22.03.2017
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Phänomen Zweisprachigkeit

Hallo! und ¡Hola!: Wer mit zwei Sprachen aufwächst, kann sich später problemlos und akzentfrei mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen verständigen. Doch das ist nicht der einzige Vorteil der Zweisprachigkeit. Immer wieder finden Forscher Effekte, die weit über die kommunikative Fähigkeit hinausgehen. Demnach schult Zweisprachigkeit auch das Gehör, macht womöglich kreativer und kann im Alter sogar den Beginn einer Demenz verzögern.

Kommunikation
Eine Spräche erlaubt nicht nur den Austausch mit anderen Menschen, sondern sie beeinflusst auch die Wahrnehmung und das Denken jener, die sie sprechen - und verändert dabei sogar nachhaltig das Gehirn.
Sprache ist ein wichtiges Mittel der Kommunikation. Sie verbindet Menschen und hilft, sich miteinander zu verständigen. Doch Sprache kann noch viel mehr als das. Als Teil des kulturellen Gedächtnisses spiegelt sie das Wissen ganzer Bevölkerungsgruppen wider. Zugleich prägt sie die Wahrnehmung und das Denken jener, die sie sprechen - und verändert dabei sogar nachhaltig das Gehirn.

Wie weit dieser Effekt reicht, zeigt sich besonders deutlich bei Menschen, die zweisprachig aufwachsen. So verarbeiten Zweisprachige die Laute der verschiedenen Sprachen in zwei komplett getrennten Bereichen, zwischen denen sie flexibel wechseln können. Dadurch nehmen sie Klänge und Silben jeweils leicht unterschiedlich wahr - je nach dem, welche Sprache sie gerade erwarten zu hören.

Zweisprachige Jongleure

Dieses ständige Umschalten zwischen zwei Lautsystemen gleicht einem Akrobatikakt: "Zweisprachige Menschen sind natürliche Jongleure", sagt Nina Kraus von der Northwestern University in Evanston. Ihr Gehirn jongliere ständig mit verschiedenen sprachlichen Reizen und entwickele dabei automatisch eine größere Aufmerksamkeit für relevante gegenüber nicht relevanten Klängen.

Tatsächlich ist das Denkorgan Zweisprachiger besser darin, den Klang menschlicher Sprache von Störgeräuschen zu unterscheiden. Während einsprachige Teenager sich schwer damit tun, eine bestimmte Silbe aus einem Gewirr von Lauten herauszuhören, fällt das bilingualen Jugendlichen deutlich leichter. Forscher glauben, dass diese Fähigkeit auf einer effektiveren Verarbeitung von Lauten im Hirnstamm herrührt. Erstaunlich dabei: Solche tiefgreifenden Anpassungen sind sonst nur von Profimusikern bekannt.

Lernende junge Frau
Mit dem Erlernen einer Sprache erwerben wir auch zumindest teilweise die kulturellen Normen und das non-verbale Verhalten, das zu dieser Sprache gehört.
Kreative Denker?

Doch nicht nur das Gehör wird durch den Umgang mit unterschiedlichen Sprachen geschult. Auch auf die Denkleistung kann er sich positiv auswirken. Denn zum einen lernt das Gehirn bei Zweisprachigen irrelevante Informationen generell effektiver auszublenden. Zum anderen ist das Denkorgan bei ihnen womöglich nicht nur in Sachen Sprache überdurchschnittlich flexibel und dadurch zu mehr Kreativität fähig.

So zeigen Experimente zum Beispiel: Bilingual aufgewachsene Menschen sind in Assoziationstests einfallsreicher als einsprachige Mitstreiter und kommen häufiger auf kreative Analogien - ein Hinweis darauf, dass Zweisprachige eher abseits des Mainstreams denken.

Schutz vor Demenz

Wie sehr das Gehirn von Zweisprachigkeit profitiert, offenbart sich bei älteren Menschen besonders deutlich. Bei ihnen kann die Jonglage mit zwei Sprachen sogar den Beginn einer Alzheimer-Demenz maßgeblich verzögern. Studien belegen: Im Schnitt dauert es dadurch fünf Jahre länger, bis erste Symptome der Erkrankung spürbar werden.

Der Grund für diese positive Wirkung: Weil das Denkorgan von Zweisprachigen gewohnt ist, stärker gefordert zu sein, entwickelt es eine Art geistige Reserve. Diese ist beim Blick ins Gehirn gut zu erkennen: Wer bis ins hohe Alter zwei Sprachen spricht, verfügt über mehr graue und weiße Hirnsubstanz. Werden einzelne Hirnzellen durch die Demenz zerstört, fallen diese Verluste zunächst weniger ins Gewicht.

Studenten verschiedener Ethnien
Die gute Nachricht: Man muss nicht unbedingt zweisprachig aufgewachsen, auch ein späterer Spracherwerb zeigt noch Wirkung.
Bessere Verknüpfung

Hinzu kommt: Die Hirnregionen sind funktionell auch stärker miteinander verknüpft. Daher können noch gesunde Bereiche zumindest in Teilen die Funktionen der bereits geschädigten Regionen übernehmen. "Das bedeutet, dass zweisprachige Menschen den Verlust von Hirnstrukturen und Hirnfunktionen durch Alzheimer besser kompensieren können", sagt Daniela Perani von der San Raffaele Universität in Mailand.

Übrigens: Um von diesem schützenden Effekt zu profitieren, muss man nicht zwangsläufig zweisprachig erzogen worden sein. Auch wer erst später gelernt hat, zwei Sprachen zu beherrschen, tut seinem Gehirn etwas Gutes. Wichtig ist aber: Die zweite Sprache muss im Alter noch intensiv genutzt werden. Fast vergessenes und nie wieder genutztes Schulfranzösisch bringt hingegen wenig.

DAL, 22.03.2017