03.06.2019
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Werther-Effekt durch Serien und soziale Medien?

Die Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht" hat in der Öffentlichkeit kontroverse Diskussionen ausgelöst: Die Thematisierung des Suizids eines jungen Mädchens könnte Nachahmungstaten provozieren, so die Befürchtung einiger Experten – eine Sorge, die sich in den USA offenbar bewahrheitet hat. Doch nicht nur in Serien, auch über die sozialen Medien kommen Jugendliche immer häufiger mit problematischen Inhalten rund um Selbstverletzung und Suizid in Berührung. Was tun?

Schattenwurf einer auf einer Brücke stehenden Person
Unter dem Werther-Effekt versteht man den kausalen Zusammenhang zwischen Selbsttötungen und ihrer medialen Darstellung – zu Goethes Zeiten noch in Buchform.

Mit der Veröffentlichung seines Romans "Die Leiden des jungen Werthers" soll Goethe seinerzeit eine regelrechte Suizidwelle ausgelöst haben. Viele junge Menschen identifizierten sich angeblich so sehr mit dem unglücklichen Protagonisten, dass sie ihn nachahmten. Während dieses berühmte historische Phänomen kaum belegt ist, gibt es jedoch zahlreiche Studien zum "Werther Effekt" in moderner Zeit.

Sie zeigen: Wird das Thema Selbsttötung in der Öffentlichkeit prominent behandelt, etwa weil sich ein Star das Leben genommen hat, steigt die Suizidrate. Noch stärker ist dieser Effekt, wenn Details über den Selbstmord publik werden, die Tat legitim erscheint oder romantisiert wird. Ein ähnliches Phänomen befürchteten Experten, nachdem Netflix im März 2017 die erste Staffel von "Tote Mädchen lügen nicht" (englischer Titel: "13 Reasons Why") veröffentlicht hatte.

"Erhebliche Gefahr"

Die auf einem Roman von Jay Asher basierende Serie handelt von dem Mädchen Hannah Baker, das Selbstmord begangen hat. Die Schülerin hinterlässt insgesamt dreizehn Audiokassetten, auf denen sie die Gründe für ihre Tat erklärt - dabei beschuldigt sie ihre Mitschüler, sie in den Suizid getrieben zu haben. Besorgt über das Thema und die Darstellungsweise sprachen unter anderem die Bundespsychotherapeutenkammer und die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention (DGS) damals Warnungen aus.

"In der filmischen Darstellung des Suizids besteht eine erhebliche Gefahr. Suizidpräventive Möglichkeiten werden nicht bzw. unzureichend dargestellt", erklärte die DGS in einer Stellungnahme. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte forderte gar ein Verbot der Netflix-Serie. Nun zeigt eine Studie: Die Befürchtungen waren offenbar nicht übertrieben.

Deutlich mehr Suizide

Forscher um Jeffrey Bridge von der Ohio State University in Columbus haben herausgefunden, dass die Suizidrate unter Jugendlichen in den USA nach dem Serienstart signifikant nach oben geschnellt ist. Konkret zeigten ihre Untersuchungen: In den Monaten nach der Veröffentlichung brachten sich ungewöhnlich viele junge Menschen im Alter zwischen zehn und 17 Jahren um.

Im April 2017, also im Monat direkt nach dem Start von "13 Reasons Why" war dieser Effekt besonders deutlich: Die Selbstmordzahlen stiegen um 28,9 Prozent im Vergleich zu Prognosen auf Basis der Vorjahreszahlen und aktuellen Entwicklungen in diesem Bereich an. Dieser Anstieg ging den Wissenschaftlern zufolge vor allem auf deutlich erhöhte Suizidzahlen unter Jungen zurück. Auch im Monat vor der Veröffentlichung gab es bereits mehr Selbstmorde als vorhergesagt – in dieser Zeit wurde viel Werbung für die Serie gemacht.

Problematische Inhalte auf Instagram

Vergleiche unter anderem mit Mordraten zeigten, dass der frappierende Anstieg der Delikte tatsächlich nur auf Selbsttötungen beschränkt war. Dies stützt nach Ansicht der Forscher die Annahme, dass die beobachteten Veränderungen durch die Serie zustande kamen und nicht durch andere in dieser Zeit relevante soziale oder Umweltfaktoren. "Die Ergebnisse dieser Studie sollten uns dafür sensibilisieren, dass junge Menschen offenbar sehr anfällig für Einflüsse aus den Medien sind", konstatiert Mitautorin Lisa Horrowitz vom National Institute of Mental Health.

Dies bestätigen auch die Ergebnisse einer Studie aus Deutschland: Florian Arendt von der Universität Wien und seine Kollegen haben untersucht, wie bildliche Darstellungen von Suizid und Selbstverletzung auf Instagram auf junge Nutzer zwischen 18 und 29 Jahren wirken. Bei ihren webbasierten Befragungen fanden sie heraus, dass eine überraschend große Anzahl von Usern bereits mit solchen Inhalten in dem Netzwerk in Berührung gekommen ist. Doch mit welchen Folgen?

"Besorgnis gerechtfertigt"

Im Querschnitt zeigte sich ein statistischer Zusammenhang zwischen dem Anschauen von Suizid- und Selbstverletzungsinhalten und häufigeren Suizidgedanken. Außerdem empfanden diese Befragten eine größere Hoffnungslosigkeit, sahen weniger Gründe selbst am Leben zu bleiben und legten mehr selbstverletzendes Verhalten an den Tag, wie die Wissenschaftler berichten.

"Sowohl Experten, aber auch Eltern haben in der jüngeren Vergangenheit Besorgnis über diese expliziten Inhalte auf Instagram geäußert. Unsere Ergebnisse liefern Evidenz dafür, dass diese Besorgnis gerechtfertigt ist", sagt Arendt. "Zwar kann diese Studie keine Werther-Effekte im Sinne eines Anstiegs der Suizidrate nachweisen, die Analysen deuten jedoch auf problematische Konsequenzen dieser Inhalte hin."

Sensibler Umgang gefragt

Beide Forscherteams plädieren angesichts ihrer Erkenntnisse dafür, sich die Macht von Medieninhalten stärker bewusst zu machen und mit dem Thema Suizid sensibel umzugehen. Die Macher von "Tote Mädchen lügen nicht" haben in diesem Zusammenhang bereits reagiert. Sie ließen ihre Hauptdarsteller zum Auftakt der zweiten Staffel immerhin diesen Appel sprechen: "Wir werfen einen Blick auf sexuellen Missbrauch, Drogensucht, Suizid und mehr. (…) Wenn du selbst mit solchen Themen kämpfst, könnte diese Serie nicht das Richtige für dich sein."

Arendt schlägt indes vor, die sozialen Medien intensiver auch für die Prävention zu nutzen: "Das präventive Potenzial von Instagram sollte besser als bislang genutzt werden, indem etwa vulnerablen Usern verstärkt Hilfsangebote kommuniziert werden und sie dadurch online Unterstützung finden."

Selbst betroffen? Unkomplizierte Hilfe bei Hoffnungslosigkeit und Suizidgedanken bietet die Telefonseelsorge unter den kostenlosen Rufnummern 0800-1110111 oder 0800-1110222 an. Zum Umgang mit der Serie "Tote Mädchen lügen nicht" hat unter anderem die Gesellschaft für Suizidprävention eine hilfreiche Broschüre veröffentlicht: https://www.suizidpraevention.at/pdf/13RW.pdf

DAL, 03.06.2019