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Raucher ins Abseits?

Rauchverbote in der Öffentlichkeit - Bevormundung der Raucher, Erlösung der Nichtraucher?

Seit dem 01. Januar 2008 gilt in vielen weiteren Bundesländern wie Bremen, Nordrhein-Westfalen und Bayern das "Gesetz zum Schutz vor den Gefahren des Passivrauchens" (Nichtraucherschutzgesetz). Einige Länder wollen es den Betroffenen Rauchern und Gastronomen mit einer Übergangsregelung bis Juli 2008 leichter machen. Den Rauchern geht das alles viel zu weit. Dunkle Wolken ziehen auf.

Es ist eine Frage der Ehre und der Autonomie. Die deutschen Raucher wollen sich nicht als „Outlaws“ der Gesellschaft sehen und schlagen zurück. Es wird vor rauchfreien deutschen Gerichten die Frage geklärt werden müssen, ob das Nichtraucherschutzgesetz gegen diverse Grundrechte des Menschen verstößt. Es werden so genannte „Clubs“ gegründet, als die letzte Hoffnung für Wirte kleiner Kneipen, da die Vorgaben des Gesetzes für sie nicht ausführbar sind und letztlich ihre Existenz zerstören. In Schleswig-Holstein hat sich eine Religionsgemeinschaft um einen Gastwirten herum gegründet, die in ihrer „Kirche“ weiter rauchen dürfen und damit argumentieren, das in vielen Religionen das Verbrennen von Stoffen wie Weihrauch eine Rolle spiele und bei ihnen eben des Verbrennen von Zigaretten. Die Religionsausübung werde man sich im „Raucherasyl“, das bezeichnenderweise „Mausefalle“ heißt, nicht verbieten lassen.

Schon gehört ein gelber Stern auf einem T-Shirt, mit dem Wort „Raucher“ beschriftet, zu einer Protestaktion gegen die neuen Anti-Raucher-Gesetze.

Die Raucher sind aktiv. Das liegt in ihrer Natur, sonst würde man bei der anderen Fraktion nicht von „Passivrauchern“ sprechen. Man verzeihe mir dieses etwas platte Wortspiel, aber schließlich geht es ja auch um die Fähigkeit, sich den neuen Umständen aktiv anzupassen.

Den Iren beispielsweise ist das offensichtlich gut gelungen. Als erstes Land der Welt, das im Jahre 2004 ein konsequentes Gesetz verabschiedet hat, haben die Iren eine deutliche Akzeptanz des Nichtraucherschutzes verinnerlicht. Mehr als 80 % der Iren stehen hinter dem Rauchverbot in öffentlichen geschlossenen Räumen und zum Schutz der Arbeitnehmer an allen Arbeitsplätzen, also auch in allen Pubs und Restaurants. Der Gesundheitsminister hat durch sein Gesetz eine so hohe Popularität im Lande, dass es sogar zum Premierminister reichen könnte.

Ähnlich hohe Akzeptanzwerte gibt es im „Land des Rauchens“ Italien. Zwar musste die Zigarettenindustrie Einkommensverluste hinnehmen, doch für viele gilt das Gesetz als das Beste der Ära Berlusconi.

Andere Länder in Europa und der Welt werden nachziehen oder haben schon seit Jahren die Nichtraucher unter Schutz genommen.

Die gesundheitlichen Folgen sind nicht von der Hand zu weisen. Jährlich sterben tausende an den Folgen des Rauchens bzw. Passivrauchens. Aber auch die ökonomischen Folgen, die hierzulande in Politik und Gesellschaft fatalerweise höherwertiger gesehen werden, als die gesundheitlichen, sind gravierend. Das Gesundheitssystem ächzt unter den Belastungen des Nikotins und schreit lauthals nach Erleichterung, indem es scheinbar uneigennützig die Volksgesundheit in den Vordergrund stellt. Das gilt nebenbei nicht nur für Raucher, sondern auch für Dicke.

Das Dilemma liegt unter anderem darin, dass der Nichtraucher oftmals dem unheilbringendem Dampf ausgeliefert scheint. Er muss zu Hause bleiben oder sich der Gefahr stellen, wenn er am allgemeinen gesellschaftlichen Leben teilnehmen will. Das bleibt natürlich ihm überlassen, aber die Raucher machen es sich eben auch einfach, wenn sie sagen, dass man ja nicht dorthin gehen muss, wo geraucht wird. Damit stellen sie die Nichtraucher in das Abseits, in das sie selbst nicht gebracht werden wollen. Ein Kompromiss scheint kaum möglich, denn Dunst ist Dunst und wir atmen alle die gleiche Luft.

Ein weiteres Dilemma ist das der „Kleinen Kneipen“. Zugegebenermaßen ist es schwierig für einen Gastronom, der einen kleinen, bestuhlten Raum mit maximal zwei Tischen hat, dem Nichtraucherschutzgesetz gerecht zu werden. Das Rauchverbot kam aber nicht von jetzt auf gleich und es gibt noch immer Übergangsregelungen! Erste "Verlagerungsanzeichen" gibt es ja schon. Einige Familien trauen sich jetzt mit den Kindern in entsprechende Etablissements, die vorher schön zu Hause geblieben sind.

Da sind also Freude an Innovation und entsprechender Ideenreichtum gefragt. Aber wir Deutschen jammern eben erstmal gern und geben auch zu gerne den anderen die Schuld. Der Deutsche neigt leider auch dazu, bei so extrem unterschiedlichen Gegebenheiten die Kontrahenten in Lager aufzuteilen, die die jeweils andere Seite mit wiederum extremen Mitteln bekämpfen. So ist es zu erklären, das gelbe Sterne getragen und Religionsgemeinschaften gegründet werden. Akzeptanz und Toleranz sind nicht des Deutschen große Stärke. So auch bei diesem Thema. Es wird also noch dauern, bis sich die Glut abgekühlt hat und die Rauchschwaden sich verzogen haben.

Es bleibt zu hoffen, dass das Problem nicht wie im damaligen Herzogtum Lüneburg um das Jahr 1692 gelöst wird, als Raucher mit dem Tode bestraft, also nicht ins Abseits, sondern ins Jenseits gestellt wurden.

Wer die Raucher nun als unheilbringende Krankheitserreger und Suchtmonster hinstellt, macht es sich zu einfach. Es steckt deutlich mehr hinter der Sucht, als vermutet. Ein Blick hinter den blauen Dunst lohnt sich auch für Nichtraucher. Es seien hier nur schemenhaft die orale Befriedigung oder Selbstbelohnung sowie das Prinzip der „mächtigen Wolke“, die an die Stelle des mächtigen Wortes tritt, erwähnt. Wer sich dahingehend weiter informieren möchte, hat dazu vielfältige Möglichkeiten in der Literatur. Vielleicht bei einem Kaffee und einer Zigarette.

von Jörg Bernhardt, Delmenhorst
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