11.09.2015
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wissen.de Artikel

Lichtverschmutzung – Wenn die Nacht zum Tag wird

Auf Knopfdruck hell, die ganze Nacht – dank Elektrizität sind wir nicht mehr nur auf Tageslicht angewiesen. Stattdessen regeln künstliche Lichtquellen unseren Tagesrhythmus, der Unterschied zwischen Tag und Nacht ist dabei unbedeutend. Doch das Kunstlicht rund um die Uhr hat Folgen: Unsere innere Uhr gerät aus dem Takt und bringt unsere Gesundheit ins Stolpern. Auch ein echter Nachthimmel lässt sich wegen der zunehmenden Lichtverschmutzung kaum noch ungestört bestaunen.

Künstliche Lichtquellen bestimmen unseren Alltag: Immer bessere Lampen lassen uns bei keiner Gelegenheit im Dunkeln stehen, Straßenlaternen sichern den zunehmenden Verkehr bei Nacht, Fernseher und Computerbildschirme versorgen uns strahlend mit Informationen. Seit elektrisches Licht jederzeit und praktisch überall verfügbar ist, bestimmt das Sonnenlicht schon lange nicht mehr den Tagesrhythmus. Internet-Nutzungsdaten beispielsweise zeigen, dass vor allem in reichen Industrienationen kaum noch echte Nachtruhe existiert: Irgendjemand ist immer wach.

Skyglow überstrahlt die Sterne

Diese Aktivität rund um die Uhr erfordert zusätzliches Licht: Büro- und Wohnhäuser, Straßenlaternen und Leuchtreklamen sind oft fast die ganze Nacht hindurch beleuchtet. Besonders unsere Städte werden immer heller. Direkt sichtbar wird die Lichtverschmutzung am Nachthimmel. Das über dicht besiedelten Gebieten gestreute Kunstlicht taucht den ganzen Himmel in einen rötlich-gelb glühenden Schimmer. Dieser sogenannte "Skyglow" überstrahlt schwach leuchtende Sterne, oft bleiben nur wenige der hellsten Sterne sichtbar.

Skyglow am Nachthimmel
Nur die hellsten Sterne überstrahlen den nächtlichen "Skyglow".

Für die Astronomie ist dieses Phänomen äußerst lästig: Kann man in einer dunklen Nacht bis zu viertausend Sterne zählen, sind am Himmel über einer hellen Stadt gerade mal eine Handvoll sichtbar. Auch aus diesem Grund weichen die großen Sternwarten mit ihren Teleskopen an abgelegene Standorte aus, wie etwa die Europäische Südsternwarte in der chilenischen Atacama-Wüste. Die spärliche Bevölkerungsdichte garantiert dort noch einen sternenreichen Nachthimmel ohne störendes "Schmutzlicht".

Innere Uhr aus dem Takt

Die Folgen der nächtlichen Dauerbeleuchtung wirken sich jedoch auch auf unseren Körper aus. Unsere innere Uhr richtet sich stark nach dem Tageslicht: Der Wechsel von Licht und Dunkel teilt den gesamten Stoffwechsel in Wach- und Ruhephasen. Geraten diese durcheinander, macht sich das bald bemerkbar. So wird unter anderem der Energiehaushalt dadurch reguliert – und das spielt eine wichtige Rolle dafür, ob Kalorien verbrannt oder als unliebsame Fettpolster abgelagert werden. Schon ein kurzer Spaziergang im Morgenlicht stabilisiert die innere Uhr und wirkt geradezu wie ein Schlankheitsmittel, fanden Forscher heraus.

Die Folgen einer durchgearbeiteten oder durchgefeierten Nacht sind sogar sofort körperlich spürbar – selbst nachdem der verlorene oder aufgeschobene Schlaf nachgeholt ist, geht die innere Uhr falsch. Stark ausgeprägt ist der Effekt bei Reisen in andere Zeitzonen: Beim "Jetlag" passt die innerlich gefühlte Tageszeit nicht zum tatsächlich erlebten Licht. Es dauert eine Weile, bis die innere Uhr sich angepasst hat. Wird Jetlag durch häufiges Reisen oder ungesunden Lebensstil zum Dauerzustand, drohen Folgen wie Übergewicht oder Depressionen.

Blaue LEDs
Blaues Licht bringt die innere Uhr besonders leicht aus dem Takt.

Durch Lichtverschmutzung kann ein ähnlicher Effekt auftreten wie beim Jetlag, wenngleich viel subtiler, befürchten Wissenschaftler. Licht beeinflusst nämlich die Produktion des von der Zirbeldrüse im Gehirn ausgeschütteten "Schlafhormons" Melatonin. Im Dunkeln wird mehr davon gebildet, bei Licht weniger – aus diesem Grund fühlt man sich bei eingeschaltetem Licht weniger müde und schläft schlechter. Nächtliches Streulicht kann sogar das Wachstum von Tumoren beschleunigen und sie resistent gegen Medikamente machen.

Entspannende Dunkelheit

Den gesundheitlichen Folgen der Lichtverschmutzung ließe sich gleich auf mehrere Arten entgegenwirken: Am effektivsten ist es natürlich, auf die überflüssigen Lichtquellen zu verzichten. Schlafzimmer sollten möglichst stark abgedunkelt sein, um Streulicht von draußen zu vermeiden. Neuere Untersuchungen zeigen, dass der Effekt der Lichtverschmutzung auf den Menschen nicht nur vom Tagesrhythmus, sondern auch stark von der Wellenlänge des Lichtes abhängt.

Blaues Licht bremst die Produktion des Schlafhormons Melatonin im menschlichen Gehirn besonders stark. Nur knapp 40 Minuten im Licht einer normalen Glühbirne halbieren die Menge an ausgeschüttetem Schlafhormon bereits. Moderne Leuchtdioden (LED) senden noch wesentlich mehr blaues Licht aus, und die Displays von Smartphones, Tablets und Notebooks strahlen ebenfalls stark im blauen Bereich. Schlafmediziner empfehlen daher, diese Geräte nicht unmittelbar vor dem Schlafengehen zu benutzen.

Verwirrte Tierwelt

Der Tierwelt macht das künstliche Licht noch drastischer zu schaffen: Direkt betroffen sind besonders Insekten, die sich von Lichtquellen angezogen fühlen. Scheinwerfer mit hoher Leistung, aber auch Straßenlaternen kosten viele der Gliederfüßer das Leben. Junge Meeresschildkröten orientieren sich nach dem Schlüpfen am Mond- und Sternenlicht, um zum Wasser zu finden. Neuerdings überstrahlen jedoch die Lichter an Land das Funkeln auf dem Wasser. Der Schildkröten-Nachwuchs schlägt dadurch immer häufiger die falsche Richtung ein.

Leuchtturm Dahmeshöved, nachts (2008)
Leuchtturm Dahmeshöved in Aktion

Die starken Lichtquellen der  Leuchtfeuer beeinträchtigen See- und Zugvögel.

Vögel leiden vor allem unter der Signalwirkung des Lichtes bei Nacht. Während Leuchttürme an den Küsten Schiffen den Weg weisen, können sie Vögel geradezu in die Irre leiten. Beim Zusammenprall mit den Türmen oder ihren Lampen sterben jährlich tausende Vögel. Noch dramatischer sind die Folgen der allgegenwärtigen Lichtverschmutzung für manche Zugvogelschwärme. Sie lassen sich auf ihrer Reise von den starken Lichtquellen am Boden ablenken und fliegen lange und erschöpfende Umwege. Suchscheinwerfer oder die auffälligen Lichter auf den Dächern vieler Diskotheken sind darum eine mögliche Gefahr für die Tiere.

Wie beim Menschen reagiert auch die innere Uhr der Tiere auf die Lichtverschmutzung. Viele Tiere folgen wesentlich strikteren Tag-und-Nacht-Rhythmen als Menschen der heutigen Zeit. Daher sind sie auch anfälliger für Störungen. Im Großraum München beispielsweise verhalten sich Amseln im Stadtgebiet mittlerweile anders als die Vögel in einem Waldgebiet außerhalb der Stadt, wie Untersuchungen zeigten. Die richten Waldamseln ihren Tag nach Sonnenauf- und –untergang aus. Die Stadtvögel dagegen werden schon 30 Minuten früher aktiv, und beenden ihren Tag fast zehn Minuten später.

Brisbane kurz vor und während der Earth Hour 2012
Das westaustralische Brisbane kurz vor und während der Earth Hour 2012.

Sternenhimmel zur "Earth Hour"

Aus all diesen Gründen drängt es sich auf, die Lichtverschmutzung wenigstens im eigenen Umfeld in Grenzen zu halten. Dass es zumindest zeitweilig auch ohne Licht geht, zeigen Aktionen wie die jährliche "Earth Hour" am letzten Sonntag im März: Die Umweltorganisation WWF ruft dabei dazu auf, symbolisch für eine Stunde unnötige Lichtquellen und andere elektrische Geräte aller Art abzuschalten.

Die plötzlich einsetzende Dunkelheit während dieser Energiespar- und Klimaschutz-Aktion verdeutlicht die Lichtverschmutzung durch die sonst allgegenwärtige Beleuchtung. Außerdem bietet sie Gelegenheit, einen unverschmutzten Himmel voller Sterne zu bewundern.

AKR, 11.09.2015