31.08.2017
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Homeoffice

Die Tücken flexibler Arbeitszeiten

Im Homeoffice oder mit völlig selbstbestimmter Zeiteinteilung zu arbeiten ist für viele Beschäftigte ein Traum. Doch was gut klingt, kann auch nach hinten losgehen. Eine Studie zeigt: Befindet sich das Büro in den eigenen vier Wänden, fällt das Abschalten abends besonders schwer. Und während Frauen von flexiblen Arbeitszeiten profitieren, scheinen sie Männer vor allem zu übermäßig vielen Überstunden zu verleiten.

Homeofficeszene
Das Arbeiten im Homeofffice wird von vielen Beschäftigten als substanzielle Verbesserung wahrgenommen.

Kein Stau auf dem Weg zur Arbeit, weniger Stress mit den Kollegen und vor allem: eine freie Zeiteinteilung. Viele Heimarbeiter geraten ins Schwärmen, wenn sie über ihren Arbeitsplatz sprechen. Doch das Arbeiten in den eigenen vier Wänden hat nicht nur Vorteile. Denn: Selbstbestimmung und Flexibilität klingen zwar gut. Sie können unter Umständen aber auch mehr Stress bedeuten, wie nun eine Untersuchung der Hans-Böckler-Stiftung offenbart.

Für die Studie hat ein Wissenschaftlerteam um die Soziologin Yvonne Lott untersucht, wie sich bestimmte Arbeitszeitmodelle auf das Verhalten und die Arbeitsbelastung von Beschäftigten auswirken. Dazu werteten sie die Angaben von rund 10.000 Teilnehmern der Haushaltsbefragung Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) aus den Jahren 2011 und 2012 aus.

Abschalten fällt schwer

Dabei zeigte sich: Wer im Homeoffice tätig ist, kann abends oft nicht abschalten. Die Wahrscheinlichkeit dafür liegt bei 45 Prozent und ist damit mehr als doppelt so hoch wie bei Beschäftigten, die nie zu Hause arbeiten. Die Forscher erklären sich dieses Phänomen damit, dass die Grenzen zwischen den Lebensbereichen bei dieser Arbeitsweise besonders leicht verschwimmen. Dadurch fällt es schwer, die Arbeit nach Feierabend auch mal Arbeit sein zu lassen.

Dabei beeinflusst nicht nur der Arbeitsort den Stresspegel der Beschäftigten. Auch die Arbeitszeiten sind entscheidend. Sie wirken sich auf Frauen jedoch offenbar anders aus als auf Männer. Wie die Untersuchung verdeutlichte, können beispielsweise nur die Herren der Schöpfung bei völlig selbstbestimmter Zeiteinteilung abends schwerer abschalten als bei festen Arbeitszeiten - sei es im Homeoffice oder im Betrieb. Sie neigen dazu, ohne vorgegebene Grenzen übermäßig lange zu arbeiten.

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Frauen als "geübtere Grenzgänger"

Weniger belastet fühlt sich das männliche Geschlecht daher mit selbstbestimmten, aber immer noch geregelten Arbeitszeiten – etwa Gleitzeit. Frauen hingegen haben mit völlig freier Zeitenteilung grundsätzlich keine Probleme. Sie nutzen die zeitliche Flexibilität statt für unzählige Überstunden eher, um Haushalt und Kinder mit dem Job unter einen Hut zu bringen. Frauen seien "typischerweise geübtere Grenzgänger" als Männer, sagt Lott.

Hoch ist die psychische Belastung für weibliche Arbeitnehmer allerdings bei Arbeitszeiten, die der Arbeitgeber kurzfristig ändert. So erschweren unvorhergesehene Dienstzeiten die Planung des Alltags enorm. Darunter leiden vor allem Frauen, weil sie traditionell noch immer den größeren Teil der Haus-, Pflege- und Erziehungsarbeit übernehmen, wie die Wissenschaftler berichten.

Flexibilität ja – aber mit Regeln

Im Lichte dieser Erkenntnisse sei eine von Unternehmen häufig geforderte weitere Deregulierung der Arbeitszeitbestimmungen äußerst kritisch zu sehen, sagt Lott. Neben den negativen Konsequenzen für die Work-Life-Balance verschärften Modelle wie die völlige Arbeitszeitautonomie auch die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Die Forscherin spricht vom "Risiko der Traditionalisierung von Partnerschaften", weil eine Seite – wahrscheinlich meist die Frau – der anderen den "Rücken frei halten" muss.

Dennoch hält Lott noch mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit grundsätzlich für vertretbar. Es müsse aber klare Regeln geben: zeitliche Obergrenzen, Zeiterfassung, realistische Vorgaben für das Arbeitspensum, genug Personal und Vertretungsregeln. Fortbildungen in "Grenzmanagement" für Beschäftigte und Vorgesetzte seien ebenso notwendig wie verlässliche Schichtpläne und eine Sensibilisierung aller Beteiligten für die geschlechtsspezifischen Folgen flexibler Arbeitsarrangements.

Wenn diese Voraussetzungen nicht nur im Betrieb, sondern auch beim mobilen Arbeiten oder im Homeoffice gegeben sind, könnten durchaus neue Spielräume für selbstorganisiertes Arbeiten geschaffen werden – zum Beispiel durch ein Recht auf Homeoffice, das bislang ein Privileg einzelner Beschäftigtengruppen und vielen Arbeitnehmerinnen nicht gestattet ist, so das Fazit der Wissenschaftler.

Hans-Böckler-Stiftung / DAL, 31.08.2017