26.10.2016
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Neues Zeitalter: Leben wir bereits im Anthropozän?

Der Begriff Anthropozän ist in letzter Zeit populär geworden. Er soll verdeutlichen, dass wir Menschen inzwischen die Erde so verändert haben, dass ein neues geologisches Zeitalter angebrochen ist: das Zeitalter des Menschen. Aber ist das wirklich der Fall und wozu brauchen wir überhaupt einen neuen Namen für unser Zeitalter?

Dass man schon aus dem Weltall die chinesische Mauer sehen kann, finden die meisten Menschen faszinierend. Genauso wie die New Yorker Skyline oder die künstlich angelegte Palmeninsel in Dubai. Für manche Wissenschaftler sind diese Bauten aber wohl eher Mahnmale eines neuen Zeitalters: des Anthropozäns.

Dubai
Nicht nur Dubai wurde zum Sandkasten für ehrgeizige Baulöwen.
Dieser Begriff steht für eine neue geologische Epoche, die so grundlegend vom Menschen geprägt wurde, dass die Folgen nachhaltig sichtbar und messbar sind. Eine Arbeitsgruppe hat kürzlich auf dem Internationalen Geologischen Kongress mit großer Mehrheit dafür gestimmt, dieses neue Zeitalter offiziell einzuläuten.

Der Wendepunkt braucht einen Namen

Der zukünftige Name für den neuen Abschnitt der Erdgeschichte soll Anthropozän lauten. In diesem Begriff steckt das Wort "Anthropo-", was auf lateinisch so viel bedeutet wie "vom Menschen". Genau deswegen haben Wissenschaftler den Begriff als neuen Namen vorgeschlagen. Denn unser gesamter Globus hat sich durch die Einwirkung des Menschen grundlegend verändert.

Die Wortsilbe "zän" wiederum steht in der Geologie für "neues Zeitalter" und taucht beispielsweise auch in "Holozän" auf, dem geologischen Zeitalter, das mit dem Ende der letzten Eiszeit vor rund 12.000 Jahren begann und bisher auch die Gegenwart umfasste.

Geologen machen die verschiedenen Epochen der Erdgeschichte an deutlichen Einschnitten und Veränderungen der Fossilienwelt und der damaligen Umweltbedingungen fest. Feste Vorgaben gibt es für die Benennung verschiedener Zeitalter allerdings nicht. Während frühere Zeitalter eher nach den Fossilienfunden unterschieden wurden, waren für Quartär und Holozän auch das Klima und damit Zustandsänderungen der Atmosphäre entscheidend.

Subway-Tunnel in London
Tunnel und Leitungen werden vermutlich deutlich länger bestehen als die meisten oberirdischen Bauten, meinen Forscher.
Forscher suchen Beweise

Ein neues geologisches Zeitalter können die Wissenschaftler offiziell erst benennen, wenn sie genügend Beweise finden, die den Einfluss des Menschen belegen. Das können zum Beispiel in Sedimenten abgelagerte Stoffe wie Kunststoffe oder Aluminium sein. Ein anderes Indiz wäre die radioaktive Belastung der Umwelt. Deswegen wird als Startdatum des Anthropozän auch das Jahr 1945 diskutiert - das Jahr des ersten Atombombentests.

Die Namensänderung würde für uns bedeuten, dass das Zeitalter des Holozän als beendet erklärt wird. Rückwirkend ab Mitte des 20. Jahrhunderts würde dann der Name Anthropozän gelten. Der Name muss aber noch von der internationalen stratigraphischen Kommission genehmigt werden. Bis der Begriff endgültig in die in die geologische Zeitskala übernommen wird, kann es daher noch Jahre dauern.

Für das neue Zeitalter könnte sprechen, dass es globale Veränderungen auf der Erde gibt, die dauerhaft sind und zum Teil nicht mehr umkehrbar. Und dass im Vergleich zu anderen Wendepunkten auf der Erde diesmal hauptsächlich eine Spezies dafür verantwortlich ist - der Mensch.

Grube einer Kupfermine in Nordschweden
Die Menschheit hat mehr als die Hälfte der Landfläche verändert. Bergbau zählt dabei sicherlich zu den drastischsten Eingriffen.
Der Mensch nimmt den Globus ein

Obwohl es schon seit über zwei Millionen Jahren menschliches Leben auf der Erde gibt, haben wir erst in den letzten hundert Jahren dazu beigetragen, den gesamten Globus zu besiedeln und zu verändern. Dafür sorgten die rasant wachsende Erdbevölkerung, die flächendeckende Bebauung, die Industrialisierung und unsere neuen Konsumgewohnheiten. Dies sind nur ein paar Ursachen, die dazu geführt haben, dass sich unsere Umwelt verändert hat.

Die Hauptgründe, die die Wissenschaftler benennen, um eine neue Namensgebung zu rechtfertigen, sind allerdings die durch uns erfolgte Verbreitung von Tier- und Pflanzenarten über den gesamten Globus, die Klimaerwärmung und die Veränderung großer bio-geochemischer Kreisläufe, wie zum Beispiel des Kohlenstoff-, Stickstoff- und Phosphorkreislaufs. Außerdem setzen sich Plastik, Aluminium und andere Stoffe im Boden ab und werden dort zu sogenannten Techno-Fossilien.

Menschen beeinflussen das Klima

Inzwischen sind sich nahezu alle Wissenschaftler einig, dass der Klimawandel menschengemacht ist – und damit unzweifelhaftes Indiz für unseren verändernden Einfluss. Der Hautgrund für die Veränderung des Klimas ist der verstärkte Eintrag von CO2 in unsere Atmosphäre. Dafür ist vor allem die Verbrennung von fossilen Rohstoffen wie Kohle, Erdgas und Erdöl zuständig. Diese Verfahren nutzt der Mensch seit Mitte des 19 Jahrhunderts nahezu kontinuierlich. Andere Faktoren, die den Klimawandel fördern, sind Landnutzungsveränderungen und die Landwirtschaft.

Für all diese Dinge ist der Mensch verantwortlich. Damit sorgt er für die weltweite Erhöhung der Temperatur, das Schmelzen der Gletscher, den damit verbundenen erhöhten Meeresspiegel und die Versauerung der Meere. Das wiederum verändert die Lebensbedingungen, nicht nur für den Menschen. Während sich einige Lebewesen an die Bedingungen anpassen und sich rasant vermehren, könnten andere Tiere oder Pflanzen aussterben.

Müllldeponie
In praktisch jedem Land der Erde finden sich Mülldeponien, die der Umwelt weit über unsere persönliche Lebenszeit hinaus erhalten bleiben.
Indizien unseres Konsums

Auch Produkte, die der Mensch nutzt, zeugen unzweifelhaft von unserer Gegenwart auf diesem Planeten. Denn die Reste unseres Konsums bleiben der Umwelt noch über unsere persönliche Lebenszeit hinaus erhalten. Dazu gehören Plastik, Aluminium oder auch Baureste, die sehr lange brauchen, bis sie vollständig zersetzt sind. Die Stoffe setzen sich in den Erdschichten ab – und hinterlassen so sichtbare Spuren unserer Existenz.

Die Abgase unserer Industrie und der Einsatz chemischer Stoffe in der Landwirtschaft verändert unsere Umwelt ebenfalls. Pestizide und Schwermetalle finden sich inzwischen selbst im Gletschereis der Arktis. Die jahrzehntelang in der Atmosphäre bleibenden Überreste von Treibgasen und Kühlmitteln haben die Ozonschicht des Planeten stark geschädigt.

Traktor beim Aufbringen von Pestiziden
Durch den Einsatz von Chemikalien und die Zerstörung von Lebensräumen sind ebenfalls viele Tiere in Gefahr.
Das sechste große Artensterben

Auch an der Tier- und Pflanzenwelt lässt sich der prägende Einfluss des Menschen ablesen. Tier- oder Pflanzenarten an anderen Orten der Welt anzusiedeln, mag sich erst einmal nach nichts Schlimmem anhören, doch tatsächlich kann es gravierende Folgen haben. Denn die Tiere und Pflanzen gelangen so an Orte, an denen sie keine natürliche Konkurrenz oder Fressfeinde haben. Dadurch sind sie heimischen Arten gegenüber im Vorteil und können sich rasant vermehren. Als Folge verdrängen und gefährden sie häufig die alteingesessenen Spezies und können sogar ihr Aussterben verursachen.

Durch den Einsatz von Chemikalien und die Zerstörung von Lebensräumen sind aber ebenfalls viele Tiere in Gefahr. So wird zum Beispiel das Bienensterben unter anderem auf den Einsatz von Pestiziden zurückgeführt. Die Rodung von Wäldern und die Umwandlung von Landflächen in Felder oder Siedlungsfläche nimmt zudem vielen Arten ihren Lebensraum. Angesichts des weltweiten Artenschwunds sprechen viele Biologen bereits vom sechsten großen Artensterben der Erdgeschichte – auch das wäre ein Indiz für einen Epochenwechsel.

All diese Kriterien sprechen nach Ansicht vieler Wissenschaftler für den Anbruch eines neuen Zeitalters, des Anthropozäns. Es gibt jedoch auch Forscher, die dies kritisch sehen. Sie befürchten, dass die Diskussion eher politisch motiviert ist. Dadurch könnten die geologischen Kriterien, die ein neues Zeitalter begründen, in den Hintergrund geraten.

HDI, 26.10.2016