04.08.2016
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Owens vs. Long: Ein Duell mit Symbolkraft

Das Weitsprung-Duell zwischen dem Amerikaner Jesse Owens und dem Deutschen Luz Long gehört rückblickend zu den Höhepunkten der Olympischen Spiele 1936. Vor den Augen der nationalsozialistischen Führungsloge gewinnt der "Neger" nicht nur über den vermeintlich überlegenen Arier. Die beiden freunden sich anschließend auch noch an – und brüskieren damit Hitler. Heute jährt sich der Tag ihrer historischen Begegnung zum 80. Mal.

Jesse Owens beim Start zum 100-Meter-Lauf der Männer
Jesse Owens gewann die erste seiner vier Goldmedaillen im 100-Meter-Lauf.
Deutschland, Sommer 1936: In dem von Adolf Hitler regierten Land finden die Olympischen Spiele statt – und die Mission ist klar. Die Wettkämpfe sind dieses Mal nicht unpolitisch, noch sollen sie die Nationen der Welt zusammenführen, wie es der Begründer der modernen Spiele einst vorgesehen hatte. Ganz im Gegenteil: Der Sport ist dem Diktator bloß ein Mittel zum Zweck. Unter seinem Deckmantel will Hitler gemeinsam mit Propagandaminister Joseph Goebbels eine gigantische Inszenierung der vermeintlichen Überlegenheit der arischen Rasse aufführen.

Schon wenige Monate zuvor haben die Nationalsozialisten einen sportlichen Wettkampf erfolgreich für ihre Zwecke missbraucht. Nach dem "Kampf des Jahrhunderts" zwischen den Boxern Max Schmeling und Joe Louis in New York feiern sie den Sieg des Deutschen über den Afroamerikaner, den Sieg von Weiß über Schwarz, als Bestätigung ihrer Politik. Genau so soll es auch bei den Spielen geschehen. Doch der Rassenwettstreit setzt sich nicht so fort, wie geplant. Denn ein Sportler aus Alabama macht der Propagandamaschinerie einen Strich durch die Rechnung. Sein Name ist James Cleveland "Jesse" Owens.

Jesse Owens beim Weitsprung
Einen Tage nach dem Erfolg im 100-Meter-Lauf siegte Owens auch im Weitsprung.
Olympiasieg unterm Hakenkreuz

Der 23-jährige Leichtathlet hat sich erfolgreich für die Teilnahme am Weitsprung-Wettbewerb qualifiziert – und nun, am 4. August, geht es um nichts Geringeres als die Goldmedaille. Sein schärfster Konkurrent: der Deutsche Luz Long. Mit seiner großen Statur, den blonden Haaren und den blauen Augen ist Long die perfekte Verkörperung des idealtypischen Ariers. Er ist Hitlers Mann.

Doch welche Chancen hat er gegen Owens? Immerhin hat der einen Tag zuvor bereits Gold im 100-Meter-Lauf gewonnen und gilt im Sprung und Sprint spätestens von dem Tag an als unanfechtbar, als er auf einer Sportveranstaltung in den USA binnen einer knappen Stunde fünf Weltrekorde brach. Long aber legt gut vor: Er springt 7,87 Meter, olympischer Rekord. Die nationalsozialistische Politikerloge jubelt – und Owens gratuliert dem Deutschen. Wenig später legt sich die euphorische Stimmung unter den Nazis jedoch schlagartig. Denn Owens springt weiter als Long: 8,06 Meter reichen für den Olympiasieg.

Geste der Freundschaft

Was dann passiert, gehört rückblickend zu den Höhepunkten der Olympischen Spiele 1936. Luz Long gratuliert dem nach der Rassenideologie angeblich wertlosen Schwarzen noch an der Weitsprunggrube zum Sieg. Beide umarmen sich, gehen lachend ein paar Schritte nebeneinander her – und bringen Hitler damit vermutlich zur Weißglut. Für diese Geste, so soll es in einem handschriftlichen Vermerk von Longs Mutter zu lesen sein, wird der Deutsche von der Führungsloge dann auch prompt gerügt: Von höchster Stelle bekommt er angeblich den Verweis "nie wieder einen Neger zu umarmen".

Owens zollte Long für seine Courage später Respekt: "Es kostete ihn viel Mut, sich vor den Augen Hitlers mit mir anzufreunden. Man könnte alle Medaillen und Pokale, die ich habe, einschmelzen, und sie würden nicht für eine Schicht über die 24-Karat-Freundschaft reichen, die ich in diesem Moment für Luz Long empfand."

Widmung für den deutschen Rivalen

Im Verlauf der Wettkämpfe gewinnt Jesse Owens noch zwei weitere Goldmedaillen und wird damit zum erfolgreichsten Athleten der Spiele. Doch vor allem die berührenden Szenen zwischen ihm und seinem deutschen Rivalen wirken dank ihrer symbolischen Strahlkraft bis heute nach. Die Freundschaft der beiden hält auch nach Olympia an, sie schreiben sich gelegentlich Briefe.

In sportlichen Wettstreit treten Long und Owens jedoch nie wieder: Owens, der in seiner ebenfalls von Rassenideologie durchtränkten Heimat für seine außerordentlichen Leistungen übrigens keine Glückwünsche vom damaligen Präsidenten Franklin Roosevelt erhält, hängt seine Amateurkarriere nach der Rückkehr in die Vereinigten Staaten an den Nagel.

Der Krieg verhindert schließlich, dass sich die beiden Sportler noch einmal privat treffen: Long stirbt 1943 bei einem Kriegseinsatz in Italien. Jesse Owens aber hält noch Jahre später die Erinnerung an seine Begegnung mit dem sportlichen Rivalen wach. Er eröffnet seine Biografie mit einer Widmung für seine Frau und Luz Long: "den Nazi, der Hitler mit mir bekämpft hat".