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Prostitution – eine Welt voller Mythen

Kann Prostitution freiwillig sein? Fast jeder glaubt, die Antwort zu kennen. Eine Prostituierte schildert ihre Sicht.

Sieben Jahre lang hat Johanna die Marketingabteilung eines mittelständischen Unternehmens geleitet. Dann hat die studierte Pädagogin eine ungewöhnliche Entscheidung getroffen: Sie hat den Job an den Nagel gehängt und sich stattdessen als Domina selbstständig gemacht. Seit fast vier Jahren ist die selbstbewusste Mittvierzigerin in ihrem neuen Beruf tätig, die Geschäfte laufen gut. Nur eins ärgert sie: Dass Politiker und Medienvertreter meinen, genau zu wissen, wie das Leben Prostituierter aussieht und welcher Hilfsmaßnahmen Sexarbeiterinnen bedürfen. Deshalb hat sie sich gemeinsam mit einigen Kolleginnen zur Gründung einer Interessenvertretung der in Deutschland tätigen Prostituierten entschlossen. Im Herbst 2013 soll der Zusammenschluss offiziell die Arbeit aufnehmen.

Prostituierte wartet auf Freier
Warten auf den Freier

Steht diese Prostituierte freiwillig hier? Darüber gibt es unterschiedliche Meinungen.

Unterjocht und ausgebeutet?

Glaubt man zahlreichen Medienberichten, dann geht es den meisten Prostituierten außerordentlich schlecht. Den Darstellungen zufolge sind Sexarbeiterinnen unter massiver Gewalt zur Prostitution gezwungene Frauen, die schon in der Kindheit misshandelt wurden und heute, drogensüchtig, depressiv und von geldgierigen Menschenhändlern abhängig, keine andere Wahl haben, als gegen ihren Willen und ohne nennenswerten Profit ihren Körper zu verkaufen.

Gegen dieses Bild ihres Berufsstandes wehrt sich Johanna: "Natürlich gibt es Zwangsprostitution – ich verwende lieber den juristischen Begriff ‚Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung’. Das ist ein Straftatbestand. Ich möchte das Leid dieser Frauen gar nicht kleinreden. Aber selbst wenn man annimmt, dass es der Polizei trotz zahlreicher Razzien nicht gelingt, diese Frauen zu finden, und deshalb die Dunkelziffer neunmal höher als die aktenkundigen Fälle ansetzt, kommt man am Ende darauf, dass das nur einen sehr, sehr geringen Teil der Prostituierten in Deutschland ausmacht." Die Mathematik gibt Johanna recht: Rund 650 Fälle von Zwangsprostitution werden in Deutschland jedes Jahr registriert. Ihnen stehen vermutlich rund 200.000 Sexarbeiterinnen gegenüber, manche Schätzungen gehen sogar von 400.000 aus. In den Medien allerdings werde Prostitution häufig vorschnell mit Zwangsprostitution gleichgesetzt, beobachtet Johanna.

Medienberichte, die Johannas Einschätzung belegen, finden sich regelmäßig. So behaupteten zum Beispiel nach der Vorstellung eines statistischen EU-Berichts über Menschenhandel in Europa im April 2013 die Titelzeilen mehrerer renommierter Zeitschriften und Zeitungen, darunter die Süddeutsche und die WELT, dass Menschenhandel und Prostitution in Europa stark steigen würden – obwohl in dem Bericht überhaupt keine Zahlen zur Prostitution nachzulesen waren.

 

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von wissen.de-Redakteurin Alexandra Mankarios, Juni 2013
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