21.07.2016
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wissen.de Artikel

Nestwärme macht Jugendliche politisch faul

Immer weniger Jugendliche engagieren sich auf politischer Ebene. Doch warum ist das so? Viele Menschen würden jetzt eine schlechte Erziehung vermuten, das ist allerdings laut einer Studie falsch. Gerade die Schüler, die Zuhause viel elterliche Wärme und Unterstützung genossen haben, sind besonders unmotiviert, wenn es um freiwillige politische Projekte geht. Das wirft einige Fragen auf.

Demonstration
Politikverdrossenheit unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist schon länger ein Thema - aber auch das Engagement außerhalb politischer Parteien leidet.
Die einen arbeiten als freiwillige Helfer in Krisenregionen oder in sozialen Projekten, verfassen Petitionen und beteiligen sich an politischen Debatten und Demonstrationen, die anderen bequemen sich höchstens bei Fußball dazu, ihre Meinung kundzutun, Politisches dagegen interessiert sie nicht. Einigen Berichten zufolge hat heute sogar der größte Teil der Jugendlichen und jungen Erwachsenen keine Lust auf Politik oder Engagement.

Welche Rolle spielt das Elternhaus?

„Solche Aktivitäten sind für das Funktionieren einer jeden Demokratie wichtig, selbst wenn es im Inhalt des Engagements von Land zu Land Unterschiede gibt“, erklärt Maria Pavlova von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. So ist es in den USA viel normaler, sich um Bedürftige zu kümmern, weil dort das soziale Netz sehr viel lückenhafter ist als bei uns. Aber warum gibt es auch innerhalb eines Landes große Unterschiede, gerade bei Jugendlichen?

Was macht einige Jugendliche politisch und sozial engagiert, während sich andere dagegen eher nur um ihre eigenen Belange kümmern? Landläufiger Annahme nach spielt dafür das Elternhaus und insbesondre der Bildungsstand der Eltern eine große Rolle. Kinder aus dem eher wohlbehüteten Bildungsbürgertum, so heißt es, hätten demnach eher das Wissen und die Motivation, sich politisch zu engagieren. Aber stimmt das auch?

Kleinfamilie
Gerade wohlbehüteten Schülern fehlte es nach einer finnischen Studie an Motivation sich politisch zu engagieren.
Nestwärme macht träge

Pavlova ist da anderer Meinung. Sie untersuchte zusammen mit Wissenschaftlern der Universität Jyväskylä und Helsinki (Finnland) das politische Engagement von 1.500 finnischen Schülern und Schülerinnen in einem Zeitraum von zehn Jahren. Zu Beginn der Studie waren die Schüler zwischen 16 und 18 Jahre alt und zum Ende zwischen 25 und 28.

Dabei kamen die Wissenschaftler zu einem interessanten Ergebnis: Gerade den wohlbehüteten Schülern fehlte es an Motivation sich politisch zu engagieren. Nestwärme macht anscheinend träge. Elterliche Fürsorge sorgte sogar dafür, dass die Heranwachsenden bis zu zehn Jahre nach dem Erwachsenwerden nur geringen Einsatz in Sachen Politik zeigten. Bei Freiwilligenarbeit sind es dagegen nur zwei.

Übertragbar auch auf andere Länder

„Ähnliche Effekte sind aber auch in der deutschen Stichprobe aufgetreten“, sagt Pavlova. Das zeigt, dass sich die aktuellen Daten aus Finnland auch auf die Situation anderer Länder übertragen lassen. Neben dem Elternhaus könnte dies zum Teil auch an den zur Verfügung gestellten sozialen Leistungen liegen. Denn in Finnland, aber auch in Deutschland, sehen die Bewohner den Staat in der Verantwortung, den Bürgern zu helfen - anders als in den USA, wo es diese Leistungen nicht gibt und Freiwilligenarbeit dementsprechend häufiger ausgeführt wird.

Zusätzlich wird in vielen europäischen Ländern ein bürgerliches Engagement nicht als Notwendigkeit gesehen, um im Berufsleben erfolgreich zu sein. Das könnte sich nach Ansicht der Forscher wiederum in der jeweiligen Erziehung wiederspiegeln.

Trotz solcher landestypischen Unterschiede könnten die Ergebnisse der Studie aber eine Erklärung dafür liefern, warum sich heute so wenige Jugendliche aktiv engagieren: Selbst wenn sie eine gute Erziehung genießen und Rückhalt im Elternhaus bekommen, fehlt ihnen der Anschub zum sozialen Engagement. Anders ausgedrückt: Wer nicht schon im Elternhaus gelehrt und besser noch vorgelebt bekommt, dass das Einsetzen für Andere dazugehört, der bleibt auch später eher ein Egoist mit wenig Interesse am Gemeinwohl.

TKR, 25.07.2016