18.01.2018
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Lawinengefahr: Wie kann ich mich schützen?

Sie kommen scheinbar aus dem Nichts: Vor allem jetzt in der Wintersportsaison lösen sich in den Bergen immer wieder Lawinen und reißen Skifahrer und Wanderer in den Tod. Fast die Hälfte aller Todesfälle in den Bergen gehen auf solche rasenden Schneemassen zurück. Doch wie entsteht eine Lawine und woran erkennt man die Gefahr? Und wie kann man sich vor dem "weißen Tod" schützen?

Lawinenabgang in Zinal (Fêta d'Août)
Wenn Lawinen große Fallhöhen zurücklegen, können sie sich mit Luft durchmischen und sich zu sogenannten Staublawinen entwickeln, die Geschwindigkeiten 200 Stundenkilometern und mehr erreichen.

Eben noch wirkte die Schneedecke stabil und fest, dann plötzlich gerät alles ins Rutschen: Eine Lawine löst sich. Oft gleitet dabei eine ganze Schneeschicht auf einmal ab, wie ein riesiges Schneebrett. Wo vorher noch eine stille weiße Schneelandschaft war, stürzt nun donnernd und tobend eine Schneemasse zu Tal. In anderen Fällen bildet sich eine Staublawine: Der Schnee wird beim Abrutschen aufgewirbelt und rast als lockere Wolke aus Schnee und Luft den Berghang hinab.

So dramatisch solche Ereignisse sind: Lawinen sind ganz normale Prozesse der Natur – sie existieren, seit es Berge gibt. Jährlich gehen weltweit etwa 25.000 größere Lawinen zu Tal, ungezählte kleinere bleiben ganz unbemerkt. Die meisten dieser Rutschungen aus Schnee verlaufen allerdings ohne Schaden für Menschen oder Siedlungen. Zur Katastrophe kommt es erst dann, wenn Bergwanderer oder Skifahrer in den Weg einer Lawine geraten oder sie Häuser, Straßen und Ortschaften trifft.

Auf den Schneezustand kommt es an

Entscheidend für die Bildung einer Lawine ist die Struktur des Schnees: Im frisch gefallenen Pulverschnee haben die Schneekristalle die Form filigraner sechsarmiger Sternchen. Durch diese feinstrahligen Verästelungen sind die Kristalle miteinander gut verhakt – die Schneefläche ist relativ stabil.

Doch das ändert sich im Laufe der Zeit: Je älter der Schnee wird und je wärmer die Temperaturen sind, desto rundlicher und größer werden die Kristalle. Sie ähneln nun eher kleinen Körnchen als verästelten Kristallen – das macht diesen Schnee schon sehr viel weniger stabil. Noch instabiler ist der Schwimmschnee – eine Schneesorte, die durch Wiedergefrieren von Wasserdampf in der Schneedecke entsteht. Dabei bilden sich große becherförmige Kristalle, die bei zu großem Druck leicht nachgeben.

Wird nun durch frischen Neuschnee, Regen oder Erschütterungen die Schneedecke über dem Schwimmschnee plötzlich schwerer, wird es gefährlich. Die Kristalle der gesamten instabilen Schicht können nun großflächig zusammenbrechen und wirken dann wie eine Gleitflüssigkeit. Die Folge: Der darüberliegende Schnee gerät ins Rutschen. Deshalb ist die Lawinengefahr besonders hoch, wenn im Frühjahr auf alte Schneedecken frischer Neuschnee fällt. Aber auch eine plötzliche Erwärmung oder Abkühlung des Wetters kann ausreichen, um das Gleichgewicht des Schnees zu stören.

Spuren einer Schneebrettlawine
Für Wintersportler besonders gefährlich sind die sogenannten Schneebrettlawinen, die über 90 Prozent aller Lawinenopfer fordern.

Welche Hänge sind gefährlich?

Doch neben Schnee und Wetter beeinflussen auch andere Faktoren die Lawinengefahr. Eine wichtige Rolle spielt beispielsweise die Hangneigung: Ist ein Berghang mit mehr als 50 Grad Neigung sehr steil, dann bleibt der Schnee ohnehin nicht lange liegen: Er rutscht immer wieder in kleinen Schüben ab, so dass sich gar nicht erst alter Schnee sammeln kann oder gefährlich instabile Schichten entstehen.

Ist ein Berghang dagegen eher flach, bleibt selbst instabiler Schnee liegen – auch hier ist eine Lawine daher meist unwahrscheinlich. Allerdings: Manchmal verbirgt sich unter dem Schnee ein weiterer Risikofaktor für eine Lawine: Liegt die Schneedecke auf einer Bergwiese mit langem Gras oder einem glatten, eisigen Felsuntergrund, dann wirken diese wie eine Rutschbahn.  Auch bei Hangneigungen unterhalb von 24 Grad kann an solchen Stellen dann Lawinengefahr bestehen.

Am größten ist das Lawinenrisiko jedoch an Hängen mit einer Neigung zwischen 35 und 50 Grad. Denn hier entstehen durch das Gewicht der Schneedecke große Zug- und Scherkräfte, die den Zusammenhalt der Schneeschichten beeinträchtigen. In einem solchen Lawinenhang genügen dann oft schon kleine zusätzliche Belastungen, zum Beispiel das Gewicht eines einzelnen Skiläufers, um das Gleichgewicht zu zerstören und eine Lawine auszulösen. Besonders heikel wird es, wenn der Wind an einem solchen Hang dicke Schneewächten angesammelt hat: Dieser Triebschnee ist oft der Ausgangspunkt von Lawinen.

LVS-Gerät
Mit Hilfe eines modernen Lawinenverschüttetensuchgerätes, kurz LVS-Gerät, können Lawinenopfer leichter und schneller geortet und in Folge geborgen werden.
Ausrüstung: Wie kann ich mich schützen?

Gerät man in eine Lawine, ist es für Flucht meist schon zu spät - man wird von der Lawine erfasst und mitgerissen. Von diesem Moment an läuft die Zeit. Denn ist man unter dem Schnee verschüttet, wird sehr schnell die Atemluft knapp. Wenn der Schnee nicht gerade außergewöhnlich locker ist oder man einen größeren Luftraum um sich herum hat, bleiben einem im Schnitt noch rund 15 bis 35 Minuten, bis man erstickt. Zwar gibt es immer wieder glückliche Ausnahmen, aber meist sterben Lawinenopfer innerhalb der ersten beiden Stunden, wenn sie nicht vorher geborgen werden.

Ob ein Mensch eine Lawine überlebt oder nicht, hängt daher entscheidend davon ab, wie schnell er gefunden wird. Und dafür kann jeder Wintersportler selbst etwas tun – beispielsweise durch die richtige Ausrüstung. Die Minimalversion sind passive Reflektoren aus Metall, die heute schon in viele Skijacken eingearbeitet sind. Diese Reflektoren werfen die Signale zurück, die die Peilgeräte der Rettungskräfte aussenden. Das erleichtert das Aufspüren eines Verschütteten.

Eine effektivere Variante ist das das Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS). Dieses besteht aus einem kleinen Sender, der ständig Funksignale einer bestimmten Frequenz ausstrahlt. Wird jemand von einer Lawine verschüttet, können Rettungskräfte oder auch nicht verschüttete Begleiter ihre LVS-Geräte so umstellen, dass sie zu Empfängern werden. Wie mit einem Peilgerät können sie dann die Signale des Verschütteten orten und ihn so unter dem Schnee schneller finden. Diese Suchgeräte kann man an vielen Skiorten inzwischen auch leihen.

Ein Airbag gegen die Lawine

Auf den ersten Blick skurril wirkt eine weitere Lawinenschutzmaßnahme: der Lawinen-Airbag. Er ist im Rucksack integriert und besteht aus großen Luftkammern, die sich beim Ziehen einer Reißleine automatisch füllen. In wenigen Sekunden blasen sie sich auf 150 Liter Volumen auf. Dieser luftige Airbag macht den Träger nicht nur leichter, er sorgt auch dafür, dass er ähnlich wie andre leichte, aber große Teile in der wirbelnden Schneemasse der Lawine an die Oberfläche gespült wird.

So eigentümlich dieser aufblasbare Begleiter wirkt – er hat sich in der Praxis schon bewährt. So zeigen Daten des Schweizer Lawinenforschungsinstituts in Davos: Im Schnitt liegt die Überlebenswahrscheinlichkeit für Träger eines Lawinen-Airbags bei 95 Prozent – das ist sehr viel mehr als ohne dieses Hilfsmittel.

Lawinen-Airbag
Lawinen-Airbag mit ausgefalteten Airbag-Taschen

Sich informieren kann Leben retten

Egal ob mit Lawinenschutz-Ausrüstung oder ohne: Jeder Wintersportler sollte sich vor einer Tour über den aktuellen Status seines Zielgebiets informieren. Oft gibt es dazu schon in den Hotels und Pensionen Aushänge mit den aktuellen Meldungen der Lawinenwarndienste. Sie ermitteln auf Basis von Wetterdaten und Sensoren die Lawinenwahrscheinlichkeit für verschiedene Hänge und Skigebiete und teilen ihnen eine Lawinenwarnstufe zu. Auch im Radio und Internet veröffentlichen die Lawinenwarndienste mehrmals täglich aktualisierte Lawinenwarnungen. Herrscht akute Lawinengefahr, sollte man den Lieblingshang besser meiden  - der eigenen Sicherheit zuliebe.

NPO, 18.01.2017