der ISS werden Behnken und Hurley wieder in die Dragon-Kapsel zurückkehren und diese wird autonom von der Raumstation abdocken. Der Rückflug inklusive des Wiedereintritts in die Atmosphäre soll ebenfalls weitgehend ohne manuelle Eingriffe der Astronauten erfolgen. Ähnlich wie schon die Apollo-Raumkapseln landet die Dragon-Kapsel dann an Fallschirmen im Meer. Der geplante Landeort liegt vor der Atlantikküste von Florida.

Nachdem dieser Testflug bisher so problemlos geklappt hat, könnte die erste reguläre Mission zur ISS mit einer Dragon-Kapsel noch bis Ende des Jahres folgen. Die dann eingesetzten Raumkapseln sollen bis zu 210 Tage im Orbit bleiben können.

NPO. 27.05.2020
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